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Liebe mit Hindernissen

Eine Weihnachtsgeschichte

„We wish you a merry Christmas, we wish you a merry Christmas and a …“ happy new year beendete Yusuf, ganz in Gedanken, den, ihm nur allzu bekannten Text, dieses Weihnachtsliedes. Ja Weihnachten. In den vier Jahren, welche er zum studieren in Deutschland verbracht hatte, war ihm dieser Brauch ans Herz gewachsen. So sehr er am Anfang davon befremdet war, er wusste, diese Zeit des Jahres würde er vermissen. Er mochte den Kinderpunsch, die Plätzchen und vor allem die gemütlichen Abende mit Freunden, die damit in Zusammenhang standen. Morgen um diese Zeit würde er das erste Mal nach 4 Jahren wieder in seinem Heimatland sein. Wie sehr er es am Anfang auch vermisst hatte, nun würde es wieder schwer werden sich einzuleben. Er hörte die herannahende U-Bahn und legte einen Gang zu. Mit schnellen Schritten bewegte er sich durch die Menschenmassen, welche aus der eben angekommenen Bahn strömten und schaffte es noch im letzten Augenblick hinein. Sein Blick schweifte suchend über die anderen Passagiere und blieben lächelnd an seinem guten Kumpel Kaspar hängen. Er hob grüßend die Hand und schlängelte sich durch den Waggon eine Tür weiter.

Die vielen misstrauischen Blicke, welche ihm auf seinen Weg begleiteten, ignorierte er dabei völlig. Zu Beginn seiner Studienzeit hatten ihn diese Blicke, welche ihm auf Schritt und Tritt folgten, irritiert und auch genervt, doch nun hatte er sich vollständig an sie gewöhnt.

Yusuf war sich seiner auffallend großen Statur sehr wohl bewusst, mit seinen 2,05 m überragte er alle anderen um Längen, doch er wusste auch, dass die Blicke nicht seiner Größe, sondern seinem äußeren galten. Mit seinem Vollbart, dunklem Teint und den schwarzen funkelnden Augen, welche unter wild lockigem Haar gerade eben hervor blitzten, sah er eben nicht typisch europäisch genug aus, um unbeachtet zu bleiben. Mittlerweile spürte er die Blicke nur noch hin und wieder und machte sich dann mit seinen Freunden darüber lustig, was für ein armseliger Terrorist er denn abgäbe. Endlich bei Kaspar angekommen begrüßte er ihn mit Handschlag und einem „as-Salem –Alaikum“, Kaspar antwortete darauf wie üblich „ja servus, ois guad?, gfreist die scho auf de Party?“. „Naja, nicht so wirklich. Es ist eben ein Abschied und es fällt mir schwer zu gehen“, antwortete Yusuf. „Ah geh weida, es is ja ned für imma!!“.

Nein für immer war der Abschied vermutlich nicht. Yusuf hatte fest vor, irgendwann wieder nach Deutschland zu kommen, um all seine liebgewordenen Freunde und Örtlichkeiten zu besuchen. An der Endhaltestelle stiegen die beiden Freunde aus.

 Während der Fahrt hatten sie sich über ihr Diplom und gemeinsame Bekannte unterhalten. Auf der Abschiedsparty ging es heiß her, einzig Yusuf, der aufgrund seines Glaubens keinen Alkohol trank war nüchtern. Alle hatten viel Spaß und kurz vor dem Morgengrauen, machte sich die übliche vierer Truppe, bestehend aus Yusuf, Kaspar, Marek und Daniel auf dem Weg zur Bavaria. Von hier hatten sie schon so manchen Sonnenaufgang beobachtet und über Gott und die Welt philosophiert. Nun würden sich ihre Wege trennen. Kaspar und Daniel würden in eine WG ziehen und ab Montag bei BMW arbeiten. Marek würde nach Ungarn zurückkehren und dort im elterlichen Büro anfangen. Und Yusuf flog morgen, naja eher heute zurück nach Syrien, um an der dortigen Universität in Damaskus seinen Doktor zu machen. Heute um 16:25 Uhr ging sein Flieger und er hatte noch nicht alles eingepackt, da er erst gestern alle Mitbringsel für seine Lieben eingekauft  hatte. 

Gemeinsam ging die ganze Truppe ein letztes Mal frühstücken und trennte sich dann vor dem Studentenwohnheim, damit alle ihre Siebensachen packen konnten. Vorab vereinbarten sie noch, sich um 14:00 Uhr wieder zu treffen, um Yusuf gemeinsam zum Flughafen zu bringen. Am Abend würde dann auch Marek mit dem Zug nach Budapest abfahren. Die Zeit verging viel zu schnell und ehe Yusuf sich versah, stand er auf der anderen Seite des Schalters und winkte seinen drei Freunden noch einmal zum Abschied zu. Pünktlich hob die Maschine ab und fünf Stunden später war er in Damaskus. In Deutschland war in einer Woche Weihnachten, doch hier war davon nichts zu spüren. Suchend blickte er sich um und erspähte nach einiger Zeit seinen Vater und, nein das konnte nicht Mohammed sein. Doch er musste es sein. „as-Salem Alaikum, meine Güte was bist du Gewachsen!!!“ rief Yusuf aus und umarmte seinen kleinen Bruder, der ihm mittlerweile bis zur Schulter reichte. Unbehaglich wand sich sein Bruder aus der Umarmung und meinte „Was soll denn das, bist du in Deutschland etwa weich geworden??“. Yusuf hatte in der Aufregung ganz vergessen, dass Umarmungen unter Männer hier nicht üblich waren und entschuldigte sich wortreich bei seinem Bruder. Nun aber genug geredet, mahnte der Vater und führte Yusuf zu seinem Wagen. Der Koffer und Yusufs Rucksack waren schnell eingeladen und dann ging die Fahrt los.

Bis er seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter antreten würde, würde Yusuf zu Hause bei seinen Eltern wohnen, welche ein ein halb Stunden von Damaskus entfernt in Dar `a wohnten.  Die Fahrt nach Hause  sprachen sie über Yusufs Erfahrungen in Deutschland und Dschidda[1] Samira, welcher es seit Tagen immer schlechter ging. Yusuf nahm sich fest vor, sie noch diese Woche zu besuchen. Er wollte nur erst einmal ankommen und den Jetlag überwinden.

Nach zwei Tagen fühlte sich Yusuf fit genug und machte sich mit dem Rad auf dem Weg in das Dorf seiner Dschidda. Dort angekommen war er erschrocken über den Anblick der sich ihm bot. Alles war irgendwie heruntergekommener und kleiner als er es in Erinnerung hatte. Das Häuschen seiner Dschidda war winzig und als er nach einem etwas zögerlichen herein eintreten wollte, musste er sich bücken. Im inneren der Hütte war es dunkel und Yusufs Augen mussten sich erst einmal an die neuen Lichtgegebenheiten gewöhnen.

Im Halbdunkel konnte er eine hagere Gestalt ausmachen, welche aufrecht im Bett saß und häkelte. „Yusuf“ rief die Frau und brach daraufhin in Tränen aus. Erschrocken bewegte er sich auf das Bett zu  und umarmte die zarte Frau, die sich so gar nicht mit seinen Erinnerungen an seine immer emsige und robuste Großmutter, in Einklang bringen lassen wollte. Nach einiger Zeit ließ er vorsichtig von ihr ab und beantwortete die zahlreichen Fragen seiner Dschidda. Ja die Zeit in Deutschland hatte ihm gefallen. Sie hatte recht gehabt ihm zu diesem Schritt zu drängen. Auch gute Freunde hatte er gefunden und die Sprache beherrsche er nun fließend berichtete Yusuf. Vermisst hätte er sie, und vor allem ihren guten Tee mit Farka[2]. Samira begann sich aufzurichten und wollte aus dem Bett steigen, doch Yusuf hielt sie auf. „Nein, du musst doch nicht jetzt…“. „Doch ich muss!“ unterbrach Samira ihn. „Ich habe Farka da und Tee kann ich allemal noch aufsetzen.“ Mit wackeligen Schritten und gestützt von ihrem Enkel machte sich Samira am Herd zu schaffen. Als der Tee fertig war und Yusuf die Farka nach ihren Anweisungen gefunden und auf zwei Tellern verteilt hatten, machten es die zwei gemütlich und plauderten weiter. Nach seinem ersten Bissen Farka sagte Yusuf begeistert „Dschidda, das schmeckt noch besser als ich in Erinnerung habe“.

Da schmunzelte Samira und sagte „ Nun mein Sohn, die habe nicht ich sondern Maryam gebacken.“ „Dann werde ich sie wohl heiraten müssen!“ sprach Yusuf überzeugt aus und brachte seine Großmutter damit zum kichern. „Was Dschidda, ist sie etwa schon vergeben?“ Samira schüttelte den Kopf. „Ist sie etwa hässlich?“ Daraufhin fing Samira schallend an zu lachen und sagte „Nein mein Junge, das ist sie nicht.“ „Warum lachst du denn dann?“ wollte Yusuf wissen. „Ich lache nur, weil ich dich und deine freche Art so vermisst habe. Nun kann ich in Frieden sterben, da ich dich sicher zu Hause weiß.“ „Sag so etwas doch nicht, du wirst noch lange leben“ sagte Yusuf mit Nachdruck und drückte die Hand seiner Dschidda. Samira drückte zurück und mahnte „Nun musst du aber los, wenn du nicht im dunkeln heim kommen willst.“. Yusuf nickte und erhob sich „Aber du musst mir versprechen auf dich acht zu geben.“ Samira lächelte sanft und sagte „Ach Yusuf ich bin alt, aber Maryam ist mir eine große Hilfe und ich werde bestimmt noch einige Jahre leben“. Yusuf drückte sie ganz fest an sich und verließ die Hütte. Samira winkte ihm nach während er auf sein Fahrrad zu ging. Yusuf drehte sich noch einmal um und fand sich auf dem Boden wieder, während eine junge Frau erschrocken auf ihn einredete und sich vielmal entschuldigte.

Erschrocken humpelte Samira auf die Beiden zu und wurde von der jungen Frau gleich darauf liebevoll ausgeschimpft und auf den wackeligen Plastikstuhl, welcher sich direkt neben der Hütte befand bugsiert. Benommen rappelte Yusuf sich auf und nahm die junge Frau genauer in Augenschein. Die zierliche kleine Gestalt war unter dem weiten Kleid mit zartem Blumenmuster kaum auszumachen. Die bloßen staubigen, braungebrannten Füße verschwanden im Stehen unter dem weiten Rock und waren nur zu sehen, wenn sich die Frau, wie jetzt, schnell bewegte und der Rock sich im Singsang ihrer Worte zu bewegen schien. Um den Kopf hatte die Frau ein weißes Spitzentuch geschlungen, so dass von ihren Haaren nichts zu sehen war. Unter der Spitze waren zwei glitzernde himmelblaue Augen zu sehen, welche, dass braungebrannte Gesicht erhellten und der Frau ein gesunden und frisches Aussehen verliehen. Eigentlich war die Frau auch noch eher ein Mädchen stellte Yusuf fest. Sie konnte nicht älter als achtzehn sein. Erst jetzt bemerkte er, dass sowohl seine Dschidda als auch die Unbekannte, wohl schon mehrmals seinen Namen gesagt hatten. Er nickte und sagte „Ja ich habe euch gehört. Mir geht es gut. Wie heißt denn nun der Wirbelwind der mich da erfasst hat?“.

„Das ist Maryam, die Frau die du heiraten willst,“ sagte seine Großmutter trocken und erreichte damit, dass Maryams Gesicht, welches bei Yusufs Worten schon rot geworden war noch mehr errötete. „Dschidda“, schimpfte ich „du kannst uns doch nicht so in Verlegenheit bringen!“. Ich verbeugte mich nun leicht in Maryams Richtung und sprach „Deine Farka ist wirklich ausgezeichnet, mein großes Lob und vielen vielen Dank, dass du dich um Dschidda kümmerst.“  Bei meinem Lob errötete sie erneut und flüsterte „ Danke, dass mache ich doch gerne, sie ist wie meine Umm Samira[3].“ Ich schmunzelte und dachte bei mir, der Wirbelwind ist ja auf einmal ganz kleinlaut. Dschidda drängte aber nun wirklich auf meinen Aufbruch und ich musste ihr bedauerlicher weiße zustimmen. Ich drückte sie noch einmal schnell an mich und schwang mich auf mein Fahrrad. Im Dämmerlicht blickten mir die zwei Frauen nach. Die eine kerzengerade und die andere gebückte stützend, die andere gekrümmt auf Maryam und ihren Stock gestützt.

Den ganzen Weg nach Hause dachte ich über diese Begegnung nach. Noch nie hatte ich so eine widersprüchliche Frau kennengelernt. Ich war ernsthaft fasziniert. Aus meiner Zeit in Deutschland wusste ich aber, dass sich diese Faszination auch schnell wiederlegen konnte und anders als Dort, konnte ich mich hier nicht auf einen One-Night-Stand einlasen. Hier tickten die Uhren noch anders und im schlimmsten Fall musste ich sie dann heiraten, obwohl ich sie nicht mehr leiden konnte. Nein an Liebe auf den ersten Blick glaubte ich nun wirklich nicht. Ich wollte mal eine Frau heiraten, die auf intellektueller Ebene mit mir mithalten konnten und dass konnte eine Frau vom Dorf nun wirklich nicht. Um noch vor der Dunkelheit zu Hause zu sein, trat ich kräftig in die Pedale.

Zu Hause angekommen, fragte mich meine Familie ob alles in Ordnung sei mit Dschidda Samira. Ich teilte ihnen meine Beobachtungen mit, doch verschwieg ich meine Begegnung mit Maryam. Warum wusste ich selber nicht so genau und ich beschloss das Ganze nicht weiterzuverfolgen, da ich in einer Woche meine Stelle an der Uni in Damaskus antreten würde, hätte das Ganze so oder so keinen Sinn. Doch so ganz ging mir Maryam nicht aus dem Kopf. Ich fragte mich hin und wieder, was für eine Farbe ihre Haare wohl hätten.

Aus Deutschland war ich es nicht mehr gewohnt, dass mir diese Information vorenthalten wurde, und dementsprechend heizte dies meine Neugier an. Die Woche verging viel zu schnell und ehe ich mich versah, saß ich alleine in meiner Schuhschachtel, so nannte ich das 15m² große Zimmer, welches ich in Damaskus bewohnte und bereitete meinen Unterricht vor. Das Leben und Arbeiten an der Universität gefiel mir noch besser als erwartet und so verging ein halbes Jahr, ohne dass ich nach Hause fuhr. Hin und wieder packte mich das schlechte Gewissen, doch ich hatte so viel zu tun, dass ich mich nicht ernsthaft mit einer Fahrt nach Hause auseinandersetzte. Mitte Juni erhielt ich eine E-Mail von Marek, dass er mich gerne einmal besuchen würde und das München-Duo ihn gerne begleiten würde. Seitdem Kaspar und Daniel in einer WG wohnten, bezeichneten wir sie nur noch als das München-Duo. Die zwei hatten nie dagegen interveniert und fanden das wohl lustig. Ich schrieb zurück, dass ich mich sehr freuen würde, aber meine Wohnung für vier wirklich zu klein sei und wir in der Zeit wohl eher bei meiner Familie unterkommen sollten.

Marek schrieb innerhalb von Minuten zurück und meinte alles klar, dann sind wir in einem Monat bei dir. Ich schicke dir noch die genauen Daten. Ich freute mich riesig und da die drei in den Semesterferien aufschlagen würden, hatte ich auch keine großen Probleme kurzfristig Urlaub zu beantragen. Am Wochenende fuhr ich mit dem Überlandbus nach Hause und berichtete meinem Vater, dass mich Freunde aus Deutschland besuchen würden. Mein Vater wirkte erfreut aber auch etwas besorgt: „Hoffentlich halten sie sich an unsere Regeln“ sprach er und wiegte den Kopf hin und her. „Keine Bange, ich werde ihnen unsere Gepflogenheiten schon eintrichtern“ lachte ich und versuchte ihn so zu beruhigen. Die Zeit bis zum 16.07 verflog so schnell, dass ich das Gefühl hatte, seit Mareks E-Mail nicht einmal geblinzelt zu haben. Am Flughafen begrüßte ich meine Freunde ganz förmlich, was sie zu verdutzten Äußerungen veranlasste. Ich ließ sie in das Auto meines Vaters einsteigen, welches er mir extra für diesen Anlass zur Verfügung gestellt hatte und erklärte ihnen mein Verhalten. Die drei nickten und versprachen sich anzupassen. Zunächst zeigte ich ihnen den Campus und meine Schuhschachtel.

 

 „Ja leg mi am Arsch“ rief Kasper aus, „Des is ja gloana wie unsa Studentenbude…“.  Ich nickte und lachte „Recht haste du.“ „Du Yusuf sei mir nicht bös, aber dein Deutsch, das ist schon arg eingerostet! Da sind wir ja gerade zu Rechten Zeit gekommen,“ meinte Daniel. Lachend und scherzend machten wir uns auf den Weg nach Dar`a. Mein Vater und Bruder erwarteten uns schon und reichten unseren Gästen Tee und Farka. Ich war ehrlich erstaunt. Da sowohl mein Bruder als auch Vater Englisch sprachen, gestaltete sich die Verständigung einfacher als erwartet und ich musste nicht wirklich viel Dolmetschen. Die Farka war köstlich und erinnerte mich an Maryam´s Farka. Schon lange hatte ich nicht mehr an sie gedacht und doch hatte ich ihr Bild so vor Augen, als wäre unsere Begegnung erst gestern gewesen. „Hey Mohammed, woher habt ihr die Farka“, fragte ich ihn in einem ruhigen Moment. „Ach die hat Marya vorbei gebracht,“ antwortete er lächelnd. „Ist sie nicht fast noch besser als die von Dschidda Samira?“ „Ja das ist sie wohl, aber meinst du mit Marya, Maryam die Pflegerin von Dschidda,“ hackte ich nach. „Ja genau Marya kommt einmal im Monat und versorgt uns mit Farka und ähnlichen Köstlichkeiten. Bei ihrem letzten Besuch hat Vater gefragt, ob sie nicht für die Ankunft deiner Gäste eine Backen könnte und sie hat natürlich ja gesagt.“ „Dann kennt ihr sie gut,“ wollte ich wissen.

„Ja klar. Mensch Yusuf, Maryam ist eine Klasse über mir und eine richtige Überfliegerin. Sie wohnt zwar auf dem Dorf aber eine Landpomeranze ist sie nun wirklich nicht.“ Nun war ich baff. Leider war es nun Zeit meinen Freunden zu zeigen wo sie schlafen sollten und keine Zeit mehr, näheres in Erfahrung zu bringen. Den ganzen Tag beschäftige mich das, was mein kleiner Bruder mir berichtet hatte und ich war nicht wirklich bei der Sache. Meine Freunde merkten das natürlich und wollten wissen, was los sei. Ich log ihnen vor, dass ich einfach müde sei und überwältigt von ihrer Ankunft. Die drei gaben sich damit zu Frieden. Am nächsten Morgen zeigte ich ihnen meine Geburtsstadt und wollte von ihnen wissen, was sie denn die nächsten zwei Wochen gerne machen würden. Ich konnte leider nur eine Woche mit ihnen hier verbringen, da ich versprochen hatte, einen Ferienkurs abzuhalten und diesen nun nicht einfach absagen konnte. Die drei meinten, dass sie gerne die Landschaft näher anschauen wollten und wie auch in München einfach die Zeit mit einander genießen wollten. Ich nickte und meinte: „Wir können ja auch einmal meine Dschidda besuchen wenn ihr wollt???“

„Gerne wenn du verrätst wer oder was das ist,“ lachte Marek. „Dschidda heißt Oma, es ist eine Respektvolle anrede für einen weißen Menschen“. Gab ich zur Antwort. „Ja freilich“ rief Kasper aus „Des mach ma.“

So war es also beschlossen und am nächsten Tag machten wir uns auf. Der Marsch in das Dorf meiner Dschidda dauerte so circa eine Stunde und ging über Hügel und durch Wälder. Da die drei sehr an der Natur interessiert waren und wir uns erst gegen Nachmittag aufgemacht hatten, dauerte das Ganze dann doch drei Stunden statt nur einer und als wir ankamen, war gerade Abendbrotzeit. Dschidda Samira saß vor ihrer Hütte und schenkte Tee ein. Vor ihr auf einer großen runden Platte standen zwei Tassen und ein riesiger Berg mit Fladenbrot. „as-Salem –Alaikum“ sagten meine drei Freunde im Chor während ich auf sie zuging und umarmte. „Yusuf“ sagte meine Dschidda und strahlte, „Wenn hast du mir denn da mitgebracht?“. „Das sind Kasper, Daniel und Marek“ erklärte ich während ich auf den jeweiligen zeigte „Meine Freunde aus Deutschland.“  Da Samira leider nur gebrochen Englisch sprach, war die Verständigung sehr schwierig, doch die vier strahlten sich an und meine Freunde schüttelten ihr alle drei die Hand. Ich entschuldigte mich kurz um das stille Örtchen aufzusuchen und war überrascht, dass ich lautes Gelächter und Stimmen bis hierher hören konnte.

Als ich zurückkam bot sich mir ein Bild, das in mir die Eifersucht weckte. Ein Gefühl, welches ich so noch nicht oft kennengelernt hatte und ich als sehr unangenehm empfand. Marek und  Kasper saßen lachend auf dem Boden und hatten jeweils ein tropfendes Fladenbrot in der Hand. Dschidda Samira saß vor Lachen durchgeschüttelt daneben und konnte nur noch den Kopf schütteln, während sie mit den Händen ihre Seiten hielt. Auf dem Tisch stand nun ein großer Topf mit Eintopf und davor Standen Maryam und Daniel. Daniel stand dicht hinter ihr, seine großen Hände auf ihre kleinen gelegt und lachte sie an, während sie ihm geschickt dabei half eine perfekte Tasche zu formen. Steifbeinig und wohl mit ziemlich grimmigen Gesichtsausdruck ging ich auf die Beiden zu. Auf Deutsch sagte ich zu Daniel „Geh weg von ihr, wenn du nicht ihren guten Ruf ruinieren willst.“ Erschrocken machte er zwei, drei Schritte rückwärts und stolperte dabei über die Türschwelle. Rumms machte es und Daniel lag am Boden. Innerhalb von Sekunden waren sowohl Maryam als auch Kasper an seiner Seite.

Mit nur einer prüfenden Bewegung hatte Maryam wohl den Schaden ausgemacht und eilte ins Haus ihre Notfalltasche zu holen. Geschickt  verarztete sie ihn, während Kasper seinen Freund mit dem Kopf auf seinem Schoß liegend, beruhigende Worte zu murmelte und seine Hand streichelte. Dschidda Samira wurde von Marek beruhigt und ich stand betroffen da. „Es tut mir wirklich sehr, sehr leid“ wiederholte ich mehrmals. „Alles gut“ murmelte Daniel leise. Maryam nickte mir zu und sagte zu meiner Verblüffung in gebrochenem Deutsch „ Wieder kommt gut schnell, kein schwere Wunde“ dazu lächelte sie Kasper an und meinte zu mir gewandt auf Arabisch „Er brauch zwei drei Tage Erholung, ihr könnt in meiner Hütte wohnen, ich kann während der Zeit bei Umm Samira bleiben.“ Ich war wie vom Blitz getroffen. Dieses Mädchen überraschte mich immer wieder. Ich nickte und übersetzte meinen Freunden was Maryam gesagt hatte. Alle drei bedankten sich und so beendeten wir unser Mahl in etwas gedämpfter Stimmung. Maryam geleitete uns in der Dämmerung in ihre Hütte. Das große blitzblanke Zimmer war gemütlich und einladend mit all seinen Stoffen und Tüchern. In einer Ecke war ein großes Bett und aus einem Schrank in der Ecke holte sie zwei große Matten. Schlafsäcke hatten wir dabei, so dass das kein Problem darstellte. Maryam zeigte uns noch wo ihre Öllampe stand und wie wir sie zu befüllen hatten. Auch den Trog mit Wasser und die Schublade mit ihren Verbänden zeigte sie uns. Während der ganzen Zeit schaute sie mich nicht einmal an, sondern sprach auf Englisch zu meinen Freunden, was mich rasend machte.

Sie wünschte uns dann noch eine gute Nacht und machte sich auf den Rückweg. Ganz in Gedanken trat ich ans Fenster und schaute ihr nach, bis ihre Gestalt nicht mehr zu sehen war. Als ich vom Fenster zurücktrat und mich umdrehte, lag Daniel von Kissen gestützt aufgerichtet auf dem Bett und betrachtete mich neugierig. Kasper saß neben Daniel die Arme verschränkt und blickte Finster drein. Doch es war schließlich Marek der zu sprechen Begann. Von seinem Platz auf der Matte neben dem Bett stand er auf und ging auf mich zu. „Also Yusuf, das ist also der Grund warum du die letzten Tage so gar nicht du warst. Jetzt leg mal los. Erzähl uns was los ist, “  sagte er warm. Daniel nickte zu seinen Worten. Einzig Kaspar wirkte noch angefressen.

„Okay, okay ihr habt ja recht. Also kurz nachdem ich wieder da war, habe ich meine Dschidda besucht und wurde dabei von Maryam umgerannt“ fing ich an zu erzählen „Sie ist mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf gegangen, doch ich wusste, dass ein One-Night-Stand hier nicht in Frage kommt. Also habe ich das ganze verdrängt. Doch als wir am ersten Tag hier waren, hat mein Bruder mir erzählt, dass Maryam die Farka gemacht hat und wohl ein Klasse über ihn ist. Ich dachte sie wäre nur ein Mädchen vom Dorf und war wirklich überrascht, dass sie in die Schule geht.“ Zu Daniel gewandt für ich fort, „als ich dich so nah bei ihr stehen sah, da sind mir irgendwie die Sicherungen durchgebrannt. Ich kenne mich so gar nicht und es tut mir wirklich leid. Ich habe kein Recht auf dich Eifersüchtig zu sein oder dir den Umgang mit ihr zu verbieten. Wenn du auch ernsthaft an ihr interessiert bist, lasse ich dir den Vortritt, denn ich gefalle mir so nicht.“ Wissend nickten Daniel und Kasper sich zu. „Yusuf dich hat es voll erwischt und du musst dir keine Sorgen machen. Mein Herz ist schon lange vergeben und ich komme dir sicher nicht in die Quere,“ antwortete Daniel.

Der schlaksige Mann blickte zustimmungsheißend zur Seite und kassierte ein Nicken von Kasper. Verwirrt blickten ich und Marek uns an. „ Wisst ihr, Kasper und ich wir lieben uns“ sagte Daniel und blickte den Mann zu seiner Seite voller Liebe an. „Es hat lange gedauert bis Kasper dazu bereit war, das in der Öffentlichkeit zu zeigen und dazu zu stehen“. Marek und mir blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen. Wir wussten, dass Daniel Schwul war, sein Verhalten legte dies zu Weilen nahe und auch hatte er immer ganz offen darüber geredet aber Kasper!? „Schaut`s ned so bled!“ rief Kasper aus. Zärtlich blickte er Daniel an und küsste ihn leicht. „Ja sowas“ rief Marek aus „Glückwunsch ihr beiden.“ Alle Blicke klebten nun auf mir ich lachte streckte mich und sagte „Mensch ihr Geheimniskrämer, Glückwunsch“. Erleichtert lachten die Beiden auf und strahlten uns an. „Wir hatten schon Angst ihr würdet uns das ganze übelnehmen, aber wir wollten es einfach erst einmal zu zweit genießen.“ Sagte Daniel. „Aber was gedenkst du jetzt wegen dieser Maryam zu machen? Du scheinst ernsthaft in sie verliebt zu sein und solltest das nicht einfach ignorieren. Wer weiß vielleicht ist sie die Liebe deines Lebens.“ Äußerte er ernst.

Schon öfter hatten Kasper, Daniel und ich Streitgespräche darüber geführt ob es die Eine Liebe fürs Leben gab oder nicht. Daniel war der festen Überzeugung ja. Ich und Kasper waren da anderer Ansicht gewesen, doch nun nickte Kasper und stimmte Daniel voller Überzeugung zu. Marek war sich bei diesem Thema noch nie sicher gewesen und hatte sich immer enthalten. „ Ich werde wohl nichts unternehmen. Bald bin ich wieder in Damaskus und sehe sie nicht mehr.“ Alle drei schüttelten die Köpfe über so viel Sturheit und sprachen das Thema die ganze Woche nicht mehr an. Der Besuch der drei war viel zu schnell herum und ehe ich es mich versah war ein Jahr herum und ich musste meine Doktorarbeit abgeben. Die Verteidigung und das ganze Drumherum liefen fantastisch und nun konnte ich den Titel Dr.-Ing. Yusuf Nazrah tragen. Stolz scannte ich das Dokument ein und schickte ich es meinen Freunden. In der Zwischenzeit war viel passiert.

Regelmäßig nahm ich an Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad teil. Im Zuge des arabischen Frühlings wollte ich mich für mehr Freiheiten und echte Demokratie in meinem Land engagieren. Und natürlich wollte ich auch, dass sich die Lebensumstände wieder verbessern. Aufgrund einer jahrelangen Dürre lag die Region um Dar `a wirtschaftlich brach. Wir hatten zu wenig Wasser und wollten die korrupte Wirtschaftspolitik beenden. Als wir von der Verhaftung unschuldiger Kinder hörten gingen wir friedlich auf die Straßen, doch dabei wurden mehrere Menschen von der Polizei und des staatlichen Geheimdienst getötet. In den nachfolgenden Tagen eskalierte das ganze immer mehr und es gab viele weitere Tote. Ich gab meine gut bezahlte Arbeit an der Universität auf und trat der Freien Syrischen Armee (FSA) bei. Wir wollten die Regierungstruppen vertreiben und ein demokratisches Land aufbauen. Wegen innerer Differenzen scheiterten wir aber und ich floh in den Libanon. Während meiner Zeit in der FSA hatte ich keinen Kontakt zu meiner Familie und meiner zweiten Familie in Deutschland, wie ich meine Freunde aus meiner Studienzeit mittlerweile nannte.  Als Mitglied der FSA erlebte ich schreckliche Dinge und musste schreckliche Dinge tun.

Diese will ich nicht noch einmal erleben und habe sie deswegen tief in mir verschlossen. Den Schlüssel habe ich weggeworfen und hoffe ihn nie wieder zu finden. Im Libanon angekommen, kam ich in ein Auffanglager für Flüchtlinge. Das Lager war Hoffnungslos überfüllt und  dennoch traf ich an meinem ersten Tag  Maryam. Sie schien mich nicht widerzuerkennen, doch ich wusste sofort das sie es ist. Sie war dünner geworden, doch wie sie da vor mir ging, konnte ich noch den alten Elan spüren. Ich ging schneller und tippte ihr von hinten auf die Schulter „as-Salem –Alaikum Maryam“ sagte ich. Erschrocken wirbelte sie herum und holte mit ihrem Wassereimer nach mir aus. Im letzten Augenblick konnte ich sie stoppen und plötzlich hielt ich sie in den Armen. Lange standen wir so da. Eng umschlungen und die anderen mussten, um uns auszuweichen, einen Bogen um uns machen. Vorsichtig löste ich mich von ihr und fragte: „ Sollen wir nicht lieber woanders hingehen?“.

Maryam nickte wischte sich die Tränen aus den Augen und gab mir zu verstehen ich solle ihr folgen. Um in ihr Zelt zu kommen musste ich mich bücken. Im inneren war es dunkel aber erstaunlich gemütlich. Auf einer Matte konnte ich eine schmale liegende Gestalt ausmachen und als ich näher ging erkannte ich Mohammed. Erschrocken schrie ich auf, doch mein Bruder rührte sich nicht. Behutsam nahm mich Maryam bei der Hand und bedeutet mir mich hinzusetzen. Aus einer Thermoskanne bot sie mir Tee an und durchgefroren wie ich war nahm ich dankbar an. Mit einem Blick auf mich fing sie, mit ihrer ruhigen weichen Stimme, an zu erzählen, was in den letzten zwei Jahren passiert sei: „ Als du nicht wiederkamst und dein Vater keine Arbeit mehr finden konnte, haben die beiden ihr Haus in der Stadt verlassen und sind zu uns in das Dorf gezogen. In der Stadt waren Kämpfe und Bomben an der Tagesordnung, auf dem Dorf war es noch etwas ruhiger. Mo und ich konnten nicht mehr zur Schule gehen und so lernten wir für uns. Doch im Vordergrund stand die Nahrungsversorgung und der Kampf um sauberes Wasser. Eines Tages während wir zwei im Wald nach Wasser suchten. Verirrte sich eine Bombe und zerstörte unser zu Hause. Es tu mir leid aber dein Vater und Umm Samira leben nicht mehr.“

Hier hielt sie kurz inne um sich wieder zu sammeln. Während ihre Worte langsam in meinen Kopf eidrangen rutschte sie näher und nahm meine Hand ganz fest in ihre. Dankbar für ihr Angebot des Trostes zog ich sie näher an mich und legte einen Arm um mich. So saßen wir eine gefühlte Ewigkeit. Nach einer Weile begann sie weiter zu erzählen, dass  bei den Rückstößen der Explosion Mo sein Gehör verloren habe und er auch seine Beine nicht mehr spüre. „Weißt du er schob mich hinter sich und bewahrte mich so vor schlimmeren Verletzungen. Ich habe noch zwei Tage nach deinen Vater und Samira gesucht. Ohne Erfolg. In der Zeit habe ich uns beide Versorgt und einen Vorrat für den Weg in den Libanon angelegt. Ich habe Mo den ganzen Weg auf einer Trage hinter mir hergezogen und als wir hier waren war er schon fast Tod. Die Ärzte von „Ärzte ohne Grenzen“ haben ihn gerettet und mir einen Rollstuhl für ihn besorgt. Er schläft noch viel aber ansonsten geht es ihm schon wieder besser. Wir haben unsere eigene Art der Kommunikation entwickelt und verbessern diese ständig. Ich weiß, das ist viel auf einmal aber du kannst gerne heute Abend wiederkommen und bei uns einziehen. Ich finde Familie sollte zusammen sein.“  Erzählte Maryam während ich sie eng an mich gedrückt hielt. Und ganz einfach so war sie auch zu meiner Familie geworden.

 Als Mo erwachte weinte er vor Freude und deutete Maryam „Danke Danke“. Doch Maryam schüttelte den Kopf es sei Schicksal meinte sie. Noch an diesem Abend zog ich bei den beiden ein. Doch eine Frage quälte mich wirklich. Waren Maryam und mein Bruder ein Paar oder einfach enge Freunde. Es war schwer zu sagen. Die beiden hatten eine ganz eigene Art zu kommunizieren und verstanden sich meist ohne Worte.  Eines Abends als Maryam länger unterwegs war nutzte ich die Gunst der Stunde und sprach Mo darauf an. Er schüttelte den Kopf und Deutete mir eine ganze Weile Worte, doch ich verstand sie leider nicht. Im deuten von dieser ganz eigenen Sprache war ich längst nicht so gut wie ihre beiden Erfinder und verzweifelte oft an der Mehrdeutigkeit von Worten. Mo schüttelte lachend den Kopf und deutete auf eine Tasche in der Ecke. Dort entdeckte ich einige Bücher so wie Block und Stifte. Ich reichte ihm die Tasche und er begann mir aufzuschreiben, dass Maryam für ihn wie eine Schwester sei, er aber sehr wohl sähe, dass dies bei mir nicht so sei und ich bitte vorsichtig sein sollte.

 Kurz darauf fing er an mich und Maryam oft alleine zu lassen indem er länger im Ärztekomplex blieb beziehungsweise anfing dort zu arbeiten. Auch Maryam arbeitete dort und vertraute mir an, dass früher ihr großer Traum gewesen sei Ärztin zu werden. Ich musste schlucken und erzählte ihr ein paar meiner Erlebnisse bei der FSA. Maryam sagte immer das Richtige und hörte mir zu. Eines Tages kam sie aufgeregt nach Hause, mittlerweile sah ich das Zelt als unser Heim an und erzählte mir von einem Programm der  UNHCR. Mithilfe dieses Programms könnten wir versuchen in einem anderen Land ein neues Leben aufzubauen. Ich könnte Ärztin werden endete sie atemlos. Ich war begeistert und meinte, wie wäre es wenn wir nach Deutschland gehen könnten. Noch am selben Tag bewarben wir uns für das Programm und wurden tatsächlich, nach zwei Monatiger Wartezeit aufgenommen.  Maryam und ich machten jetzt verschiedene Kurse, in denen wir viel über Deutschland lernten und auch ein Deutschkurs wurde angeboten. Eigentlich war dieser verpflichtend, doch ich konnte immer noch fließend Deutsch und so besuchte nur Maryam ihn.

Nach einem dieser Deutschkurse brach Maryam auf dem nach Hause weg zusammen und niemand wusste wieso. Ja sie war viel zu dünn aber es fehlte ihr eigentlich nichts. Nach einer oberflächlichen Untersuchung stand fest es lag wohl daran, dass sie zu wenig getrunken hatte. Genügend zu trinken gab es  eigentlich nie und von da ab zweigte ich etwas von meiner Ration für sie ab. Maryam wollte das nicht doch ich bestand darauf. Auch Mo gab etwas von seiner Ration ab und so ging es ihr bald wieder besser. Mo hatte im Lager einen guten Freund gefunden und war schon jetzt bei dem Gedanken ihn zu verlassen sehr traurig. Wenn ich die Beiden zusammen sah war mir oft so als sähe ich Daniel und Kasper vor mir und ich begann viel über meine drei Freunde nachzudenken. Seit nun mehr zwei Jahren hatte ich keine Informationen mehr von innen. Ich sprach Maryam darauf an und zu meinem verblüffen wurde sie rot und stammelte „Oh Entschuldigung ich dachte ihr hättet noch Kontakt sonst hätte ich doch sofort davon erzählt.“ „Alles gut“ meinte ich „erzähle einfach was du weißt“.

 „Naja, seit ihrem Besuch damals, schreibe ich mit Daniel E-Mails erklärte sie. Weißt du er war sehr interessiert an meinen Rezepten und wollte vieles für seine Hochzeit verwenden“ „WAS er hat geheiratet? Wen und wann?“ Maryam druckste erst etwas herum „Du weißt doch sicherlich, dass er und Kasper ein Paar waren. Vor einem Dreivierteljahr haben die beiden geheiratet. Kasper hat sich endlich getraut seinen Eltern davon zu erzählen und hat ihm einen Antrag gemacht.“ Vor Staunen konnte ich nur den Kopf schütteln, diese Frau verblüffte mich immer wieder. „Dann hast du immer noch Kontakt?“ Maryam nickte und gab mir die Mail Adresse von Daniel. Von da an begann ein reger Mail Verkehr zwischen uns und ich hatte eine Anlaufstelle wenn Maryam, Mo und ich in Deutschland angekommen wären. Bald darauf fiel mir auf, dass Maryams Gestalt sich zu verändern begann und eine Woche vor unserem geplanten Abflug fiel sie wieder in Ohnmacht. Im Krankenhaus wurde sie diesmal gründlicher Untersucht.

Wir bekamen es schon mit der Angst zu tun, da kam Dr. Gabil und verkündete, dass Maryam ein Kind erwarten würde. Vor lauter Überraschung brach sie in Tränen aus und musste von mir getröstet werden. Was für eine Schande unverheiratet ein Kind zu bekommen, meinte die Krankenschwester verächtlich und so musste ich Maryam erneut trösten. Ich warf der Krankenschwester einen bösen Blick zu und trug sie vorsichtig nach Hause. Dort angekommen, umarmte ich sie vorsichtig und sagte das erste Mal, seit dem Tod meiner Mutter, „ana ahabbuk“ zu jemanden. Maryam war jetzt ganz ruhig und sagte, nur weil ich Schwanger bin, musst du das nicht zu mir sagen. Ich weiß die Umstände sind schuld, sonst hättest du mich nie eines zweiten Blickes gewürdigt. Dies sagte sie und verließ das Zelt. Wohin sie gegangen war erfuhr ich erst am nächsten Tag. Unsere Abreise nach Deutschland hatte sich um eine weitere Woche verschoben, da die veränderten Umstände erst berücksichtigt werden mussten.

Deutschland nahm eben nur ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen auf und das ungeborene musste in dieser Rechnung berücksichtigt werden. Maryam sprach in dieser Zeit wenig und auch Mo wich mir viel aus. Am Tag der Abreise war alles gepackt und zu meiner Überraschung konnte Karim mit uns kommen. Irgendwie hatte Maryam es geschafft. Im Flugzeug verriet sie mir, dass sie behauptet hätte er sei ihr Bruder und sie hätte ihn erst jetzt wiedergefunden. Karim hatte innerhalb von drei Wochen das ganze Programm durchgezogen und war jetzt mit uns auf dem Weg nach Friedland. Dort angekommen wurden wir erst einmal gesundheitlich durchgecheckt und wir erhielten all unsere Papiere. Wir hatten Glück, denn schon zwei Wochen nach unserer Ankunft konnten wir weiter nach München reißen, welches unsere neue Heimatstadt werden sollte. Daniel und Kasper holten uns ab und ließen uns eine Nacht bei ihnen schlafen. Am nächsten Tag ging es ab in die Betlehmsstraße, in welcher sich unsere 30m² große Wohnung befand, welche die Beiden für uns besorgt hatten

Karim und Mo würden im vierten Stock und wir zwei im ersten Stock wohnen. Die beiden hatten mit Hilfe von SAVE ME auch schon eine komplette Erstausstattung an Möbeln und Geschirr für uns besorgt. Die beiden waren wirkliche Engel. Wie vor vier Jahren, war es kurz vor Weihnachten und ich fühlte mich in meine Studentenzeit zurückversetzt. Das Verhältnis zu Maryam war immer noch kühl und ich wusste nicht wie ich ihr beweisen konnte, dass meine Worte ernst gemeint waren und ihr alleine galten. Ich begann eine Idee zu entwickeln und neben meiner Arbeit bei BWM organisierte ich alles für den einen Tag, der Maryam für mich einnehmen sollte. Am 24.12 den wichtigsten Feiertag in Deutschland sollte es soweit sein.

Draußen lag Schnee und Maryam hochschwanger auf unserer Couch. Als es klingelte wollte sie sich erheben doch ich kam ihr zuvor. Vor der Tür standen Daniel, Kasper und auch Marek hatte es geschafft. Kasper hatte seine Gitarre dabei und zu viert sangen wir und führten wir ein Krippenspiel der besonderen Art auf. Es ging darin um einen sturen Studenten der nicht an die eine große Liebe glaubt, diese findet und sie fast wieder verliert, weil er dies zu spät erkennt. Im Laufe des Spiels standen Maryam Tränen in den Augen und als ich zum Schluss vor ihr auf die Knie ging und noch einmal mit tiefbewegter Stimme „ana ahabbuk“ sagte und sie auf Deutsch fragte „Willst du mich heiraten“. Da antwortete sie, ebenfalls auf der Sprache unserer neuen Heimat „Ich liebe dich seitdem ich dich damals umgerannt habe und Ja ja ja“. Dabei lachte und weinte sie zugleich. Ich stand auf hob sie hoch und wollte sie herumwirbeln, als ich merkte oh meine Schuhe waren nass. „Mei ihr griagts a Christkindl“ hörte ich Kasper sagen und Daniel telefonierte schon mit dem Krankenhaus. Nach nur vier Stunden konnte ich zusammen mit all meinen Freunden, das neue Leben bestaunen. Zusammen beschlossen wir das Kind Jesus zu nennen.  Die Bedeutung des Namens, Sohn Gottes, gefiel uns, denn schließlich war er aus einem Kriegsgebiet sicher in dieses Land geleitet worden. Wer wenn nicht Gott hatte dies gesteuert.

Maryam hatte Jesus auf dem Arm und ich setzte mich vorsichtig neben sie auf das Bett. „Ich liebe dich mein zubea[4]“ flüsterte ich und lauter sagte ich in die Runde „Frohe Weihnachten“

 

 

 


[1] Arabisch für Großmutter

[2] Dattelkuchen

[3] Umm ist ein Bestandteil weiblicher arabischer Beinamen. Es ist üblich, eine Frau ab der Geburt ihres ersten Kindes mit UmmXXX anzusprechen.

[4] Wirbelwind

 

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