Auch Engel sind gerne mal Spitzbuben
Es war die Zeit vor Weihnacht! Undenklich viele Jahre liegt das zurück, was hier geschrieben steht. So wie die Menschen auf der Erde auf Weihnachten sich vorbereiteten, geschah es auch im Himmel. Tag und Nacht war die Backwolke in Betrieb und auf unserer Welt legte der Rauch der Backöfen sich als Nebel nieder. Und die Menschen hatten nichts anderes zu tun, als zu klagen, man sehe fast nichts mehr, nicht einmal mehr die Hand vor Augen.
Emsig und ohne Pausen wurde auf der Bastelwolke gearbeitet. Da hämmerte und klopfte es stundenlang und auf der Erde erschallte diese rege Fleisigkeit der Engel, die viel Spaß auch dabei hatten, durch Donner, Blitze, unser eben altbekanntes Gewitter. Und auf der Reinigungswolke säuberten die Engel sämtliche schmutzigen Handgeräte, Geschirr und Backmaterial. Da dort die jüngsten Engel beschäftigt waren, geschah es mitunter, dass sie lustig, vergnügt und übermütig eine Wasserschlacht veranstalteten. Währenddessen regnete es dann auf Erden, oder Hagel, Niesel kam wegen der vergnügten kleinen Engelbewohnern des Himmels über die Menschen. Ach und die wussten nichts besserers, als griesgrämig zu schimpfen über das schlechte Wetter und verbitterten darüber, dass dieses Jahr wohl wieder kein Schnee fallen würde.
Aber auch im Himmel, so lustig es dort auf den Wolken zuging, so sehr die Himmelswelt erfreut war und es kaum erwarten konnte, die Kinder und Erwachsenen auf Erden am Heiligen Abend glücklich zu machen, war in jenem Jahr die Stimmung leicht getrübt. Und ein zwar ganz schwacher, aber doch bemerkbarer Schleier der Trauer lag über dem göttlichen Geistland. Der Herr, Christus-Jesus selbst, war es, der enttäuscht darüber war, dass die Menschheit nie seinen Geburtstag feierte, sondern nur ein egoistisches Fest veranstalteten und dabei völlig vergessen hatte, dass Weihnachten nur der Erde gegeben war, weil ER, der SOHN GOTTES, in die Welt gekommen war. Daran zu denken, dass die Heilige Nacht nur allein deshalb gefeiert werden konnte, hatten die Menschen vergessen. So wunderschön hätte Weihnacht sein können, die schönste Nacht sollte es sein, die den Menschen gegeben wurde, um immer zu wissen, dass Gott die Menschen alle liebt. Dieser Gedanke, diese Erinnerung –Warum? Wieso?- wurde von der Menschheit verdrängt und niemand mehr wusste eigentlich noch ganz genau, weshalb man dieses Fest der Liebe, dieses Friedensfest hatte, um es feiern zu können.
In diese Trauer über die Menschen, versuchte Stephan, ein kleiner Engel, Jesus etwas freudig zu stimmen; dabei lobte er den Menschen in den höchsten Tönen, dass sie ganz bestimmt, in ihren tiefsten, innersten Gefühlen wüssten, warum es die Heilige Nacht gibt.
„Nein! Nein!“, meinte Jesus. „Seit vielen Jahren sehe ich mir das an und es ist nicht nur immer dasselbe, sondern Jahr um Jahr vergessen die Menschen mehr und mehr, dass ich bei ihnen war, unter ihnen lebte, um sie nie vergessen zu lassen, dass sie von göttlicher Herkunft, von unserem Vatergott sind.“ „Ach, Herr Jesus,“ bat der kleine Engel, „lass mich doch auf die Erde nieder, und dann will ich dir all die vielen Menschen zeigen, die ganz genau wissen, warum Weihnacht gefeiert wird.“ „Du bist viel zu klein, Stephan“, sagte Jesus, „und noch niemals war ein Engel auf der irdischen Welt, der noch so neu im göttlichen Himmel ist. Und dann bist du auch im Umgang mit den Menschen viel zu unerfahren. Aber es wäre bestimmt auch umsonst, denn es gibt zu wenig Menschen…“ „Bitte, lieber Jesus“, unterbrach Stephan flehentlich den Herrn aus ganzem Herzen. „Ich könnte ja mit meinem großen Engelbruder Horatio, der mein bester Freund ist, auf die Erde gehen; so wie damals, vor vielen Jahren, als du auch die Engel, Georg und Mario, mit einer göttlichen Botschaft auf die Erde gehen ließt.“
Und Stephan bat den Herrn so herzlich und ununterbrochen, dass Jesus nicht anders konnte, als ihm die Erlaubnis zu erteilen. Also erfüllt er seinen Wunsch, mit Horatio auf die Erde gehen zu dürfen. Jedoch mussten beide Versprechen, auf der Erde sich menschlich zu verhalten, und das bedeutete: ohne Wunder unter den Menschen zu verweilen. Und mit diesem Versprechen kamen die Engel auf die Erde als menschliche Wesen inmitten eines Weihnachtsmarktes; Stephan als 13 jährigen blonder Junge und Horatio als 24 jähriger Heranwachsender.
Anfangs kamen die Beiden sich überflüssig und verloren vor. Von überall her, aus allen Richtungen, eilten und hasteten die Menschen mit Tüten und mit Paketen und mit vollen eingekauften Taschen an ihnen vorüber. Und die Menschen schienen nie genug zu schleppen und zu schuften zu haben, denn sie kauften und kauften und kauften, als könnten sie nicht genug haben und brauchten mehr und mehr und mehr.
„Schau, Horatio“, sagte Stephan, dem ein kleines Mädchen aufgefallen war, das verschüchtert, zwischen der Lücke zweier Weihnachtsstände, stand, und von dort aus Streichhölzer anbot, indem es rief: „Weihnachtszündhölzer! Kaufen sie Weihnachtszündhölzer für die Kerzen am Christbaum!“ (Damals gab es noch keine elektrischen Christbaumkerzen).
Das Mädchen aber, das da stand, war viel zu klein, so dass keiner es bemerkte, oder keiner wollte es sehen. Und es war auch viel zu leise. Und es fror sehr. Und eigentlich glaubte das kleine Mädchen selbst nicht mehr, dass es seine Streichhölzer verkaufen könnte. Es hatte gar keinen Glauben mehr an sich selbst. Wer aber an sich selbst nicht mehr glaubt, dem gelingt mit der Zeit überhaupt nichts mehr. Egal, was für einem guten Zweck es dienlich sein könnte.
Die beiden Engel gingen zu dem kleinen Mädchen. Und locker vom Hocker grüßte Stephan es: „Hallo! Ich bin Stephan, und wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich Dir einen Vorschlag machen. Erstens einmal bist du überhaupt nicht zu sehen, zweitens bist du viel zu leise. Und zu meinem Vorschlag muss ich dir sagen, dass du mit Weihnachtszündhölzer nicht richtig liegst! Was du verkaufst sind doch Geburtstagszündhölzer.“ „Das verstehe ich nicht“, entgegnete das kleine Mädchen ehrlich und recht verdattert. Aber irgendwie spürte es, dass es Vertrauen und Sympathie hatte zu den beiden Jungen. „Es ist doch Weihnachtszeit“, erklärte die Kleine. „Geburtstag hat doch alle Tage jemand. Nach solchen Zündhölzern fragt kein Mensch.“ „Dieser Geburtstag am Heiligen Abend“, sagte Horatio, „ist aber der Geburtstag aller Geburtstage!“ „Und warum?“, fragte das Mädchen ungläubig, denn es hatte noch niemals etwas davon gehört, dass Jesus der Sohn Gottes war und ist.
„Wir werden es dir erzählen“, sagte Horatio. Und dann begannen die beiden Engel damit, wie das vor fast 2000 Jahren war, als Jesus geboren wurde und in eine Krippe gelegt wurde, wie Nachbarn und Bekannte der Umgebung kamen und Kleinigkeiten mitbrachten, weil Maria und Josef, die Eltern, sehr arm waren; und dass von nah und fern das Volk kam, jeder, der es hörte, dass der Erlöser geboren war. Der Erlöser, der schon lange erwartet wurde und weswegen die Propheten vorher auf der Erde waren, um die Menschen auf Jesus vorzubereiten. Jesus Geburt wegen kamen drei weise Astrologen aus verschiedenen Ländern, denn die kannten die Geheimnisse der Sterne, und aus diesen hatten sie ganz genau erkannt, dass nun endlich der Sohn Gottes auf die Erde gekommen war. (Die Sterne nämlich haben auch eine Sprache, die aber nur der lesen kann, der sie gelernt hat, so wie jedes Volk eine Sprache hat, die nur der kennt und lesen kann, der sie auch erlernt hat oder einmal erlernen wird).
Und weiter erzählten die Engelfreunde dem kleinen Mädchen aus dem Leben von Jesus und was Er alles getan hat für alle Menschen, und was Er der Welt gegeben hat, bevor Er wieder zum Vatergott zurück gegangen war… „und deshalb wird alle Jahre wieder sein Geburtstag gefeiert“, erklärte Horatio, „so wie jeder Mensch jedes Jahr den eigenen Geburtstag feiert.“ Verwundert hatte das Mädchen zugehört. Seine Augen hatten zu leuchten begonnen. Und es fror gar nicht mehr. Nie zuvor hatte es von Jesus gehört. Und mehr und mehr wollte es hören und konnte gar nicht genug kriegen. Dann aber kam Horatio zum Ende seiner Erzählung, „seither feiern die Menschen den Geburtstag von Jesus, um ihn nie zu vergessen:“ „Aber dann habt ihr ja recht!“, rief das kleine Mädchen begeistert. „Dann sind das ja tatsächlich Geburtstagszündhölzer für den Christbaum am Heiligen Abend!“ Und schon rief es mit klarer Stimme: „Ihr Menschen, kauft Geburtstagszündholzer für den Christbaum, denn Jesus hat Geburtstag!“
Schon blieben die Menschen stehen und fragten neugierig, was das bedeute: Geburtstagszündhölzer? Hast und Einkaufssucht fiel von ihnen; und stolz und freudig erzählte das kleine Mädchen nun den Um-sich-her-stehenden, die mehr und mehr wurden, die wahren Gründe, warum es Weihnachten gab. Und die Menschen lauschten gespannt. Und irgendwie kam ihnen selbst die Erinnerung über das Jesuskind, das sie schon ganz vergessen hatten. Und dann wollten sie alle von diesen Geburtstagszündhölzern, die selbst zur Verwunderung des kleinen Mädchens leuchteten und glitzerten und eine Wärme ausstrahlte, die direkt in die Herzen der Menschen drang, so dass keiner mehr merkte, wie kalt es um diese Jahreszeit eigentlich war.
„Musste das Sein?“, fragte Horatio Stephan vorwurfsvoll, als sie sich zurück gezogen hatten. „Was denn?“, fragte Stephan wie ein Unschuldsengel. „Das weißt du ganz genau! Tu nicht so unschuldig! Du hast den Menschen ein Wunder gegeben!“ Verstohlen sah der Kleine zu dem Großen auf und murmelte etwas verlegen: „Es ist doch nur zur besonderen Freude für Jesus. Warte ab, ER wird sich bestimmt freuen, an seinem Geburtstag.“ „Hm,“ entgegnete Horatio, nicht überzeugt. „Ich kann das nur hoffen. Aber bitte, Stephan, fortan lässt du das bleiben. Wir haben es schließlich versprochen, ohne Wunder geben hier zu sein“. Daraufhin verschwanden die Engel aus dieser Stadt, um in einer nächsten nach Menschen zu suchen, die über Jesus-Christus Geburtstag eine Ahnung hatten. In einem Vorraum eines kleinen Rundfunkgebäudes landeten sie. (Damals war gerade der Beginn der Radiozeit).
In dem Moment, als Stephan und Horatio dort landeten, war gerade ein nettes Fräulein am Mikrophon, um ein weiteres Lied anzukündigen. Das heißt, dieses nette Fräulein wollte gerade ein weiteres Lied ankündigen! Jedoch, bevor Horatio überhaupt einschreiten konnte, hegte Stephan einen göttlichen Plan aus, so richtig himmlisch. Und Horatio musste mit ansehen und hören, wie das Fräulein, ohne es eigentlich zu wollen, sich selbst nicht verstehend, in das Mikrophon diese Worte (Worte, die sie überhaupt nicht vor hatte zu sprechen, und die nun durch alle eingeschalteten Radios drangen. Und wo sie bis zu jenem Moment ausgeschaltet waren, sorgte Stephan dafür, dass sie wie mit Geisteshänden sich automatisch einschalteten) sprach: „Meine Damen und Herren. Und vor allem ihr Kinder. Hört nun das soeben neu eingetroffene Weihnachtslied „Jesus, unser Herr, hat Geburtstag“ Und aus Anlass des bevorstehenden Heiligen Abend werde ich noch im Laufe des Tages die Geburt des Jesuskind erzählen. Und nun: freuen Sie sich mit mir auf das Lied: „Jesus, unser Herr, hat Geburtstag“.
Nervös, und völlig aus dem Konzept gebracht, stürmte, nein, stürzte der Kollege in den Raum. In der Aufregung sah er die beiden Jungen nicht. „Um Himmelswillen, Fräulein Kunz!“, wollte er rufen, „Dieses Lied kenne ich doch gar nicht. Und auch keiner unserer Mitarbeiter hat jemals von solch einem Weihnachtslied gehört. Und überhaupt arbeiten Sie ja heute völlig außer dem Programm!“ Wie gesagt, das wollte der Kollege gerade aussprechen, als Stephan rechtzeitig diese Worte aus dem Mund des Kollegen zauberte und ihm genau diese Worte in den Mund legte, die nötig waren für ein himmlisch-gelingendes Wunder: „Hier, Fräulein Kunz!“, sagte der Kollege, ohne recht zu begreifen, wie ihm geschah, was da eigentlich mit ihm vorging und am Liebsten den Mund gehalten hätte. Statt dessen sprach er wie von selbst: „Die Platte ist im allerletzten Moment eingetroffen.“ Total perplex hörte der Mann so sich sprechen und staunte erst recht nicht schlecht, als er nun in seiner eben noch leeren Hand eine Platte hatte, die er dem Fräulein Kunz überreichte, dem fast die Augen aus dem Gesicht fielen, weil sie ja gesehen hatte wie, schwuppdiwupp, die eben noch leere Hand plötzlich nicht mehr leer war. "Pst,“ flüsterte der Kollege, „nicht weitersagen! Das glaubt uns kein Mensch!“ Er hielt den Finger vor den Mund und eilte panisch getrieben aus dem Rundfunkgebäude, um erst einmal seinen Psychiater aufzusuchen.
Fräulein Kunz hingegen, die stärkere Nerven hatte, legte sodann eine Schallplatte auf, die es nirgendwo zuvor gab, denn Stephan hatte in Windeseile mit Gedanken den himmlischen Chor gebeten, eine ihrer weihnachtlichen Arien, auf Schallplatte in menschliche-verstehende Worte zu senden. Die wurden sofort tätig und sorgten dafür, dass es die Weihnachtsplatte im gleichen Augenblick zu kaufen gab. Und nicht nur das. Der himmlische Chor hatte sich genau für dieses Lied entschieden, dass sie einmal persönlich Jesus gewidmet hatten.
Was aber geschah wegen Stephans Wunder nun auf der Erde? Es rtiefen alle möglichen Leute beim Rundfunk an und erkundigten sich und wollten näheres über diesen Geburtstag wissen. So kam es, dass Fräulein Kunz statt Ärger mit dem Chef zu bekommen besonders gelobt und höchstpersönlich mit der Aufgabe betreut wurde, die Weihnachtsgeschichte aufzusuchen, die Fräulein Kunz tatsächlich fand in der Heiligen Schrift, in dem Lukas-Evangelium des 2. Kapitel, im Vers 1 bis 20. Angeregt und bewegt lauschten die Menschen in ihren Stuben. Und es wurde ihnen ganz war ums Herz. Und tagelang sprachen sie nur noch davon, dass Jesus bald Geburtstag hat.
Unbemerkt, wie sie in den Rundfunkraum gekommen waren, verschwanden die beiden Engel auch wieder. Und Stephan summte ihre himmlische Arie nun zum ersten Male in der menschlichen Sprache:
Seid fröhlich und singet,
der Tag ist da.
Wir freuen uns von Herzen,
denn der Herr hat Geburtstag!
Refrain:
Laut jauchzet der Himmel,
die Engelschar.
So geht es im Chor
schon am Heiligen Abend zuvor:
Der Herr, Jesus-Christus hat Geburtstag!
Was freut sich der Mensch und lachet nur noch.
Kind und alle -sie sehen hoch,
entdecken den Stern von Bethlehems Stall.
Und sie strahlen, spüren und freuen sich,
denn Christus kommt bald!
Refrain:
Laut jauchzet der Himmel,
die Engelschar.
So geht es im Chor
schon am Heiligen Abend zuvor:
Der Herr, Jesus-Christus hat Geburtstag!
„Jesus wird sehr enttäuscht über uns sein“ meinte Horatio zu Stephan. "Und ich kann nichts mehr daran ändern. Du hast ganze Arbeit geleistet. Aber das ist kein Kompliment, Stephan, weißt du. Ganz bestimmt nicht! Lass uns bloß sofort wieder in die göttliche Heimat zurück kehren, bevor dir noch was einfällt, woran die Menschen erkennen könnten, dass Engel in ihr Werk sich eingemischt haben.“ "Bitte Horatio!“, bat Stephan seinen Engelfreund, den er sehr gut und genau kannte, um zu wissen wie er zu überreden war. „Lass uns nur noch in eine Stadt gehen, dann waren wir in der Heiligen drei. Und du weißt schließlich, dass die Drei die Zahl unseres Vatergottes ist. Ich verspreche dir auch, diesmal wirklich und wahrhaftig kein Wunder zu bewirken!“ „Ganzt bestimmt?, fragte Horatio, überredet wegen der Gotteszahl. "Hoch und heilig versprochen!“, antwortete Stephan und dachte, wenn ich kein Wunder den Menschen bringen darf, dann muss ich mir eben was anderes einfallen lassen. Irgend einen Weg und irdische Mittel werde ich schon finden, um die Menschen daran zu erinnern, warum sie den 24. Dezember feiern. Mit dieser heimlichen Überlegung des Spitzbuben Stephan kamen die Engelfreunde in ihrer dritten, also letzten Stadt an.
Es war Nacht und nur die Sterne und der Mond leuchteten etwas Helligkeit in die Finsternis. Unerwartet war da ein Junge, der gedankenverloren einen verlassenen Landweg entlang ging. Er wirkte sehr traurig. Warum, dass wollte besonders Horatio wissen, denn er hatte bemerkt, dass der Junge weinte. „Stephan, siehst du den Jungen?“, fragte Horatio den Engelfreund. „Ja!“, entgegnete Stephan. „Und wenn ich mich nicht irre, ist er sehr sehr einsam.“ „Komm, lass uns mit ihm sprechen“, forderte Horatio. „Vielleicht können wir ihm über seinen Kummer hinweg helfen.“ Und die Engelfreunde liefen direkt dem Jungen entgegen. Der erschrak! Inmitten der stillen Einsamkeit Fremde. Er bekam Angst.
„Gott befohlen!“, grüßte Horatio freundlich den Jungen. Sofort war die Angst weg und Vertrauen erweckt. „Warum gehst du denn so alleine und betrübt durch die dunkle Nacht?“, fragte Horatio. „Ich kann euch das nicht erzählen,“ antwortete der Junge und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ihr würdet auch nur lästern und mich gleich wieder links liegen lassen.“ „Aber nicht doch“, versicherte Stephan, „wir würden dir gerne helfen, wenn wir können, doch dazu müsstest du uns schon von deinem Kummer erzählen. Also: Was tut deinem Herzen weh?“ „Ihr könnt mir bestimmt auch nicht helfen. Das ist ein Problem, das keiner versteht!“, behauptete der Junge. „Warte es erst einmal ab,“ sprach Horatio ihm Mut zu. „Weißt du denn nicht, dass man niemals im voraus Aufgeben darf, wenn einem neue Menschen begegnen? Der liebe Gott sorgt immer dafür, dass ein Mensch, der große Probleme hat, immer solche Menschen kennenlernt und begegnet, die irgendwie helfen können.“ „Das klingt wunderschön!“, meinte der Junge ehrlich erstaunt und überrascht. Und schon fing er an zu berichten, dass alle seine Freunde und Bekannte, seine Familie und alle Verwandte seit Wochen nur Einkaufen würden und keine Minute Zeit mehr hätten, ihm mal zuzuhören. Immer würden sie sagen, das muss alles sein, weil ja mal wieder Weihnachten sei, und dann meinten sie auch noch, wenn das bloß schon bald vorüber sei, um diese Hektik und den Streß hinter sich zu haben. Dabei, meinte der Junge, sind die doch nur im Streß und in der Hektik. Und besonders die Vorweihnachtszeit sei für sie ganz genau genommen die Zeit der besonders übertriebenen Hetze, mit der sie das ganze Jahr schon ihre Zeit vergeuden würden. „Und sie wissen alle nicht“, kam der Junge zum Schluß, „dass Weihnachten nur deshalb gefeiert wird, weil es der Geburtstag von Jesus ist. Wenn ich das dann jemand sage, heißt es nur, ich solle kein so dummes Zeug reden. Und ich würde ja doch nichts anderes tun als spinnen.“ „Das kann ja wohl nicht wahr sein!!“, äußerte sich Horatio empört über so viel Engstirnigkeit der Menschen, die diesen Jungen nicht ernst nahmen. „Du hast völlig recht,“ erklärte Horatio ihm. „Obwohl die Leute deiner Umgebung in der Mehrzahl sind, hast du als einziger recht. Weihnachten gibt es nur, weil Jesus-Christus in der Welt gelebt hat.“
Als der Junge das bestätigt bekam, wurde er so glücklich, dass er im ganzen Gesicht strahlte und überglücklich rief: „Oh, ihr wißt das also auch!“ Doch gleich darauf wurde er wieder kleinlaut und sagte: „Es ist schrecklich, dass die meisten Menschen das nicht echt in ihrem Herzen wissen, sonst würden sie Weihnachten in aller erster Linie als den Geburtstag von Jesus erkennen.“ „Wie recht du hast,“ sagte Horatio, „leider.“ Auf einmal kam ihm eine solch fantastische Erleuchtung, dass er hochbeglückt sagte: „Vielleicht können wir das ändern!?“
Stephan hatte sich bereits etwas abseits begeben und schmunzelte, da er ahnte, wohin das führte. Diesmal brauchte nicht er das Versprechen übergehen. Es sah ganz danach aus, dass Horatio dabei war, zu vergessen, dass sie auf Erden den Menschen keine Wunder geben sollten.
Und tatsächlich! Schon rückte Horatio mit einer wunderschönen Idee heraus, indem er sagte: „Mann müsste darüber etwas schreiben!“ „Ja!“, unterstützte Stephan seinen Engelfreund. „Unsere eigene Geschichte, das, was wir auf der Erde selbst erlebt haben, sollten die Menschen schwarz auf weiß haben.“
Der Junge derweil staunte nicht schlecht. Sprachlos schüttelte er seinen Kopf, denn er wusste ja nicht, dass zwei Engel ihm da gegenüberstanden. Und Horatio sagte zu ihm: „Geh nach Hause und freue dich. Du kannst deinen Kummer vergessen. Morgen bekommst du ein Paket, in dem unsere eigene Geschichte als kleines Büchlein viele Male sein wird. Dann wirst du verstehen, was dir gerade passiert. Verteile das Büchlein an alle Menschen, die du kennst und die dir begegnen. Und ich werde es so einrichten, dass auch in anderen Städten unsere Geschichte verbreitet wird, damit die Menschen erkennen, dass sie nie allein gelassen sind. Und um das nicht zu vergessen, dafür wird Jesus Geburtstag gefeiert.“
Nach diesen Worten verabschiedeten sich die Engelfreunde von dem Jungen, der wie umgewandelt frohen Mutes nach Hause eilte.
Am nächsten Tag kam tatsächlich ein großes, schweres Paket, das an den Jungen adressiert war mit dem Absender: Himmelspost! Da verstand der Junge, dass ihm zwei Engel begegnet waren. Mit reichem beglückten Herzen verteilte er die Büchlein an die Menschen. Von den wenigen Originalen über Stephan und Horatio, die Engelfreunde, die auf Erden waren, gibt es nur noch sehr wenige, von denen aber du nun in deinen Händen eines hälst. Darum reiche es weiter, dass noch viele Menschen erfahren, dass immer für kurze oder längere Zeit Engel unter den Menschen weilen., die dafür sorgen, dass auf Erden nie vergessen wird, dass Jesus da war und wir deshalb aus lauter Dankbarkeit seinen Geburtstag feiern: alle Jahre wieder!
Ungläubig sah Horatio Stephan an, überlegte kurz und wußte gleichzeitig, dass ihm diese Idee gefiel. Er gab seinem Engelfreund die Hand und meinte aus vollem Herzen: „Ok! Jesus wird uns bestimmt vergeben! Schließlich ist es ja nur zur Erinnerung an ihn selbst für die ganze Menschheit! Und so haben wir auch ein persönliches Geschenk zu seinem Geburtstag.“
Zu Weihnachten, im Jahre 1989, für meine Kollegen, Freunde und Familie

