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Die Wahrheit hinter dem Heiligenschein

Die nachfolgende Geschichte wird vermutlich das gesamte christliche Weltbild über den Haufen werfen. Aus einer sehr verlässlichen Quelle (die mit triefnassen Flügeln gestern vor meiner Tür stand) habe ich die verstörenden Wahrheiten hinter dem Heiligenschein erklärt bekommen. In einer Geschichte – in dieser Geschichte, die dort beginnt, wo alles begann…

 

Zwei Brüder standen in der Dunkelheit, bis einer sprach: „Es werde Licht“, und in die Hände klatschte.

Hell und blendend schien die Sonne auf den eben geschaffenen blauen Planeten und der ältere der beiden Brüder ließ sich mit einem zufriedenen Grinsen in seinen blauen Ohrensessel fallen, verschränkte die Hände im Nacken.

„Und, was sagst du, Luzi? Ist doch eine schöne Schöpfung!“, grinste er und strich seine lange weiße Toga glatt.

„Bisher“, seufzte der Angesprochene und ließ sich auf seinen schwarzen Ledersessel mit der hohen Rückenlehne nieder, spielte mit dem schwarzen Diamanten seines Ringes.

„Ich sage dir, das wird interessant!“

„Nun, was hast du diesmal für Geschöpfe geplant?“

„Hier…ich nenne sie Dinosaurier!“

Luzifer lehnte sich etwas weiter hervor und ließ sein ebenfalls allmächtiges, dunkelbraunes Auge auf die Erde hinabblicken.

Gigantische Eidechsen mit langen Hälsen oder scharfen Zähnen tummelten sich auf der gewaltigen Kontinentalplatte.

„Sieh nur, dahinten zerfleischen sich gerade zwei…“

Der Jüngste lehnte sich wieder zurück und seufzte angesichts der morbiden Faszination an Zerstörung, die sein älterer Bruder an den Tag legte.

Wie lange diese Schöpfung wohl überleben würde?

Sie hielt sich erstaunlich lange, auch wenn sein Bruder mal hier oder dort einen Vulkan ausbrechen ließ, die Kontinentalplatte in sieben Teile aufspaltete oder eine Eiszeit ausbrechen ließ.

Erstaunlich lange bedeutet einen Wimpernschlag im unendlichen Leben der beiden Brüder, oder gute 170 Millionen Jahre.

Mit einem theatralischen Seufzer warf sich sein älterer Bruder in die Lehne und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was hast du nun schon wieder?“

„Mir ist langweilig. Diese Dinosaurier machen nichts anderes als Fressen, Nachwuchs zeugen und ihre Hinterlassenschaften überall zu verteilen…ich denke es wird Zeit, die Besiedlung umzugestalten!“

Luzifer seufzte.

Irgendwie hatte er schon befürchtet, dass so etwas geschehen würde.

„Willkommen zum kollektiven Massensterben!“

Mit diesen Worten ließ der Ältere einen gewaltigen Kometen auf die Schöpfung stürzen, wodurch alles Leben in Feuer und Rauch aufging, gefolgt von einer großen Eiszeit.

„Und jetzt?“

Sein Bruder begann ihn zu mustern, kritisch und berechnend.

„Was?“

„Wie wäre es mit einer Spezies, die genau so aussieht wie wir und vielleicht annähernd so schlau ist?“

„Wenn Sie so schlau sind wie du, dann kann ja alles gut gehen“, brummte Luzifer und seine Stimme tropfte vor Sarkasmus.

Warum hatte nicht er die Macht bekommen, Leben zu erschaffen und zu lenken?

Nein, sein sadistischer Bruder hatte sie abgekriegt.

Soeben ließ dieser inmitten der zerstörten Erde eine grüne Oase entstehen, setzte alle möglichen Tiere hinein und modellierte letztendlich tatsächlich eine Gestalt, die genau so aussah wie er.

„Irgendwas fehlt da noch…“

„Vielleicht ein Weibchen?“

„Eine Frau, danke Bruder!“

Und so entstanden die ersten Menschen, die auf die Namen Adam und Eva getauft wurden. Sie lebten glücklich im Paradies, bekamen zwei Söhne – Kain und Abel.

Doch sein Bruder konnte die Idylle natürlich nicht so belassen.

Er verbat seinen Schützlingen sich einer bestimmten Frucht zu nähern, aber da sie von seinem Verstand waren, hörten sie natürlich nicht darauf – wie hätte es auch anders sei sollen?

Also warf er sie aus seinem „Paradies“ und drängte ihnen harte Feldarbeit auf, solange bis Kain den Abel erschlug.

Daraufhin gestaltete sein Bruder natürlich alles noch schwieriger.

„Übrigens…ich hab mir da noch etwas einfallen lassen…“

„Was denn noch?“, brummte Luzifer und warf einen kurzen Blick auf die Erde, wo die Menschen sich inzwischen zu vermehren begannen.

„Wir könnten doch Leute gebrauchen, die für uns arbeiten und da unten Botschaften hinbringen…“

Er hob eine Augenbraue und musterte seinen Bruder.

„Darf ich dir die einzigen vier Engel vorstellen, die ich geschaffen habe? Ich nenne sie Michael, Gabriel, Uriel und Raphael!“

Die vier Männer mit den weißen Flügeln sahen sich etwas unsicher um und Luzifer warf ihnen einen mitleidigen Blick zu.

Diese Armen Kreaturen…jetzt mussten sie die Launen seines Bruders ertragen, vermutlich sogar bis in alle Ewigkeit…

Die Jahrhunderte zogen dahin und die Menschheit hatte sich erstaunlich gut entwickelt, aber Luzifers Bruder wurde schon wieder langsam langweilig.

„Warum kämpfen die nicht?“

„Weil im Moment Friede herrscht“, seufzte Luzifer und fuhr sich mit einer Hand durch die schwarzen Haare.

„Frieden? Sie bestehlen sich, streiten sich, beschuldigen sich und planen Intrigen. Das ist alles andere, nur kein Frieden…nein, ich werde dir zeigen, wie wir Frieden kriegen!“

Und – so theatralisch wie Luzifers Bruder nun mal war – kaum dass er diese Worte gesprochen hatte, ertränkte er den Großteil der Bevölkerung, egal ob Mensch oder Tier.

„War das nötig?“

„Ja! Jetzt haben wir nur noch eine Familie auf Erden und somit Frieden!“

„Hat man ja bei der ersten Familie gesehen….“

„Was hast du gesagt?“

„Nichts…“, murmelte Luz und schloss kurz die Augen.

Warum musste ausgerechnet er seinem Bruder als Berater zur Seite stehen?

Doch die Menschheit erholte sich wieder, und eine einzelne Stadt begann mit dem Bau eines gewaltigen Turmes.

„Was soll das?“

„Sie wollen dich ehren, oder besser gesagt den „Himmel“ stürmen.“

Luzifer streckte sich und sein Bruder sah grinsend hinab.

„Ja, der Himmel war schon eine hübsche Lüge. Und dieses Bauwerk ist auch nicht ohne…Wie haben die das nur hinbekommen?“

„Nicht schwer, wenn alle die gleiche Sprache sprechen…“

Hätte er doch nur seinen Mund gehalten!

„Die gleiche Sprache? Das müssen wir aber sofort ändern!“

Und somit wurde in Babel die Einheitssprache abgeschafft und nebenbei zerstörte sein Bruder auch noch den mühsam erbauten Turm.

„Und, diese Menschen sind doch auf jeden Fall interessanter als die Saurier, stimmt’s?“

„Natürlich…“

…diese armen Schweine.

Inzwischen hatten sich die ersten Kulturen entwickelt, darunter auch die Pharaonen, welche Luzifer interessiert beobachtete.

Ihr Vielgötterglaube war tatsächlich faszinierend, aber seinem machtgierigen Bruder jedoch ein Dorn im Auge.

„Pass mal auf, Luzi…ich werde diese Hebräer befreien und damit das geschieht, werde ich den Pharao mit Plagen plagen…was könnte das alles werden?“

Und er packte alles aus, was in diesem Moment in seinem kranken Verstand herumspukte…er verwandelte den lebenspendenden Nil in Blut, ließ Frösche, Stechmücken und –fliegen auf die Bevölkerung los, er verbreitete die Viehpest und die Schwarzen Blattern, gewaltige Hagelkörner stürzten aus den Wolken, Heuschrecken fraßen beinahe die ganze Ernte und er tauchte das Land in Finsternis.

Das Schlimmste hatte er sich jedoch bis zum Schluss aufgehoben…

Luzifer war anscheinend kurz eingenickt, denn als er die Augen wieder öffnete, fand er die Hände seines Bruders in Blut getränkt, in dem Blut der Erstgeborenen des Viehs und der Menschen.

„Was…?“

Fassungslos sah Luzifer dabei zu, wie sein Bruder sich die Hände wusch – in einer Schüssel die Michael hielt, wobei der Engel angestrengt versuchte, nicht nach unten auf das rote Blut zu sehen.

„Nur eine kleine Fingerübung“, meinte er und Luzifer barg das Gesicht in den Händen.

Hatte er die leise Hoffnung gehabt, sein Bruder würde die arme Schöpfung jetzt endlich in Ruhe lassen, dann hatte er sich getäuscht.

Die beiden Großstädte Sodom und Gomorra wurden in einem Feuersturm dem Erdboden gleich gemacht (oder tat er es schon davor, Luzifer wusste es nicht mehr), er ließ sich immer neue Bestrafungen einfallen, die die Menschen zu befolgen hatten, neue Opferrituale wurden entdeckt und er brachte die Menschheit dazu, sich gegenseitig abzuschlachten.

All das war Luzifer schon gewohnt.

Es lief nie anders.

Mal starben hier vierundzwanzigtausend, dann da mal ein paar Hundert…Erwachsene, Kinder, Vieh – alles war vertreten.

Dann kam sein Bruder auf die glänzende Idee eine Frau zu schwängern, sie seinen Sohn austragen zu lassen.

In solchen Situationen fragte sich Luzifer, weshalb er überhaupt Berater war, wenn sein Bruder eh nie auf ihn hörte?

Jedoch schien dieser Jesus einigermaßen vernünftig – zu vernünftig für den Herrn in Weiß woraufhin er ihn kreuzigen ließ.

Immerhin hatte er jetzt seine eigene Religion, die sich vor allem im Mittelalter ausbreitete – das Christentum.

„Ich hab für dich auch eine Rolle“, grinste sein Bruder nach einigen Jahrzehnten und Luzifer hob überrascht eine Augenbraue.

„Für mich?“

„Klar, ich brauch doch einen Sündenbock…Wie wär’s? Luzifer, Satan, der Fürst der Hölle“, versuchte ihn sein Bruder zu überzeugen, doch der Mann im Anzug barg nur das Gesicht in den Händen.

„Sehr schön…Michael, kannst du das gleich einmal verkünden?“

„Jawohl, mein Herr…“

Zu seinem eigenen Glück hatte Luzifer schon lange nicht mehr in den Spiegel geschaut, ansonsten wäre ihm aufgefallen, dass seine einst tiefschwarzen Haare inzwischen von grauen Strähnen durchzogen waren.

Und dann begann die Zeit der Kreuzzüge, der Hexenverbrennung und des Absolutismus.

„Und du wirst verbrannt, du wirst ertränkt und ihr werdet alle im Kampf sterben…vielleicht brauche ich noch eine Epidemie…“

Somit kam die Pest und Luzifer hatte schon lange aufgegeben seinem Bruder Ratschläge zu erteilen.

Helfen konnte er den Menschen eh nicht, er konnte nur zusehen, wie sein Bruder für Leid sorgte und sich daran ergötzte.

Doch irgendwann war auch das Mittelalter zu Ende und Europa schwang sich zu neuen Höhen auf, entdeckte irgendwann die Neue Welt und erneut begann das Sterben.

„Warum musst du überhaupt die Erde in Blut tränken?“

„Warum nicht?“

„Weil es grausam ist! Es ist deine Schöpfung, sie müsste dir doch irgendwie am Herzen liegen!“

„Nö“, war die kurze und ehrliche Antwort.

Und er sorgte für den Amerikanischen Bürgerkrieg, stellte einen neuen Rekord mit dem 30-jährigen Krieg auf, zettelte den ersten Weltkrieg an.

„Sieh mich nicht so anklagend an, Luzi! Woher hätte ich wissen sollen, dass diese eine Kugel solche verehrenden Folgen hat?“

Immerhin schienen die Menschen schlau zu werden, die Industrielle Revolution begann schon Jahre vor dem ersten Weltkrieg, Erfindungen wie Motoren und bessere Waffen, aber auch eine gewisse Art an Wohlstand.

Kurz schien es, als würde nun endlich so etwas wie Frieden herrschen – aber erneut hatte Luzifer umsonst gehofft.

Ein Österreicher der sich in Deutschland zum Diktator aufschwang und Massen von Menschen tötete, ein neuer Weltkrieg.

Diese Menschen mussten tatsächlich vom Verstand seines Bruders sein…

Nebenbei gab es noch Rassismus, Armut, Unterdrückung und Angst.

„Könntest du vielleicht kurz aufpassen? Ich müsste mal kurz wohin“, meinte sein Bruder plötzlich und verschwand.

Erstaunt sah Luzifer ihm hinterher, warf dann einen Blick auf die zahllosen leeren Glasflaschen, die sein Bruder um seinen Ohrensessel verteilt hatte.

Vermutlich sollte er ihn öfter auf die Erde schicken…

Während der Abwesenheit seines Bruders erholten sich die Menschlichen Nationen, der Kalte Krieg löste sich langsam auf, Regierungen und Bündnisse stabilisierten sich und der technische Fortschritt ging so schnell wie nie.

Man konnte sagen, es war recht friedlich.

Dann kam sein Bruder zurück.

„Was ist denn hier passiert?“

„Ein kleines Wunder“, meinte Luzifer und zum ersten Mal seit sein Bruder diese Erde erschaffen hatte, rang er sich ein kleines Lächeln ab, welches bei den folgenden Worten jedoch sofort wieder erstarb.

„SO kann das aber nicht bleiben! Was gibt es denn für neue Methoden, ich glaube nämlich das Kreuzigen ist etwas aus der Mode gekommen…ich hab’s! Terrorismus!“

Verzweifelt vergrub Luzifer das Gesicht in den Händen.

„Und ich bin wieder der Sündenbock“, nuschelte er und sein Bruder klopfte ihm mitleidig auf die Schulter.

„Nimm’s nicht so schwer, das wird schon irgendwann…“

Ein ungläubiges Schnauben war alles, was man von Luzifer dazu hörte.

Daraufhin kamen der Anschlag am 09.11. und die ersten Terrororganisationen.

„Mir ist da noch etwas eingefallen…wenn ich jetzt langsam die Temperaturen erhöhe, muss ich mich in ein paar hundert Jahren nicht damit beschäftigen, wie ich sie wieder los werde…und vielleicht noch eine kleine Epidemie…“

Klimawandel und Ebola waren geboren.

„Bist du jetzt dann langsam fertig?“

„Oh, wir fangen gerade erst an…“, grinste sein Bruder, einen leicht wahnsinnigen Schimmer in den blauen Augen und hielt Luzifer eine Zeichnung einer schwarz-weißen Flagge mit arabischen Schriftzeichen unter die Nase.

„Glaub mir, es fängt gerade erst an!“

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