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Können Sie mal kurz fliegen kommen? Eine Leseprobe aus dem amüsanten Buch von Kathrin Leineweber

Fliegen macht süchtig

Langstreckenflüge beginnen in unserer Businessklasse stets mit der persönlichen
Vorstellung beim Gast: „Schönen guten Tag und herzlich willkommen bei uns an Bord!
Mein Name ist Kathrin Leineweber und ich bin die verantwortliche Flugbegleiterin auf
der heutigen Reise. Dies ist unsere Menükarte, bitte suchen Sie sich in Ruhe etwas aus.
Kann ich Ihnen unsere Videoanlage erklären, oder ist Ihnen die Bedienung bereits
bekannt? Wenn Sie Fragen oder Wünsche haben, bitte zögern Sie nicht, uns
anzusprechen...“
So, oder so ähnlich würde das Gespräch stattfinden, bei dem erste Wünsche, Probleme
und Bedürfnisse schon individuell in Angriff genommen werden könnten. Da wir uns
ebenfalls auf eine längere, gemeinsame Reise begeben, möchte ich es nicht versäumen,
mich auch bei Ihnen kurz vorzustellen:
Also, mein Name ist Kathrin Leineweber, ich bin Jahrgang 1967 und komme ursprünglich
aus Hamburg. Dort lernte ich nach dem Abitur in einem Grandhotel an der Alster den
wunderbaren Beruf der Hotelfachfrau, der höchste Befriedigung verschaffte, wenn man
sich mit einem klitzekleinen Problem – viel Arbeit und wenig Geld – gut arrangieren
konnte. Da Reisende nebst Gepäck bei mir stets Fernweh auslösten, beschloss ich, nach
der Ausbildung für ein Jahr selbst aus dem Koffer zu leben, um mir vor dem Studium von
Hotelmanagement in den USA die Welt anzusehen.
Fliegen macht süchtig, dass habe ich bei meiner Lebensplanung absolut unterschätzt.
Inzwischen bin ich seit mehr als 21 Jahren bei einer deutschen Airline beschäftigt und
begleite als Chefstewardess in Teilzeit Passagiere auf innerdeutschen, innereuropäischen
und weltweiten Flugreisen, mal auf einem Großraumjet, dem A330, mal auf der
Rennsemmel, dem A320. Von der Hansestadt musste ich mich dafür leider verabschieden,
mein Einsatzort ist seitdem Düsseldorf.
Bin ich nicht in der Luft, kümmere ich mich um die Familie: vier Kinder zwischen zwölf
und sechzehn bespaßen mich täglich mit neuen pubertären Ideen, dazu kommt ein
quirliger Kapitänsgatte, der mit drei eigenen Wundertüten die Großfamilie vor zehn
Jahren schlagartig komplettierte. Um dieser gerecht zu werden, leben wir auf dem Land,
auf einem alten Bauernhof in Westfalen. Es ließ sich in diesem Ambiente nicht
vermeiden, dass sich spontan das eine oder andere Tier und ein dschungelartiges
Gartenbiotop dazugesellte. Inzwischen sind die sieben Kinder allesamt aus dem
‚Gröbsten’ raus und unser Zoo, der auch schon Schweine, Ziegen, Schafe, Enten, Gänse
und ein schillerndes Pfauenpärchen beherbergte, hat sich auf ein gesundes, gut pflegbares
Maß reduziert. Zu unserem heutigen Haushalt zählen aktuell noch zwei Esel, zwei Pferde,
zwei Neufundländer, sechs Katzen,
10fünfzehn Hühner und eine wuselige Bande Rennmäuse, deren Anzahl ich momentan nicht
konkret beziffern kann, da uns bei der Geschlechterbestimmung offenbar ein kleiner
Fehler unterlaufen ist: Freddy und Paul sind zurzeit schwanger.
Schreiben ist meine Leidenschaft, seit dem ich einen Stift halten kann. Früher habe ich
mir Geschichten für meine Kinder ausgedacht, da ich sie für wertvollere Mitbringsel von
meinen Langstrecken hielt, als die Standard-Souvenirs. Inzwischen lesen die Kekse alle
selbst und haben ihre eigenen Vorstellungen von Literatur – für Gespenster, Drachen und
Zaubertintenkleckse sind sie leider schon zu alt.
Vor einiger Zeit habe ich begonnen, Erlebnisse und Erfahrungen über das Fliegen zu
sammeln und aufzuschreiben. Jenseits der magischen vierzig Kerzen auf der
Geburtstagstorte, musste ich feststellen, dass man doch viel im Leben vergaß, manchmal
weitaus schneller, als einem lieb war. Und es wäre doch jammerschade, wenn all die
schrägen, aufregenden und teilweise unglaublichen Geschichten aus dem Flieger in
Vergessenheit geraten würden.
Während meine Kinderbücher fast alle noch unveröffentlicht in einer dunklen Schublade
meines Schreibtisches geduldig auf die - hoffentlich zahlreichen - Enkelkinder warten,
habe ich 2010 ein erstes Buch über die Fliegerei publiziert. Im Epilog hatte ich es dort
schon angekündigt: ich würde nach einem kurzen Flug Richtung Thailand
weiterschreiben, weil es noch so viel zu erzählen gab. Hätte ich gewusst, was auf diesem
Bangkokflug wieder alles passierte, hätte ich ihn direkt noch mit in das Buch
hineingenommen! Aber bitte, lesen Sie selbst...
11Aus dem Kapitel: Contenance – eine göttliche Gabe

Nachdem wir die vorläufige Reiseflughöhe fast erreicht hatten und das
‚Vorflugprogramm’ abgehakt war – (Serviceansage machen, heiße Essen anpreisen, Film
für die Sonderessen einlegen, Bestellungen der selbigen aufnehmen, Kopfhörer
verkaufen, Videomagazin einlegen und die Jungs im Cockpit füttern) – konnten wir mit
unseren fertig aufgebauten Wagen in die Kabine rollern. Ich musste nur noch einmal kurz
an das zweite Gepäckfach, um dort unsere Baranhänger mit Milch, Zucker, Zitrone,
Rührstäbchen, usw. heraus zu fischen. Diese waren genau über dem Kopf von Herrn
Admiral geparkt. Jener rief laut:
„Die Musik eben war aber schön! Warum ist die jetzt wieder aus?“
„Das war nur die Hintergrund-Musik von unserem Informationsfilm über die heißen
Essen, die wir heute an Bord haben“, erklärte ich ihm.
„Schade!“, grunzte er. „Die Musik war schön. Der Rest ist echt schlecht. Dieser
komische Schauspieler, den Sie da immer zeigen, dieser Brian Dingsda Bumsda da ...Der
ist wirklich nicht zum Aushalten!“ Inzwischen hatte ich die Schublade aus dem
Gepäckfach ziehen können und schloss sie wieder.
„Tut mir leid, da kann ich Ihnen leider nicht ganz folgen. Aber wir haben ganz
verschiedene Musikkanäle, vielleicht ist ja da etwas für Ihren Geschmack dabei...?“
„Ach was“, winkte er ab, „das ist doch alles totaler Mist! Wollen Sie mich vielleicht auf
den Arm nehmen? Das kann man doch keinem Menschen zumuten, das Gedudel! Ich
fliege sonst sowieso immer mit ‚Kranich-Air’!“ Na, warum zum Teufel konnte der Herr
Seemann das nicht heute auch tun? Flogen die nicht nach Ibiza? Ich sah mich leider
gezwungen, das Gespräch an dieser Stelle abzubrechen.
„Sie entschuldigen mich, meine Kollegin wartet auf die Zuckertüten...“ und ließ den
Seebären weiter vor sich hin brabbeln. In der Galley klemmte ich die beiden Baranhänger
an unsere Wagen und schüttelte mit dem Kopf.
„Was war den das für ein Diskussion?“, fragte meine Kollegin, die durch den Vorhangspalt meinen Dialog mit 3 C beobachtet hatte.
„Frag nicht, lass uns einfach anfangen ...“
Meine Kollegin ging rückwärts mit einem Getränkewagen, ich folgte ihr Visasvis mit
einem Sandwichtrolley, auf dem oben die Standardgetränke wie Kaffee, Tee,
23Cola, Wasser und Saft in einer Schublade aufgebaut waren. Praktischerweise ließ sie mir
die ersten Reihen frei, fragte schon einmal in Reihe drei nach Getränken, das Essen
würden die Passagiere dann etwas später von mir bekommen, wenn ich mit Reihe eins
und zwei fertig war. Ich begann auf der linken Seite:
„Was möchten Sie gerne trinken?“
Dame auf 1C :
„Ich hätte gerne, ich hätte gerne, ja, was hätte ich denn gerne? Ilse, was nimmst Du
denn?“ Ilse auf 1B erhielt einen herzhaften Knuff in die Seite.
„Hä?“ Ilse, nicht mehr ganz jung an Jahren, hatte nichts verstanden. Das war in der
Steigflugphase nicht ganz ungewöhnlich, der Flieger war noch recht laut, nicht umsonst
waren wir alle Profis im ‚Lippen lesen’. Ilse überlegte angestrengt und brüllte dann:
„Ich krich Teeh!“ Dame 1 C:
„Gut, nehm’ ich dann auch!“
Ich nahm zwei Pappbecher in die Hand und fing an, in einen davon schwarzen Tee
einzuschenken.
„Leichten Kaffee haben Sie ja wohl nicht? Darboven?“
„Ich kann Ihnen Kaffee Hag anbieten, der ist koffein-frei.“
„Keinen Darboven?“
„Nein, leider, Kaffee Hag.“
„Mmmh.“ Dame 1 C überlegte, wartete bis ich den Tee auf das Tischchen von 1 B gestellt
hatte und sagte dann bestimmt: „Dann nehm’ ich den leichten Kaffee, aber mit viel
heißem Wasser.“
„Einen Moment bitte.“ Ich stellte die Teekanne wieder auf den Wagen, öffnete den
Vorhang und verschwand ich der Küche, um ein Tütchen Kaffee Hag aus dem
Ausrüstungswagen zu kramen. Etwas später stellte ich den dampfenden Becher auf ihrem
Tischchen ab.
„Das ist Kaffee Hag?“ Sie äugte erst skeptisch in den Becher, dann zu mir hoch. Ich fand
an der Optik eines Kaffees im Pappbecher nichts auszusetzen und bejahte diese Frage.
„Möchten Sie Milch und Zucker dazu?“
„Ja, und heißes Wasser!“ Ich legte ihr ein Döschen Milch und eine Tüte Zucker nebst
Rührstengel neben den Kaffee, verschwand für das begehrte Glas Wasser wieder hinter den Vorhang und zapfte es aus dem Coffeemaker. Als ich es neben den Kaffee stellte,
sagte 1 C:
„Zwei Mich, einen Zucker!“ und schaute mich strafend an. Wie konnte ich das auch nicht
vorher wissen. Derweil schaute Ilse neugierig auf den Kaffeebecher ihrer Nachbarin und
fragte:
„Was ist denn das?“
„Da ist leichter Kaffee, aber nur von Hag. Willst Du auch einen?“
Und ob Ilse wollte. „Den können Sie wieder mitnehmen!“, sagte 1 C zu mir und deutete
forsch auf den Teebecher.
„Ich kriech auch so was!“ quäkte Ilse und zeigte diesmal auf den Kaffee Hag. Sehr gerne.
Ich verschwand zum dritten Mal hinter dem Vorhang. Der widerspenstige Trolley ließ
sich nicht gleich öffnen und ich half mit einem beherzten Tritt nach. 1 A nahm ganz
unspektakulär einen O-Saft ohne Sandwich. Dafür bekamen Ilse und ihre Freundin noch
jeweils ein Mineralwasser, mit Blubber natürlich, dekoriert mit einem Schnitzer Zitrone
und überlegten mindestens zwanzig Flugkilometer lang, ob sie sich für das Modell ‚Käse’
oder ‚Putenwurst’ entscheiden sollten. Geduld zählte ohnehin nicht zu meinen
Kernkompetenzen, inzwischen war ich kurz davor, in der Küche noch einmal gegen
irgendeinen einen Trolley treten zu müssen. Contenance war alles und meine Kollegin
bereits in Reihe vier.
Auf der anderen Seite von Reihe eins erging es mir nicht viel besser, hier begehrte man
einen Früchtetee – wieder zurück in die Galley – eine Cola Light mit Zitrone und einem
klitzekleinen Eiswürfel – aber bitte nur einen ganz kleinen, sonst verwässert er den
Geschmack!- und ein Bitter Lemon. Da meine Kollegin mittlerweile meterweit von mir
entfernt war, hatte ich die Option, mit meinem Wagen ihr hinterher zu fahren, und sie um
ein Bitter Lemon zu bitten - was zweifelfrei ein „Kriegen wir hier auch mal was zu
trinken?“ den Gästen, an denen ich vorbeifuhr, entlocken würde. Alternativ konnte ich es
auch aus der Küche holen. Ich entschied mich für letzteres, verschwand zum vierten Mal
hinterm Vorhang und fummelte die Dose Bitter Lemon aus dem zweiten Getränkewagen.
Endlich stand ich mit meinem Wagen in Reihe zwei. Hier saß eine junge Familie mit
einem ziemlich groß geratenen Kleinkind. Ich hätte den Bengel mindestens auf drei oder
vier geschätzt, anstatt auf unter zwei.
„Wir nehmen zwei Mineralwasser und einen Champagner ...“ Ich hätte schreien können,
an diesem Tag wäre ich mit einem Getränkewagen und zwei Schubladen mit Sandwiches
weitaus besser bedient gewesen, denn natürlich musste ich auch den Champagner wieder
aus der Küche organisieren. Ich flötete lächelnd:
„Ein Augenblickchen“ und verschwand wieder hinter meinem Freund, dem Vorhang.
Warum ich ihn nicht einfach aufgelassen habe? Ging leider nicht, große Dienstanweisung, der Vorhang hat immer geschlossen zu sein, falls das Cockpit gerne einmal austreten
wollte. Nun, denn - ich holte den Champagner, knotete eine Serviette um den
Flaschenhals von ‚Herrn Heidsiek’ und angelte nach der dazugehörigen Champagnerflöte
aus Kristallplastik. Als ich die bestellten Getränke anreichte, sah ich aus dem
Augenwinkel, wie mein Trolley, dessen Bremse ich schon gelöst hatte, ins Wanken geriet.
Turbulenzen hatten wir keine, der Herr Admiral auf 3 C, also genau auf Höhe meines dort
geparkten Wagens, war aufgestanden und quetschte sich einfach an dem Barwagen
vorbei, Gast 3 B musste offenbar mal zur Toilette. Ohne ein Wort oder einen Blick zu
mir, schob dieser Mensch sich in den Gang, bog den Wagen einfach zur Seite, so dass er
eine ungesunde Schräglage einnahm und Kaffee, Tee und Softdrinks bereits begannen aus
ihren Behältnissen zu hüpfen. Ich konnte wegen der gelösten Bremse den Wagen nicht
loslassen, balancierte in der linken Hand noch ein Glas Wasser und stand nun ungewollt
mit direkter Tuchfühlung neben unserem grantigen Seebären mittig im Gang. Zur
Krönung versuchte noch der Gast von 3 B, übrigens eine Dame mit recht fülligem
Umfang, sich an uns vorbei zu quetschen.
„Entschuldigung, das funktioniert so nicht!“ Beide starrten mich verständnislos an – und
setzten kommentarlos ihren Weg fort – der eine zur Toilette, der andere fummelte sich
wieder zurück auf den Sitz.
Die Mutter des Kleinkindes hielt die Champagnerflasche noch in der Hand und
beobachtete mit Spannung mein Mienenspiel, offenbar wartete sie auf irgendeine
Schimpftirade oder wenigsten eine Zurechtweisung. Innerlich hatte ich sicher einen
weitaus höheren Druck als ihr Piccolo, aber ich verkniff mir einen Kommentar. Was hätte
es gebracht? Meine Kollegin war inzwischen fast an den Tragflächen angekommen, ich
hing immer noch in der zweiten Reihe. Gut, dass die Flugzeit für dieses Servicekonzept
verhältnismäßig lang war.
Als wir die Wagen zurückzogen, blieben wir wieder in Reihe drei stecken.
„Ich hätte gerne eine Flasche Bier!“, orderte der Admiral mit donnernder Stimme.
„Tut mir sehr leid, ich kann Ihnen nur eine Dose Bier anbieten...“
„Dosenbier? Bah, das können Sie selber trinken! Ich verzichte!“ Na gut, dann halt nicht.
In Reihe zwei konnten wir noch einen Kaffee servieren, und Ilse und ihre Freundin
bestellten noch einen ‚leichten Kaffee’. Damit waren wir aus dem ersten
Servicedurchgang entlassen. Ach, nein, halt, Reihe 1 F wollte gerne noch eine Cola Light,
Sie wissen schon, der mit dem einen, klitzekleinen Eiswürfel. Aber das Eis könnte ich
jetzt auch gerne weglassen, er wollte ja nicht zu viel Mühe machen ... Ich suchte den
süßesten, kleinsten Eiswürfel heraus und servierte die Cola mit dem dazugehörigen
Lächeln. Insgeheim dachte ich:
„Nur noch drei Flüge und neun Stunden Dienst und >schwupp<, dann hast Du
Feierabend...“Weiter im Buch
Copyright by Kathrin Leineweber / Happy Airways, Nottuln-Darup

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