Am Heiligabend hatten Klara und ihr kleiner Bruder Benjamin zur Bescherung ihre lang ersehnten Schlittschuhe bekommen. Alle anderen unter dem Weihnachtsbaum liegenden Geschenke ließen sie nun außer Acht. Freudestrahlend machten sie sich direkt auf den Weg zu dem ganz in der Nähe liegenden See, um sie auf dessen zugefrorener Eisfläche auszuprobieren.
Benjamin hatte seine Schlittschuhe über der Schulter und natürlich musste auch Püppi, seine mit zahlreichen Flicken ausgebesserte Stoffpuppe, mitkommen. Obwohl er ein Junge war, spielte er gern mit Puppen und hatte Püppi, weil die Arme schon halb herausgerissen waren, von seiner Schwester Klara geschenkt bekommen. Mit dem linken Auge konnte ihm seine Stoffpuppe, wenn er sie schaukelte, zuzwinkern, das rechte aber war von seiner Schwester bereits herausoperiert worden. Vor gar nicht langer Zeit war Benjamin eines Nachts erwacht, weil er meinte, Püppi würde mit ihm reden. Sie gab ihm das Versprechen, ihm eines Tages aus der Not zu helfen. Er sollte sie deshalb stets bei sich tragen und immer an sie glauben. Als er das später einmal Klara erzählte, lachte ihn seine Schwester nur aus. Weil er seine Puppe so gern hatte, durfte sie auch niemand anders als Benjamin anfassen. Sie durfte noch nicht einmal von seiner Mutter zum Waschen in die Waschmaschine gesteckt werden, denn er hatte Angst davor, dass Püppi dabei ertrinken würde. Er war erst drei Jahre alt, aber ein Hans-Dampf in allen Gassen und so hatten seine Eltern mit dem quirligen Kind immer sehr viel zu tun, denn nichts war vor ihm sicher. Benjamin war schneller als seine Schwester auf dem Eis. Klara stand noch am Ufer und wollte gerade ihre Schlittschuhe anziehen, als sie plötzlich ein knackendes Bersten hörte. Völlig unerwartet war Benjamin auf einmal von weichen, wie Watte aussehenden Schneewolken umgeben. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Erstaunt drückte er Püppi fest an die Brust und schaute sich neugierig um. Hier war er noch nie. Um ihn herum war alles mit schneeweißen, schwebenden Wattebäuschchen geschmückt und von irgendwoher hörte er den wundervollen Klang einer Harfe. Mit seinen langen, strubbeligen Haaren und der Puppe im Arm stand er vor einem riesigen Holztor, das mit eisernen und verschnörkelten Beschlägen versehen war, und versuchte an die Klinke heranzukommen. Aber Benjamins Arme waren nicht lang genug. Plötzlich hörte er, wie ein Riegel zur Seite geschoben wurde. Kurz darauf öffnete sich geräuschlos das mächtige Tor. Ein kleines Rentier, nicht größer als seine Puppe es war, schaute heraus. „Wer bist denn du, bist du vielleicht Benjamin?“, fragte es neugierig. „Ja, ich bin Benjamin“, erwiderte dieser, erstaunt darüber, dass das Rentier sogar sprechen konnte, „und das hier ist Püppi.“ Er hielt dem kleinen Rentier die Puppe hin und ließ sie dann verlegen zwischen den Beinen hin- und herbaumeln. „Und wer bist du?“, fragte Benjamin scheu. „Ich bin Bübi, das Rentier, und begrüße alle Neuankömmlinge hier an diesem Tor.“ Neugierig betrachtete er das winzige Tier, das ihn nun hereinbat. „Komm doch herein, du wirst bereits erwartet.“ Es machte einen Satz zur Seite und gab so den Weg frei. Das große Tor schwang nun vollends auf und Benjamin ging neugierig hindurch. „Wer wartet denn auf mich?“, wollte Benjamin jetzt wissen. Aber Bübi antwortete ihm nicht. Er trabte voraus, um ihm den Weg zu zeigen. Benjamin glaubte im Wunderland zu sein. Er sah zahllose farbenprächtige Blumen, von denen viele kleine Zuckerstangen herabhingen und auf denen sich prächtige Schmetterlinge niederließen. An den Wegrändern standen kleine Bäume, an denen Bonbons und Dauerlutscher wuchsen, die man im Vorbeigehen abpflücken konnte. Ganz in der Nähe murmelte ein Bach aus Milch, auf dem unzählige lustige Kakaopunkte trieben. Das sah aus wie Milch mit braunen Masern. Dieser Bach mündete, zusammen mit anderen Bächen, die aus Erdbeer- und Bananenmilch bestanden, in einen See, der sich an die Ausläufer eines Pfefferminzberges schmiegte. Auf dessen Gipfel glitzerte herrlichstes Vanilleeis in der Sonne. Benjamin war begeistert, denn er mochte Milch und Pfefferminz und Vanilleeis in allen Variationen. Er folgte dem niedlichen kleinen Rentier, das unterwegs von etlichen Schmetterlingen und anderen flatternden Insekten umflogen wurde. Aufmunternd lächelte Bübi ihm zu. Benjamin pflückte, überall wo sie vorbeikamen, die köstlichsten Süßigkeiten ab. Bald waren seine Hände, sein Gesicht und auch Püppi voll von klebrigem Zuckerzeug. Sie kamen an einem Spielplatz vorbei, auf dem sich Kinder seines Alters tummelten. Nicht weit entfernt stand ein großer, fast haushoher, verbeulter Schaumkuss. Überall wuchsen kleine Schaumküsse aus der Schokoladenhaut des großen heraus. Dieses Schaumkusshaus war geschmückt mit Waffeln, Lebkuchen, Zuckerguss und Zuckerwatte. So etwas Lustiges hatte Benjamin noch nicht gesehen. Der Klang der Harfe war hier nun deutlich zu hören und Bübi blieb unvermittelt stehen. Jetzt entdeckte Benjamin eine Tür im Schaumkusshaus. Sie hatte die Form einer Muschel und man konnte daran lecken wie an einem Dauerlutscher. Wie von Zauberhand öffnete sie sich, und plötzlich wusste der Junge, wo die Musik ihren Ursprung hatte, denn sie kam aus dem Innern dieses riesigen Schaumkusses. „Hallo Benjamin, ich habe bereits auf dich gewartet. Ich freue mich, dass du zu mir gefunden hast. Hast du dir alles angesehen? Ich hoffe, es gefällt dir, denn du wirst sehr, sehr lange hier bei mir bleiben.“ Ein gutherzig aussehender alter Mann, bekleidet mit einem weißen Gewand, trat aus dem verbeulten Schaumkuss und sprach mit gütiger Stimme zu ihm. Er hatte langes, schlohweißes Haar und einen dichten, fast bis auf den Boden reichenden Bart. In der Hand hielt er ein aufgeschlagenes, goldenes Buch mit einer langen Namensliste. Er nahm einen Federkiel, um einen Haken hinter Benjamins Namen zu setzen. Währenddessen schaute sich Benjamin im Schaumkusshaus um und entdeckte einen großen Schlitten mit verschnörkelten Kufen. Er sah auch noch weitere Rentiere, die versuchten sich hinter Weihnachtsgeschenken zu verbergen. Plötzlich schaute der greise Mann erstaunt zum Himmel hoch und lauschte. Er schlug das Buch zu und sah Benjamin mit seinen gütigen Augen erfreut an. „Benjamin, ich habe soeben gehört, dass du nicht hierzubleiben brauchst. Dein Platz ist dort, wo du hergekommen bist. Deine Eltern und deine Schwester Karla werden sich freuen, dich wiederzusehen.“ „Aber es ist doch so schön hier, kann ich denn nicht trotzdem da bleiben? Hier gibt es so viele leckere Süßigkeiten und einen großen Spielplatz.“ Sanft drückte Benjamin Püppi an seine Brust. „Du musst wieder zurück. Du bist etwas ganz Besonderes und wirst auch von deiner Familie noch viele Süßigkeiten und Spielsachen bekommen.“ Unvermittelt wurden die Töne der Harfe leiser und alle Süßigkeiten drehten sich um ihn, immer schneller und schneller. Benjamin geriet in einen mächtigen Wirbel. Er glaubte sich in einem schnell drehenden Karussell zu befinden. Plötzlich verschwand alles um ihn herum. Wie versteinert stand Karla an dem zugefrorenen See, in dem kurz zuvor ihr Bruder Benjamin eingebrochen war. Sie konnte ihren Blick nicht von dem leblos unter der dicken Eisschicht treibenden Körper nehmen. Ein Passant hatte dieses schreckliche Unglück beobachtet und sofort mit seinem Handy die Feuerwehr alarmiert. Karla wusste nicht mehr, was danach alles geschehen war. Das schrille Martinshorn der Feuerwehr hatte sie nur wie aus weiter Ferne gehört. Nun stand sie reglos vor Schock am Ufer, als die Rettungskräfte eine Leiter aufs Eis legten um an das verunglückte Kind zu kommen. Einer der Retter, der mit einer Sicherungsleine gesichert war, sprang beherzt von der Leiter in das eiskalte Wasser und zog kurzerhand den leichten Körper hoch. Dabei bemerkte er, dass das Kind noch etwas in der Hand hielt und auch in seinem Zustand nicht losließ. Er übergab den leblosen und völlig unterkühlten Jungen einem weiteren Feuerwehrmann, der ihn behutsam über die Leiter zum Ufer trug. Dort warteten bereits der Notarzt und die Rettungssanitäter, die sogleich alle Maßnahmen zur Wiederbelebung einleiteten. Inzwischen waren auch Benjamins Eltern am Unglücksort erschienen. Die Mutter stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Der Vater nahm Klara an sich, die nun hemmungslos zu weinen begann. Die Mutter aber begab sich mit zu Benjamin in den Rettungswagen. Sie waren kurz vor dem Krankenhaus, als das Herz des Jungen wieder zu schlagen begann. Benjamins Mutter, die neben ihm saß und seine Hand hielt, schluchzte herzzerreißend. Plötzlich öffnete Benjamin die Augen. „Wo sind denn die vielen Süßigkeiten und das tolle Schaumkusshaus mit der schönen Musik und das kleine Rentier geblieben?“, fragte er mit schwacher Stimme seine Mutter, die ihn jetzt mit Tränen in den Augen, aber voller Freude anblickte. Sie sah sich um. „Welches Rentier denn? Hier gibt es doch keine Rentiere.“ Sie schluchzte wieder. Benjamins Gesichtshaut war noch ganz fahl und seine Stimme war kaum zu vernehmen. „Vielleicht meint er das hier.“ Der Notarzt, der das Gespräch mit angehört hatte, übergab der Mutter ein kleines Rentier aus Stoff. „Das hatte er dabei, als er aus dem Wasser gezogen wurde. Ich habe es kaum aus seiner Hand bekommen.“ Benjamin freute sich sehr, als er es gereicht bekam. „Bübi? Du bist das? Wo ist denn Püppi geblieben?“ Man konnte seine matte Stimme kaum verstehen. Er nahm Bübi liebevoll in den Arm und obwohl er Püppi sehr lieb hatte, freute er sich sehr über diese unerwartete Überraschung. Täuschte die Mutter sich, oder zwinkerte das Stofftier ihrem Jungen nun mit einem Auge zu? Erschöpft schlief Benjamin wieder ein. Er erwachte, nachdem er einige Stunden im Bett der Intensivstation verbracht hatte. Als er wieder bei Kräften war, rannte er quietschfidel mit Bübi, dem Rentier aus Stoff, über die Flure des Krankenhauses. Wenn Benjamin ihn schaukelte, zwinkerte dieser ihm freundlich mit dem linken Auge zu, das rechte aber war anscheinend schon vor langer Zeit entfernt worden.

