Die Geschichte von den versunkenen Gotteskelche!
In der Wohnstube der Eheleute Hansen, deren 4 Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren vor noch einigen Stunden Bescherung hatten, war es nun finster. Gelöscht waren die Kerzen des Weihnachtsbaumes, verklungen die Weihnachtslieder, und außer dem Duft von Selbstgebackenem und Obst und überhaupt dem Odem Gottes, der alljährlich allüberall die geheiligte Nacht umhüllt, war es mucksmäuschenstill in der 4 Zimmer Wohnung geworden.
Doch halt! Was war das? Ich will nicht lügen! War da nicht gerade ein Geräusch zu hören? Es machte „klick“. So ein Klick wie... Ja. In der Tat. Die Türklinke zur Wohnstube wurde benutzt und -herein schleicht auf Zehenspitzen der kleine 8 jährige Benny.
Na so etwas. Hast du da noch Töne? Was macht dieser Knirps zur nachtschlafenden Zeit noch auf den Beinen? Welch ein unruhiger Geist treibt ihn da leise still und heimlich durch die Wohnung? Wenn man mich fragt: Äußerst verdächtig... Aber was nun einmal ist das ist nun mal.
Ebenso vorsichtig wie in den Wohnraum geschlichen, schließt der kleine Benny die Tür hinter sich und tastet sich mühelos durch die gute Stube. Dahin, wo er vor noch wenigen Stunden mit leuchtenden Augen und erstauntem Gesichtchen, mit wild pochendem Herzchen die Weihnachts-Gruppe unter der prachtvollgeschmückten Tanne bewunderte und nichts mehr übrig hatte für seine neuen Spielsachen, nachdem der Vater ihm auf die Frage, „Wer das Kindlein in der Futterkrippe sei?“, geantwortet hatte: „Das ist das Jesus-Kind“!
Was soll das denn nun wieder? Sich niedergekniet, nimmt der kleine Benny aus der Mitte des heiligen Gottes-Paares das Jesuskind mit samt der Futter-Krippe. Und dieses vor sich aufgerichtet, legt er daraufhin die Hände in der Form eines Kelches aneinander und--- Aha! Daher weht der Wind. Nun sieh sich mal einer diesen kleinen Benny an. Hätte man das für möglich gehalten, dass dieser einige Monate zurückliegende Vorfall solch eine Wirkung auf ihn ausübe? Es war das im Sommer, an irgend einem Tag, an dem der kleine Benny zu seiner Mutter gelaufen kam und sich ganz doll toll vorkam, die Schwester -was diese Verbrochen soll uns nicht interessieren- hinterm Rücken anzuschwärzen...
Im Zwiespalt, ob dieses gut oder schlecht zu werten sei, warf die Mutter dem kleinen Benny, ohne lange zu überlegen, einfach vor, dass er ein Verräter sei. Nein! Weit mehr: ein Judas sei er!
Ein Verräter! Ein Judas? Mit einem Male fühlte der kleine Benny sich ganz erbärmlich schlecht. Und obgleich er nichts, rein gar nichts wusste von einem verräterischen Judas, lief er, sich schämend, ins Kindezimmer, verbarg sich in seinem Bettchen, weinte bitterlich, schluchzte herzzerreißend und war für den Rest des Tages nicht mehr anzusprechen...
„Ich vermute”, sagte die Mutter am Abend zu dem von der Arbeit heimkehrenden Vater, „Dass ich eine riesen Dummheit gemacht habe.“ Und schließlich alles erzählt bekommen, meinte der Vater beruhigend: „Lass mich mal machen!“;... Den kleinen Benny dann erst einmal an der väterlichen Brust ausweinen gelassen, ihm alsbald die Tränen getrocknet und wieder ins Bettchen verfrachtet, sagte der Vater: „Deine Mutter, mein Sohnemann, läßt mich dir ausrichten, dass es ihr sehr leid tut, dich einen Judas geschimpft zu haben. Aber weißt du, da gibt es etwas, das sie nicht wußte. Und damit es dir gleich besser geht und du schön schlafen und träumen kannst, werde ich dir das jetzt erzählen.
Es gab einmal vor abertausenden von Jahren da, wo heutzutagen der atlantische Ozean liegt, vor der Sindflut, das Land Atlantis. Dieses Atlantis war so reich und herrlich, dass es für uns keine Worte gibt dafür, es zu beschreiben, und höchstens vergleichen können mit dem Paradies. Die Menschen von Atlantis waren überaus glücklich und zufrieden; und das verdankten sie ihren Priestern und Hohe-Priester, zu denen sie ein grenzenloses Vertrauen hatten.
Diese Priester und Hohe-Priester lebten in schier atemberaubend schönen gottgeweihten Tempeln, in denen Götter aus der lichten Geisteswelt sie wissen ließen, was „Der Große Geist“ in seiner Weisheit offenbarte, damit die Menschen in Atlantis, trotz unterschiedlichster Rassen, in Frieden und vollkommener Harmonie miteinander leben konnten.
Nun war es aber so, dass die Götter nicht sich in menschlicher Sprache mitteilten, sondern durch einzelne Menschenherzen. Und nur einem Menschenherzen, das in edelstes Geistesgold umgewandelt war, was oft unfaßbare viele Jahre brauchte, konnten die Götter die reine Weisheit, die „Der Große Geist“ sie wissen ließ, unverfälscht mitteilen, so dass das edle Herz die Göttersprache vermenschlichen konnte.
Damit dies mit rechten Dingen zuging, dafür war der Hohe-Priester zuständig. Dieser, selbst einst Priester gewesen, war mit der Sorge betraut, unter den Priestern jenen zu erkennen, dessen Herz am reinsten aus eigenen Kräften heraus umgewandelt war in Geistesgold, was bedeutete: Die vollendete Hingabe in Liebe zu seinem Gotte und dem Volke von Atlantis.
Nahte sich schließlich der Tag, an dem der letzte Hohe-Priester von seinem Gotte heimgeholt werden sollte, ließ der Hohe-Priester alle Priester kommen und zu einer bestimmten Stunde in eine sonnendurchstrahlte Weihe-Stätte treten und sie da um einen Altar aus weißem Marmor, der in der Mitte stand, in einem Kreis aufrichten. Vor aller Augen formten dann mit der ganzen Kraft aus den Strahlen der Sonne, die durch die Glaskuppel über ihren Häuptern hereinschien, unsichtbare Götterhände in einem heilig-erhabenen Geistes-Weihe-Akt einen goldenen Gotteskelch auf den weißen Marmor-Altar; woraufhin „Der Große Geist“ von seinem treuen Diener den letzten Dienst erwiesen bekam. In würdiger Haltung nämlich und ehrfürchtig dankend nahm der Hohe-Priester den goldenen Gotteskelch an sich und reichte ihn an die Priester weiter. Und wie in einen Spiegel sehend, konnte der „Der große Geist“ erkennen, welcher unter den Priestern soweit herangereift war, alle menschlichen Gefühls-Schwächen umgewandelt zu haben in erstarkte Gottes-Gaben.
Und waren
aus Feindschaft Menschlichkeit,
aus Zorn Güte,
aus Wut Verständnis,
aus Mißtrauen Vertrauen,
aus Habgier Gunst,
aus Eigensinn Opferwilligkeit,
aus Verdorbenheit Reinheit,
aus Verrat Hingabe.
geworden, teilte „Der Große Geist“ dem Herzen des Hohe-Priester mit, wer unter den Priestern sein Nachfolger wurde.
Das aber blieb so nicht auf Dauer! Die Priester, die geduldig ihre menschlichen Gefühls-Schwächen über viele Jahre hinaus umwandelten in erstarkende Gottes-Gaben wurden weniger und weniger. Bald blieben sogar einige Tempel leer. Davon aber ließen die restlichen Priester nicht sich abschrecken; statt dessen täuschten sie die ihnen grenzenlos vertrauenden Menschen von ihrem Teil aus Atlantis, indem sie ihr eigenes selbstsüchtiges Haben-Wollen mit der Lüge, „Der Große Geist“ spreche so, durchsetzten.
Macht- und Habgier kamen an die Tagesordnung. Haß und Neid machten sich breit. Elend und Unheil suchten die Menschen von Atlantis heim, und dem ersten Krieg, der ausbrach, folgten weitere...
Damit nicht genug wurde der letzte Hohe-Priester, der unter den Priestern keinen Nachfolger finden konnte und deshalb die Wahrheit mitteilen wollte, meuschlings ermordet.
Verlassen waren die Tempel! Vergessen wurden die Götter! Dämonen wurde gedient! Wachsam jedoch blieb „Der Große Geist“!
Fand er auch keinen Priester, der unverfälscht seine Weisheit dem Volke hätte mitteilen können, gab er die Hoffnung dennoch nicht auf und suchte unter den einfachen Menschen von Atlantis ein in Geistesgold umgewandeltes Herz... Und wirklich, in Noah fand er es! Also ließ “Der Große Geist” von den Göttern zu einer bestimmten Stunde schicksalsmäßig den Noah in den Tempel, in die sonnendurchstrahlte Weihe-Stätte vor den weißen Altar aus Marmor führen, wo unsichtbare Götterhände den Geistes-Weihe-Akt vollzogen. Und als in dieser menschlichen Einsamkeit der Noah in seiner Erstauntheit den goldenen Gotteskelch in die Hände nahm, konnte er, von seinem Gotte erkannt, die Offenbarung vernehmen, die “Der Große Geist” an ihn zu richten hatte.
So baute Noah die Arche, tat wie ihm befohlen; und dann versank mit der Sintflut nicht nur das alte Atlantis, sondern auch die Tempel mit ihren goldenen Gotteskelche. Deshalb ließ “Der Große Geist” den Noah wissen, dass ER nunmehr aus den Händen selbst, die zu einem Kelch geformt, in die Herzen der einzelnen Menschen sehen würde, um zu erkennen, wer seine menschlichen Gefühls-Schwächen umwandle in erstarkte Gottes-Gaben. So wurde unter anderen von seinem Gotte erkannt der Moses, der König David, sein Sohn Salomon, die 12 Propheten und Jesus, der -bei seiner Johannes-Taufe im Jordan als Dreisigjähriger erkannt- dem Volke nun mitzuteilen hatte, dass “Der Große Geist” fortan den Namen Christus trage.
Und sich auf die Suche begebend nach weiteren Menschenherzen, die sich in edelstes Geistesgold verwandelten, fand Jesus zwölf, von denen einer der Judas war.
Oh , dieser Judas. Sein Herz brannte für Christus lichterloh. Alles wollte er für ihn geben. Nichts ging ihm schnell genug. Wild und leidenschaftlich und voller Ungeduld versuchte er alles, um seinem Gotte zu gefallen..., wie in jener Nacht, als er zum Verräter wurde.
Seinen Fehler erkannt, weinte Judas bitterlich. Tief verzweifelt und von Schuld geplagt, flehte er -sich schämend- seinen Gotte um Vergebung. Schluchzend und durchschüttelt von Reue, wagte er nicht gen Himmel zu sehen. Und Stunde über Stunde gebetet, bemerkte Judas nicht, wie kraftlos und von selbst seine Hände sich formten zu einem Kelch, in denen seine bitteren Tränen liefen... Und da geschah es! Mitten in das Herz gesehen, erkannte der Christus des Judas umgewandelte menschlichen Gefühls-Schwächen in erstarkte Gottes-Gaben.
Sein Verrat hatte ihn in die vollendete Hingabe geführt”.

