Ein altes Foto
In der Kiste mit den alten Fotos vom Flohmarkt ist mir dieses aufgefallen. Das Foto stammt wahrscheinlich aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, drei Frauen in Trauerkleidern sind darauf zu sehen, zwei ältere und eine junge. Die beiden Älteren sehen verbittert aus, schmallippig und unfreundlich schauen sie in die Kamera. Die junge Frau hat ein weiches rundes, etwas kindliches Gesicht, sie hält einen kleinen Jungen mit blonden Locken an die Hand.
Ich sehe, wie diese Frau mit ihrem Sohn nach Hause kommt, der Junge läuft in sein Kinderzimmer, die Frau setzt sich an den Tisch auf der Terrasse und schreibt einen Brief an ihre alte Freundin aus der Klosterschule.
Liebe Hermine,
Es ist schon eine Woche her, da wir den lieben Karl beerdigt haben. Heute sind seine Mutter und Tante wieder abgereist, ich bin allein mit dem kleinen Karlchen im großen Haus geblieben.
Ach, liebe Hermine, Das Eheleben ist doch nicht so schön, wie wir es damals in der Schule geträumt haben. Der liebe Karl war ein sehr guter Mensch, erste Zeit nach der Hochzeit hatten wir auch ein gemeinsames Schlafzimmer, vor den Nächten habe ich immer Angst gehabt. Es hat immer so weh getan, dann hat mir der liebe Karl immer diese schrecklichen Vorwürfe gemacht, und ich musste ihm seinen Kräutertee aufbrühen. Von dem Tee wurde er aber nicht ruhiger, sondern schrie noch lauter und wurde dabei so furchtbar rot im Gesicht.
Der nette Doktor Blumenthal erklärte mir, dass es deshalb passiert, weil der liebe Karl ein schwaches Herz und dickes Blut hätte.
Nachdem das kleine Karlchen geboren wurde, hatten wir getrennte Schlafzimmer, ich musste aber trotzdem zwei-dreimal in der Nacht aufstehen und dem lieben Karl den Kräutertee aufbrühen.
Leider fand der liebe Karl auch keine Freude am kleinen Karlchen. Der kleine Junge musste immer in seinem Zimmer bleiben. Der liebe Karl hatte doch ein schwaches Herz und dickes Blut, er konnte keinen Lärm ertragen. Das kleine Karlchen durfte nur ganz ruhig auf dem Stuhl in dem Kinderzimmer sitzen und sich sein Schaukelpferd und die anderen Spielsachen anschauen.
Einmal bin ich mit dem kleinen Karlchen in den Stadtpark spazieren gegangen, dort habe ich dieses Kraut gefunden, das uns Schwester Concordia damals in der Klosterschule gezeigt hat. Dieses Kraut habe ich dann dem lieben Karl in seinen Kräutertee reingetan. Der liebe Karl wurde danach ganz ruhig und gar nicht rot im Gesicht sondern grün und gelb.
Am nächsten Morgen kam der liebe Karl nicht zum Frühstück herunter, wo er doch immer so pünktlich war. Ich lief zu ihm ins Schlafzimmer, aber er wollte gar nicht aufstehen, nicht einmal bewegt hat er sich. Ich habe sofort den netten Doktor Blumenthal holen lassen, der nette Doktor sagte, dass der liebe Karl leider gestorben sei. Der Doktor meinte auch, das wäre zu erwarten, da der liebe Karl schon immer ein schwaches Herz und dickes Blut hatte.
Ja, liebe Hermine, jetzt trauern wir, und ich muss bis zum nächsten Sommer schwarze Kleider tragen. Ich wollte dich aber fragen, ob ihr bei euch zu Hause im nächsten Sommer auch so ein schönes Sommerfest machen werdet, wie damals, als ich deinen Cousin Rudolph kennen gelernt habe.
Ich hatte damals mein schönes blaues Kleid mit vielen Schleifchen angehabt, dein Cousin fand das Kleid auch sehr schön, besonders die Schleifchen. Wir haben uns damals in der Orangerie vor dem Regen versteckt, und er meinte, die Schleifchen auf meinem Kleid aufzumachen wäre das schönste, was er in seinem Leben je gemacht habe. Seine hellen Locken, seine weichen Hände und seine schönen grauen Augen werde ich nie vergessen.
Jetzt höre ich, wie das kleine Karlchen im Badezimmer Seeschlacht spielt. Wenn ich in seine grauen Augen schaue, weß ich, dass er in der Marineuniform auch so schneidig aussehen wird wie dein Cousin.
Jetzt muss ich aber Schluss machen, es wird langsam dunkel draußen.
Es grüßt dich und küsst dich
Deine Elfriede.
P.S. Das blaue Kleid habe ich eben anprobiert, es sieht aus wie damals.

