Array
Geschichten kostenlos

Wisper der Schneedämon

Jedes mal, wenn sich der Winter und die Kälte zusammentaten, der Schnee zu Boden fiel und sie sich mit dem Frost vereinten, wirbelte der Schneedämon Wisper aus der weißen Winterlandschaft hervor, der wie Nebelschwaden, um sich ein Opfer zu holen, suchend über den Boden wallte. Lange hatte er darauf warten müssen, denn das letzte Frühjahr riss ihn frühzeitig, bevor er ein geeignetes Lebewesen gefunden hatte, von dieser Welt. Nun gierte es ihn nach dem Geruch und dem lieblichen Geschmack von Leben.
Unstet durchzog er die schneebedeckte Landschaft, in der Hoffnung, bald auf Leben zu treffen. So näherte er sich einem Kinderheim, aus dem fröhliches Kinderlachen ertönte. Es war ihm nicht gestattet, dort hinein zu gehen, denn als Dämon durfte er sich nur über Schnee bewegen. Seine Kräfte würden ihn sofort verlassen, sobald er den frostigen und schneebedeckten Boden nicht mehr unter sich haben würde. So umkreiste er widerwillig und hadernd das Gebäude und hoffte darauf, dass irgendwann einmal ein unvorsichtiges Kind herauskommen würde.
Eines Tages, als ein kleines Mädchen neugierig seine Nase zur Tür herausstreckte und sich diebisch über die Schneemassen freute, war es dann endlich soweit.
„Hallo Schnee“, rief sie begeistert und schnappte sich einen Schlitten, um den Hang im Hof hinab zu rodeln.
Wisper war begeistert. Er schnupperte entrückt den Geruch des Kindes ein, wirbelte wie der Wind durch den Schnee, um sich am unteren Ende des Hanges zu sammeln und sich zu einem Schneemann zu formen. Nichts ahnend rodelte das Mädchen die Schräge hinab, um kurz vor dem Schneemann, der sie mit Kohlenzähnen angrinste, zum Stehen zu kommen. Neugierig näherte sie sich diesem mächtigen und sie weit überragenden Kunstwerk, das eine Möhre als Nase besaß. Unter seinem Arm klemmte ein Ast, von dem sich kleine Zweige fächerartig abteilten und einen Besen darstellen sollte, und auf seinem Kopf hockte ein dunkler Zylinder.
Rabenschwarze Augen schienen sie durchbohren zu wollen und der breit grinsende, aus glitzernden Kohlebrocken geformte Mund wurde noch breiter.
„Hallo - du süßes Mädchen. Wie heißt du denn?“
Erstaunt stierte die Kleine, die nicht älter als sechs Jahre alt war, diesen merkwürdigen Schneemann an.
„Hallo Schneemann, du kannst sprechen? Das ist aber toll. Ich bin die Leonie.“ Vergnügt sprang und tanzte sie um den Schneemann herum, wobei Wispers Schneemannkopf ihren Bewegungen folgte und sich um sich selbst drehte.
„Hahaha, das ist aber lustig.“, rief sie belustigt, „Du kannst sprechen und deinen Kopf drehen. Wie machst du das? Das kann bestimmt nicht jeder Schneemann.“
„Da hast du recht.“, entgegnete Wisper gut gelaunt. „Ich kann sogar laufen!“ Er ließ seine Massen über den Boden gleiten und umrundete seinerseits das Mädchen, das daraufhin heiter kicherte und gluckste.
„Hihihi, du bist aber ein lustiger Schneemann. Kannst du noch mehr von diesen ulkigen Sachen machen?“
„Ja, ich kann dich mit dem Schlitten ziehen. Komm, setz dich.“
Leonie tat wie ihr geheißen und ließ sich vergnügt auf den Schlitten nieder. Der Schneemann rauschte heran, nahm die Leine an sich und stürmte, den Schlitten hinter sich herziehend, davon, um schnellstens zu seinem abgelegenen Schlupfwinkel zu kommen. Unterwegs bröselte der Schnee von ihm, bis nur noch weißliche Nebelschwaden von ihm zu erkennen waren.
Leonie, die glücklich quiekte, fiel das noch nicht auf. Sie bemerkte auch nicht, dass sie an einen anderen Ort gebracht und entführt wurde. Sie fror, denn eigentlich wollte sie nur mal kurz rodeln und hatte sich deshalb nur einen Pulli übergeworfen, ohne sich einen Schal oder eine Mütze anzuziehen.
Plötzlich stellte sie fest, dass der Schneemann sich aufgelöst hatte.
„Schneemann, wo bist du? Ich kann dich nicht mehr sehen.“, rief sie ängstlich.
„Aber ich bin doch da!“, säuselte Wisper ihr boshaft zu.
„Mir ist kalt, und ich will nach Hause!“, entgegnete Leonie und kauerte sich in dem kalten Fahrtwind zusammen.
Sie fror fürchterlich. Wisper war es recht, denn ihn freute es, wenn die Kälte in ihr Leben kroch und es langsam verzehrte, denn dafür war er ja da.
Er konnte sich seine Freude kaum verkneifen und lachte gehässig.
„Hahaha! Dir ist es kalt, mein kleines Fräulein? Warte, wir sind gleich Daheim.“
„Aber wir sind doch gar nicht bei mir zu Hause.“, entgegnete sie nun sichtlich verwirrt, als sie den dichten Wald auf sich zukommen sah.
„Bei dir nicht, aber bei mir“, entgegnete Wisper, der sein ahnungsloses Opfer endlich an sein Ziel gebracht hatte.
Das zitternde und völlig verfrorene Mädchen stieg vom Schlitten und hockte sich ängstlich auf den schneebedeckten Boden, wo der Frost beißend durch ihre dünne Kleidung kroch.
„Mir ist so kalt. Ich spüre meine Hände nicht mehr.“, krächzte sie heiser, wobei sie ihren Mund kaum öffnen konnte, denn ihre Lippen waren durch die Kälte aufgesprungen und schmerzten.
Wisper war begeistert. Väterchen Frost würde ihm nun bei seiner Arbeit sicherlich helfen.
„Hahaha, ich spüre schon neue Kraft in mir aufsteigen!“, lachte er und beobachtete das langsame Dahinsiechen des Kindes.
Der Sommer, der von den anderen Jahreszeiten von diesem abscheulichen Verbrechen des Schneedämons Wisper erfuhr, sammelte noch einmal all seine Kräfte zusammen und entsendete seinen besten Kämpfer, den heißesten Sonnenstrahl, zu dem er noch fähig war.
Dadurch senkte sich überall auf der Welt die Temperatur um einige Grade, als sich vom Himmel ein glühender Sonnenstrahl auf die Stelle nieder senkte, an der Leonie zu erfrieren drohte. Mit einem Mal war es wohlig warm, und Wisper, der hiervon völlig überrascht wurde, begann schrecklich zu kreischen und seine neblige Gestalt löste sich blitzartig in Nichts auf.
Der Schnee um Leonie begann zu schmelzen und winzige Blümchen reckten neugierig ihren Kopf aus dem Boden hervor. Sie schaute sich ängstlich um, aber sie konnte diesen gemeinen Dämon nirgends mehr entdecken. Unvermittelt hörte sie Hundegebell und Stimmen, die nach ihr riefen.
„Leonie, wo bist du?“
„Hier bin ich!“, antwortete sie und lief den Kindern und Mitarbeitern des Kinderheims, die den Spuren des Schlittens gefolgt waren, freudig entgegen.
Der Sonnenstrahl aber lächelte und zog sich in die weite der Welt zurück, um sich anderen Aufgaben zuzuwenden.

 

5
Durchschnitt: 5 (2 Bewertungen)
Eigene Bewertung: Keine
 #

Danke für das Erstellen dieser Internetseite. Ich hab für mich festgestellt, dass Schreiben unheimlich gut beruhigt, ablenkt und beim Nachdenken hilft. Da ich aber besser im Tippen als im Schreiben mit Füller und Papier bin, ist diese Page hier eine sehr gute Möglichkeit, Gedanken niederzubringen.

 

Dafür wollte ich Danke sagen.

Best regards,

Joanna S.

 

Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns bei einigen Bookmarkdiensten empfehlen würdet:

 

 

Buchempfehlung

Feuchtgebiet im Schoß der Lust

Geschichten zum Mitschreiben

Ob Krimi, Liebesgeschichte oder Fantasiegeschichte. Ab sofort bieten wir Euch zu jedem dieser Genres eine Geschichte, an der Ihr selbst mitwirken könnt.

Schreibt einfach Euren Teil der Geschichte dazu. Ein riesen Spass, zu welchem Ihr Euch aber zuvor einloggen bzw. registrieren müsst! Geschichten zum Mitschreiben

Newsletter

Hier könnt Ihr den Newsletter bestellen! Ihr erhaltet dann regelmäßig Nachricht über Neuigkeiten.

Umfrage

welches Genre lest Ihr am liebsten?: