Am Heiligabend fuhr Sabine von ihren Eltern mit ihrem Auto zurück zu ihrer Wohnung. Es war bereits sehr spät in der Nacht und das Licht der Scheinwerfer ließ die gefrorenen Wasserkristalle im Schnee glitzern. Die Straßen waren weiß und glatt von festgefahrenem Schnee.
Sabine wohnte in einer ländlichen Gegend und weil sie auch in solch einer Umgebung aufgewachsen war, machte es ihr nichts aus, nachts durch die dunklen Strassen und Wälder des Taunus zu fahren. Sie brauchte ja keine Angst zu haben, denn sie hatte sich noch rechtzeitig die Winterreifen aufziehen lassen. Sie blickte sich um und warf einen kurzen Blick über die Schulter auf ihr Töchterchen Lisa, das auf dem Rücksitz lag und schlief. Sie hatte schon ihr Nachthemdchen an, denn sie war nach einer Geschichte, die ihre Oma ihr erzählt hatte, eingeschlafen und so hatten Sabine und ihre Mutter die Kleine ausgezogen und kurzerhand mit dem Oberbett einfach auf den Rücksitz gelegt, auf dem sie nun ruhig weiterschlief. Die junge Frau dachte noch einmal an die Geschichte, die ihre Mutter Maria erzählt hatte. Vor ungefähr drei Jahren, als Lisa geboren wurde, fand Maria vor der Tür ein verwahrlostes kleines Kätzchen. Es war völlig entkräftet und hatte an beiden Hinterpfoten blutige Verletzungen. Sein Fell war silbergrau und die Pfoten waren weiß bis an die Kniegelenke, abgesehen von der linken Vorderpfote, diese war nur im unteren Bereich weiß. Deswegen wurde sie Dreieinhalb Stiefelchen genannt. Ihre Mutter konnte das Kätzchen retten, aber nachdem es ihm wieder besser ging, verschwand es eines Tages spurlos. Sabine lebte allein. Ihr Freund hatte sich damals, als Lisa geboren wurde, von ihr getrennt. Sie blickte sich wieder einmal nach ihrer Tochter um, die ruhig dalag und einen alten Teddybären, mit dem sie selbst auch schon als Kind gespielt hatte, im Arm hielt. Es hatte wieder angefangen zu schneien, es war sehr finster und der Himmel hing noch immer voller Schnee. Plötzlich sah sie ein kleines Tier am Straßenrand stehen, das unvermittelt über die Straße lief. Sie riss am Lenkrad und trat automatisch auf die Bremse, aber der Wagen fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit in der gleichen Richtung weiter. Im Rückspiegel meinte sie eine silbergraue Katze mit weißen Pfoten gesehen zu haben. Gott sei Dank war ihr nichts geschehen, denn sie lief anscheinend ohne Verletzungen weiter. Der Schreck steckte Sabine aber immer noch in den Knochen und ihre Hände zitterten vor Aufregung. Jetzt begann es auch noch heftiger zu schneien, und deshalb steuerte sie nach dem Beinaheunfall das Auto noch vorsichtiger und fuhr wegen der schlechten Sicht sehr langsam. Die Scheinwerfer ihres Wagens fraßen sich durch die weiße Nacht, die Scheibenwischer konnten die wie Wattebäuschchen wirkenden Schneeflocken nicht schnell genug von der Windschutzscheibe kratzen. Sie konnte fast gar nichts mehr sehen, trotzdem blickte sie sich noch einmal zu ihrer Tochter um. Es war nur ein kurzer Moment, aber der reichte schon aus, um das Auto so schlingern zu lassen, dass es von der Strasse abkam und einen Abhang hinabstürzte. Der Wagen überschlug sich mehrmals und Sabine stieß sich den Kopf so stark, dass sie noch während der rasanten Talfahrt bewusstlos im Gurt hängen blieb und nicht mehr mitbekam, wie ihr Kind aus dem Fahrzeug geschleudert wurde. Mit brennenden Scheinwerfern und abgestorbenem Motor blieb das Auto auf dem Dach liegen. Gespenstisch drehten sich die Räder noch einige Male, bis auch diese still standen. Der niederfallende Schnee erreichte auch den Ort, an dem der Wagen auf dem Dach liegen blieb und verwischte alle Spuren dieses Unfalls. Eine fingerdicke Schicht lag schon auf dem oben liegenden Chassis des Autos, als sich einige Meter weiter plötzlich der Schnee bewegte. Lisa, die aus dem Fahrzeug geschleudert worden war, erwachte aus ihrer Bewusstlosigkeit. Sie hatte glücklicherweise keine schweren Verletzungen davongetragen. Aber sie hatte eine Platzwunde am Kopf und fror erbärmlich in ihrem dünnen Nachthemdchen. Sie rief nach ihrer Mutter, aber sie bekam keine Antwort. Sie hatte ihren Teddy im Arm und wusste nicht, was geschehen war. Vielleicht hatte sie sich doch eine Gehirnerschütterung zugezogen. Völlig verwirrt suchte sie sich einen Weg durch den hohen Schnee, der Dornen und spitze Steine verdeckte, so dass sie bald überall blutende Wunden an ihren nackten Füßen hatte. Mühsam lief die Kleine weiter, nicht wissend, dass sie sich immer mehr vom Fahrzeug entfernte. Obwohl die Nacht sehr dunkel war, wurde sie durch den weißen Schnee erhellt und so konnte Lisa die Umrisse der hier im Wald stehenden Bäume erkennen. Nach einiger Zeit wurde sie so müde, dass sie sich einfach dort, wo sie sich befand, hinlegte und einschlief. Sie fiel in einen tiefen Traum und sah plötzlich eine wunderschöne, silbergraue Katze vor sich im Schnee sitzen. Sie putzte und leckte sich ihre Pfoten, die wie kleine weiße Stiefelchen aussahen, sauber. Eine ihrer Vorderpfoten hatte die Form eines Schuhs. Die Katze sah Lisa an, als hätte sie sie erwartet, lief aber plötzlich davon. Das Mädchen rief noch traurig hinter ihr her, denn sie hätte doch so gerne mit ihr gespielt. Aber sie kam nicht mehr zurück und das machte Lisa sehr unglücklich. Sie träumte und merkte nicht, wie der Schnee sie immer mehr bedeckte. Arnold war Fahrer eines Apotheken-Großhändlers und hatte Notdienst. Er fluchte über die schlechten Sichtverhältnisse, die in dieser Nacht herrschten, aber nun hatte er Feierabend und freute sich darauf, endlich nach Hause zu seiner Familie zu kommen. Das Schneetreiben hörte allmählich auf und so konnte er die Strasse wieder erkennen. In einer Kurve sah er plötzlich im Scheinwerferlicht eine silbergraue Katze am Straßenrand stehen. Sie schien keine Angst vor Autos zu haben, denn sie lief nicht davon. Arnold hatte eine so schöne Katze noch nie gesehen und sie schien zahm zu sein. Nach der Kurve stieg er in einer Parkbucht aus seinem Auto und ging einige Schritte durch den tiefen Schnee zurück, dorthin, wo er die Katze gesehen hatte. Aber sie war fort. Er blickte sich um und sah ihre Spuren, die den Abhang hinunterführten. Auf einmal erblickte er zwei Lichter eines Autos in der Tiefe. Sofort machte er sich daran, hinabzusteigen. Rutschend und fallend kam er völlig von Schnee bedeckt unten an. Dort saß die Katze ganz ruhig und schien ihn zu beobachten. Arnold blickte in das Fahrzeug und entdeckte eine bewusstlose Frau, die in ihrem Sicherheitsgurt hing. Er versuchte eine Tür zu öffnen, aber sie klemmte. Dann lief er auf die andere Seite, dort stand die Beifahrertür einen Spalt breit auf. Er riss an der Tür und als sie weit offen stand, machte er sich daran, die auf dem Kopf hängende Frau aus dem Gurt zu befreien. Schlaff fiel sie in seine Arme. Er zog sie heraus und merkte, dass die Frau mindestens ein Bein und einen Arm gebrochen hatte. Eine große Beule am Kopf deutete darauf hin, dass sie auch dort etwas abbekommen hatte. Er legte sie kurz ab, schaute noch einmal in den Innenraum, ob sich noch jemand dort befände, nahm sein Handy und setzte einen Notruf ab. Dabei störte ihn die merkwürdige Katze ständig mit ihrem Miauen. Aber er achtete nicht darauf und trug die Verletzte über einen anderen Weg, als den er gekommen war, vorsichtig zu seinem Auto, stellte den Motor und die Heizung an und deckte sie mit einer Decke zu. Unvermittelt erwachte sie aus ihrer Ohnmacht und fragte ihn, was passiert sei. Arnold teilte ihr mit, dass sie einen Autounfall hatte und fragte nach, ob die frei laufende Katze auch zu ihr gehören würde. Sabine konnte sich wohl an die Katze erinnern, die sie fast überfahren hätte, aber sie kannte das Tier nicht. Plötzlich erstarrte sie. „Wo ist meine Tochter Lisa?“ Sie war völlig aufgelöst und blickte sich suchend um. „Haben sie meine Tochter gesehen? Sie muss noch im Auto sein!“ Sabine wollte aufspringen. Erst da bemerkte sie, dass sie sich schwere Verletzungen an Armen und Beinen zugezogen hatte. Arnold aber hatte an der Unfallstelle niemanden mehr gesehen, aber er entschloss er sich doch dazu, noch einmal nachzusehen. Er schnappte sich die Taschenlampe, die er für alle Fälle unter dem Fahrersitz zu liegen hatte, und machte sich sofort wieder auf den Weg zu dem schrottreifen Auto. Merkwürdigerweise befand sich die Katze noch immer dort. Er suchte das Wrack noch einmal nach weiteren Personen ab, aber auch unter dem Oberbett, das er jetzt völlig herauszog, war niemand. Auch Fußspuren waren nirgendwo zu erkennen, nur seine eigenen. Nur die Katze - wahrscheinlich war es der Statur nach zu urteilen ein Kater - machte mit ihrem Miauen einen mordsmäßigen Krach. Nun wurde Arnold aufmerksam auf den Kater, denn er lief in eine bestimmte Richtung, um dann immer wieder zurückzukommen. Arnold wollte sich ihm nähern, aber immer, wenn er ihm zu nah kam, lief der Kater weiter in den Wald hinein. Es sah so aus, als wollte er ihn irgendwo hinführen. Arnold dachte, dass so etwas gar nicht möglich sei, denn ein Kater, der einem etwas zeigen wollte, den gab es nicht. Dennoch lief er, das Oberbett und die Taschenlampe in seinen Händen haltend, weiter hinter dem Tier her, bis er ihn irgendwann aus den Augen verloren hatte. Er folgte den deutlichen Spuren im Schnee und nach einiger Zeit fand er den silbergrauen Kater auch endlich wieder. Er hockte auf einer kleinen Bodenwelle, die sich leicht unter dem Schnee abzeichnete und lief auch nicht fort, als Arnold sich ihm näherte. Plötzlich sah Arnold helle Stoffteile, einen Teddybären und lange blonde Haare, die aus dem Schnee ragten. Der Kater lag auf der Brust des Mädchens und wärmte es. Arnold glaubte zu träumen. Sofort machte er sich daran, Lisa vom Schnee zu befreien, wobei der Kater nun Platz machte und ihn beobachtete. Arnold wickelte das völlig unterkühlte Mädchen in das Oberbett, das er immer noch bei sich hatte, und rannte so schnell er konnte, seinen Spuren folgend, zurück. Wieder an der Straße angekommen, sah er das Blaulicht des Notarztwagens und übergab den Rettungskräften das bewusstlose Kind. Es erwachte kurz und fragte nach ihrem Teddy. Aber der lag irgendwo im Wald im tiefen Schnee. Lisas Mutter wurde bereits im Rettungswagen versorgt. Ihr liefen die Tränen in Strömen über die Wangen, als sie sah, dass Arnold ihre Tochter brachte. Sie war zutiefst gerührt und wollte sich bei ihm bedanken. Aber Arnold wehrte ab, sie solle sich nicht bei ihm, sondern bei dem Kater bedanken, dem mit den dreieinhalb weißen Stiefelchen. Dieser aber war nicht mehr aufzufinden, er war wie vom Erdboden verschluckt. Sabine und ihre Tochter Lisa wurden ins Krankenhaus gefahren, aus dem Lisa schnell wieder entlassen wurde. Ihre Mutter aber musste dort noch einige Tage ihre Verletzungen ausheilen. Oma Maria holte Lisa aus dem Krankenhaus ab und sie musste dem Mädchen an dem Tag noch oft die Geschichte von der dreieinhalbfach gestiefelten Katze erzählen. Am nächsten Morgen fand Oma Maria Lisas Teddy vor der Tür. Er lag im Schnee und rundherum waren die Spuren einer Katze zu sehen. Niemand konnte sich das erklären. Axel Lechtenbörger, alias Alex ten Berger

