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Zukunftsvision - Klimawandel im Jahre 2038

Nackte Angst lag in Roberts Augen, als er aus seinem behelfsmäßigen Unterstand in den beginnenden Tag blickte, der wieder von Zyklopen, Erdbeben und Eisregen bestimmt werden würde.
Der Tauschplatz, zu dem er unterwegs war, war noch ein Stück weit entfernt. Er hatte einige verrostete Messer und andere vielleicht wichtige und für einen Tauschhandel geeignete Gegenstände von den hier überall verstreut liegenden Leichen eingesammelt. Er würde vielleicht einige Konserven dafür erhalten, denn die Larven, die er hinter der abgesplitterten Rinde von umgestürzten Bäumen hervorpulte, waren im Moment seine einzige Nahrungsgrundlage.
Es gab einmal eine Zeit, da sprach man über eine Klimakatastrophe oder von einem Klimawandel.
Die Orkane Lothar, Franz, Rita oder der heftigste, der Orkan Kyrill, die mit Geschwindigkeiten von über zweihundert Stundenkilometern hier tobten, hinterließen eine Spur der Verwüstung. Doch niemand kümmerte sich darum. Die Schäden wurden behelfsmäßig behoben und an der Politik zum Thema Klima wurde nichts geändert.
Nun war die Tragödie da. Der Planet Erde mutierte zu einer lebensfeindlichen Schattenwelt. Orkane, Erdbeben und beißende Kälte bestimmten den Lebenszyklus dieser jetzt unrettbaren Welt.
Robert wusste nicht, wie viele Überlebende es noch gab, oder wann er das letzte Mal eine lieblich zwitschernde Meise oder ein anderes Getier zu Gesicht bekommen hatte.
Jeder Überlebende war auf sich allein gestellt und jeder kämpfte gegen jeden. Messer oder Speere waren die einzigen Waffen um sich gegen hinterhältige Angriffe schützen zu können. Schussgeräte gab es schon lange nicht mehr, die Patronen waren ausgegangen und es gab niemanden mehr, der neue produzieren würde.
Die Eltern und seine Schwester kamen vor einigen Jahren bei einem Unfall in der Magnetbahnröhre ums Leben. Es war damals das einzige Transportmittel, das noch sicher war, um die nächsten Dörfer erreichen zu können.
Ein katastrophaler Hurrikan zerstörte dann das Plexiglas dieser sicher geglaubten Transportbahn und saugte alles Leben aus ihr, nur um es aus einer Höhe von 6000 Metern irgendwo wieder herabstürzen zu lassen. Das war jetzt vielleicht zehn Jahre her. Genaue Daten hatte Robert nicht, denn Kalender benötigte man heutzutage nicht mehr.
Der Unterstand an der Hausruine hatte ihm bisher nur einen kärglichen Schutz geboten, aber er musste nun bald wieder etwas zu essen bekommen.
Er hatte sich einen mächtigen umgefallenen Baum als nächsten Zufluchtsort ausgesucht, der vielleicht hundert Meter von ihm entfernt lag, vielleicht würde er diese Strecke schaffen, um den nächsten Tornado dort abwarten zu können.
Ein greller Blitz zuckte ganz in der Nähe in den Boden und ließ loses Erdreich explosionsartig in die Höhe spritzen. Ein gewaltiger Donner folgte einen Augenblick später, um als rollendes Echo, immer leiser werdend, nachzuhallen.
Robert schauderte. Die Kälte kroch unter seine zerrissene Kleidung. Fröstelnd klappte er den Kragen seiner Lederjacke hoch.
Obwohl es Sommer war, lag die Temperatur unter dem Gefrierpunkt. Wenn jedoch die Blizzards von einem Moment auf den anderen unvermittelt einsetzten, dann konnte der Frost mit minus fünfzig Grad Celsius heftig zubeißen. Die Kälte kam dann so plötzlich, dass die vom Regen durchnässte Kleidung sogleich am Körper festfror.
Robert hatte oft genug erfolglos versucht, brauchbare Kleidungsstücke von den vom Frost zerfressenen Leichen zu schälen.
Er musste weiter, denn er würde Stunden, vielleicht sogar Tage benötigen, um zum Tauschplatz zu kommen. Dieser Platz war der einzige Ort auf dieser verdammten Welt, der einigermaßen sicher war und an dem sich die Überlebenden treffen und Tauschgeschäfte machen konnten.
Er vermochte gegen den stürmischen Wind kaum zu atmen, seine Brust hob und senkte sich schwer, um die verbrauchte Atemluft aus der Lunge pressen zu können.

Die ganze Geschichte könnt ihr euch auch als Audio anhören, unter diesem Link:
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Axel Lechtenbörger