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Eine stille Nacht

Die Weihnachtszeit beginnt und nein damit ist nicht der Verkaufsstart von Lebkuchen und Adventskalendern in sämtlichen Supermärkten des Landes gemeint, sondern die tatsächliche Adventszeit vier Wochen vor dem heiligen Abend. Alle möglichen und unmöglichen Leute scharen sich in der Stadt zusammen um Geschenke einzukaufen, Geschäfte zu machen die Dank Weihnachtsgeld endlich leistbar geworden sind und sich die Bäuche mit überfetteten und bis zum Anschlag mit Zucker überhäuften „Weihnachtsleckereien“ voll zuschlagen. Zwischen all dem Trubel und diesem speziellen Wahnsinn der sich zu dieser Zeit überall breit macht, erscheint alljährlich an jeder Ecke eine Verkaufsstelle von Christbäumen. Tannen und Fichten in allen möglichen Ausführungen, von groß bis klein, von schmal bis buschig, für jede Wohnung, jeden Menschen und jede Preisklasse lässt sich einer finden. Einer von diesen besagten Verkäufern ist Robert. Jedes Jahr macht er sich mit seinen selbstgefällten Bäumen aus dem Waldviertel auf in die Stadt, nach Wien, um sich ein bisschen extra Weihnachtsgeld dazu zu verdienen. 

 

Robert ist ein einfacher Mann, kurz gewachsen und stämmig, den Kopf tief im Genick ruhend, mit einem halb debilen Gesichtsausdruck der einem vermittelt, dass er vom Land kommt und diese Grenzen kaum überschreitet. Die Leute welche Bäume von ihm kaufen sind ihm ausgesprochen zu wider. Der Mittelstand in Wien ist ein eigener Typus, satt, äußert selbstzufrieden und arrogant im Auftreten. Die eigenen Lebensmittelunverträglichkeiten herauszufinden sei neben Kurzurlauben in europäischen Städten wohl ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Diese Eigenschaften machen es ihm schwer im Umgang mit diesen Leuten wohlwollend freundlich zu bleiben, vor allem wenn der Vorweihnachtsstress sich unter die Silhouette dieser verfetteten Wohlstandsgesellschaft mischt. Seine Frau hat er in der letzten Klasse der Hauptschule kennen gelernt und damals dachten beide die große Liebe gefunden zu haben. Heute glaubt er gar nichts gefunden zu haben. Alles was er hat ist eine Frau neben der er morgens aufwacht und gar nicht mehr weiß worüber er mit ihr sprechen soll, ein Hund der ihm nicht gehorcht, dem er aber trotzdem nicht böse sein kann und ein Sohn der in seinen Augen viel zu verweichlicht (andere würden ihn vielleicht als sensibel charakterisieren) für diese Welt ist. Er träumt oft von einem Leben als Formel 1 Mechaniker, er wollte schon immer als kleiner Bub nichts anderes machen. Irgendetwas hat ihn dann doch immer davon abgehalten. Die Frau die er anfangs noch leidenschaftlich geliebt hatte wollte er nicht alleine lassen. Das Haus welches von den Verwandten erwartet wurde, musste er bauen und gleichzeitig möglichst früh für finanzielle Sicherheit sorgen um nicht als Versager dastehen zu müssen. Im Endeffekt waren es jedoch alles Entscheidungen getroffen aus Angst vor den Konsequenzen die hätten folgen können und nicht aus Liebe oder stolzem Verantwortungsbewusstsein.

 

Eines Abends, genauer gesagt am Abend vor dem 24. Dezember, kam ein junger Mann zu seinem Weihnachtsbaum-Verkaufsstand vor dem Donauzentrum und erkundigte sich ob er denn noch einen kleineren Baum für ihn hätte. Natürlich hatte er noch genügend Exemplare übrig. Im ersten Moment wunderte er sich auch sehr über diese Frage da sogar jeder Marmeladen-Glas-Brillenträger von einem Kilometer Abstand erkennen konnte das es mindestens noch 100 Stück bei ihm zu erwerben gebe. Im zweiten Moment ärgerte er sich über sich selbst, dass er nicht mehr zustande gebracht hatte dieses Jahr, was es ihm schwer machte alle Geschenke vom Erlös der Tannen zu bezahlen.

„Ich bräuchte wenn es geht auch nur einen Kleinen, wissen sie als Student hat man erstens wenig Platz und zweitens nicht so viel Geld. Sie verstehen schon. Er muss auch keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, Hauptsache ich hab morgen irgendwas Baumartiges im Wohnzimmer stehen damit meine Freundin keinen Grund zum Sudern am 24. hat.“ 

„Wissens ich hob heute meinen letzten Verkaufstag ich kann ihnen gerne auch einen von den Feschen geben um den selben Preis wie die leicht Verkrüppelten, sehen sa’s als Weihnachtsgeschenk.“ Obwohl dieser junge Mensch eigentlich ein wenig der Sorte, allen voran Wienern, angehörte die er nicht besonders mochte empfand er eine gewisse schwer erklärbare Sympathie für ihn. Etwas an ihm erwärmte sein Herz.

„Na bitte gehms ma an schircheren wirklich, sonst setz ich die Messlatte für nächstes Jahr jetzt schon zu hoch.“ Das Lachen das auf diese, dem Studenten selbst stark erheiternde Aussage folgte, bereitete ihm große Freude und er fing selbst an laut gemeinsam mit ihm zu lachen. 

Er gab ihm schlussendlich den hässlichsten Baum den er hatte, auf ausdrücklichen Wunsch des jungen Menschen. Doch beide waren sehr überzeugt von der Tanne denn sie strahlte dieses unvollkommene Gefühl von Natürlichkeit aus, dieses Gefühl das nur das Kaputte und dennoch Schöne, weil von der Natur geschaffen, in uns auslöst.

 

Am 24. Dezember also, an jenem Tag an dem in Österreich traditionell das Weihnachtsfest zelebriert wird, saß er nun da mit seiner Familie, um den schönsten Baum den er dieses Jahr finden konnte. Groß und buschig war er und mit einem fast schon künstlich intensivem Tannengeruch gesegnet. Sein Bruder schob sich eine Hand voll Vanillekipferl nach der anderen in den überproportionierten Mund, der mehr Maul als Mund war, sodass es sogar ihm grauste obwohl er selbst sehr gerne Kekse im Überfluss zu dieser Jahreszeit verspeist. Die Tante sang ihre grässlich falsch einstudierten Weihnachtslieder, wie jedes Jahr und die Kinder rannten ungeduldig von einem Erwachsenen zum Nächsten und erzählten immer wieder wie aufgeregt sie nicht seien und sich ja schon so auf die Bescherung freuen würden. Weihnachten war auch dieses Mal wie jedes Jahr, als würde man auf einem Standfoto lediglich die Datierung verändern. Trotzdem war es dieses Mal unerträglich für Robert. Er war nicht imstande zu erfassen was es war, woran er sich störte aber einfach alles fühlte sich widerwärtig, falsch und irgendwie bizarr an. Es war nicht seine Welt, doch schon, aber nicht jene die er sich wünschen würde. Zum ersten Mal in seinem Leben war er wahrhaftig unzufrieden, nicht so unzufrieden wie sonst wenn der Fernseher mal wieder flackert weil Laub auf die Antenne gefallen war oder sich sein Sohn schon wieder mit einem Lehrer stritt wegen irgendeines dummen Streiches sondern unzufrieden mit allem, mit jedem und auch mit sich selbst in einem Ausmaß, dass er es einfach nicht ertragen konnte. 

 

Draußen war es bitterkalt aber Schnee gab es in diesem Winter bis jetzt keinen. Er fand schon immer dass Zigaretten in der Kälte anders schmeckten als wenn es schön warm ist. Nicht besser oder schlechter, einfach anders. Als er sich eine angezündet hatte, bemerkte er diesen Umstand erneut doch dieses Mal genoß er nicht nur das Nikotin und seine beruhigende Wirkung, er gab sich dem Anderem, dem Fremden, dem Unterschied hin. Immer heftiger wurden seine Züge, immer genussvoller das Ausblasen des fahlen, schon in der Lunge erkalteten Rauches und immer sehnsüchtiger wurde er nach der Veränderung. Er zündete sich in dem Moment als er die Zigarette am Boden zerstampfte schon die Nächste an und seine Züge wurden noch heftiger und ekstatischer. Plötzlich wurde ihm schwindelig, es wird wohl Sauerstoffmangel gewesen sein und er schaffte es gerade noch sich hinzuhocken vor das Haustor um nicht auf den kalten und rauen Schotter zu fallen. Als er kurz nach rechts blickte konnte er die unverkennbar stämmigen Beine seines Bruders erkennen welcher sich ebenfalls gerade eine Rauchpause genehmigen wollte. „Host a Feia fia mi Berti?“ „Do.“ Ohne, wie sonst üblich wenn sich zwei Raucher draußen begegnen vor allem wenn es sich um Brüder handelt, dass er ein Gespräch anregen wollte gab er ihm das Feuerzeug und verschwand unter dem Vorwand auf die Toilette zu müssen im Innenhof. Er ging nach hinten in den Garten, wo ihn in diesem Moment hoffentlich keiner gesucht hätte um durch die Stille vielleicht einen klaren Kopf zu bekommen. Anders. Weg. Fort. Alleine. Dieses Wortquartett schmetterte unablässig immer wieder gegen sein inneres Auge, dass es ihm schon physisch wehtat und er nicht wusste wie er es aufhalten konnte. Immer wieder ohne Unterlass. Anders. Weg. Fort. Alleine.

Es war ihm nicht mehr möglich wieder hineinzugehen. Doch er schaffte noch den Weg bis in die Werkstatt.

 

„Mama schau ein Revolver wie sie die Cowboys im wilden Westen auch haben. Genau den selben hat der Lucky Luke auch, ganz genau den selben, ich bin mir ganz sicher. Boah ich muss mit dem Lukas gleich rausgehen und den ausprobieren, er hat ja auch so einen ähnlichen bekommen, aber meiner ist viel cooler. Ich werde sicher immer gewinnen mit meinem.“

Ein lauter Knall zerbarst die heitere Bescherung, erst nur ganz kurz ehe alle wieder unbeschwert weiter ihre Geschenke auspackten. Sie glaubten es wäre schon wieder eine der Plastikplatten im Hof verrutscht und herunter gefallen, dies passierte recht häufig. Als aber der Bruder ohne Robert vom Rauchen erst nach 20 Minuten, mit einem Gesichtsausdruck der so ausdrucksstark gewesen sein musste, dass die Tante sofort am ganzen Körper zitterte, auftauchte, wurde diese Weihnachtsnacht eine wahrhaftig stille Nacht.

 

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