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Das Buch

Das Buch

 

   Die riesige Menschenmenge erschlägt mich! Wohin bloß soll ich mich wenden? Am Eingang habe ich € 10.- hinterlegen müssen, um diese Buchmesse besuchen zu dürfen. Sicher nur als Kaution. Man stelle sich nur vor, sie würden in den Kaufhäusern Eintritt verlangen. Damit man für teures Geld deren Bücher betrachten oder gar kaufen darf. 

Unnachgiebig drängt mich die zähe, wißbegierige Menge vorwärts, läßt mich kaum atemholen. Woher komm ich? Wohin will ich? Wie komm ich überhaupt hier her? Wer bin ich? Und vor allem eines: Was mach ich hier?

Ja, richtig, ich möchte versuchen, hier auf der Messe einen Verlag von der Qualität meiner Schaffenskraft zu überzeugen. Leicht wird das nicht werden, das haben mir alle prophezeit. Alle, mit denen ich gesprochen habe. Alle beide.

Wie sehen sie eigentlich aus, diese Verleger? Weißhaarige Brillenträger höchst wahrscheinlich. Auf jeden Fall sind sie ziemlich distanziert. Äußerst distanziert. Sie gehen so sehr auf Distanz, daß man sie nicht zu fassen kriegt, sie überhaupt nicht wahrnimmt! Niemals. Mein Vorhaben wird nicht einfach sein. Wie ein Stück Seife sollen sie unsereinem durch die Finger flutschen. Das weiß ich vom Hörensagen.

   Ein unbedachter Schritt meinerseits – und schon schwimme ich inmitten eines Gewimmels aus Menschen. Wie ein welkes Herbstblatt im Winde werde ich hinweggespült. Hinter mir Leute, neben mir, vor mir, über mir; ich ertrinke in Menschenleibern. Irgendwann erreiche ich keuchend wieder die Oberfläche. Noch ein Stück lasse ich mich mittreiben in diesem gefräßigen, diesem literaturhungrigen Strom aus Fleisch und Blut, und noch ein Stück. Das ist jedoch nicht sonderlich hilfreich, suche ich doch einen Ansprechpartner.

Unter allergrößten Mühen ergreife ich den erstbesten Mast, der einen Eckstand abgrenzt, und halte mich krampfhaft daran fest. Mein Buch gegen die Brust gepreßt, flattere ich wie eine Fahne im Sturm; und halte Ausschau. Nach einem Verleger.

Gleich den ersten, der infrage kommt, nehme ich aufs Korn. Feige will er vorübereilen, aber es ist zu spät. Ich fasse ihn am Hemdkragen, bringe ihn gekonnt zum Stehen und mich wieder in die Vertikale, dabei reißt sein Kragen ein Stückchen ein. Das behagt ihm gar nicht. Ich erkenne es daran, daß er wild mit den Augen rollt. Genauso habe ich mir diese Sorte vorgestellt: Augenrollend und ständig auf der Flucht. Der Verleger ist todunglücklich, daß er mir ob seines mißlungenen Fluchtversuches jetzt Rede und Antwort stehen muß. Beinahe scheint es, als füllten sich seine Augen mit Tränen. Na, na, so schlimm wird’s schon nicht werden. Ich lasse den Mast los.

„Was will die Menschheit ultimativ lesen?“ frage ich ihn mit diabolischer Flüsterstimme direkt ins Ohr. „Bisher bin ich immer davon ausgegangen, es sei gleichgültig, wenn es nur richtig spannend ist. Wie denken Sie darüber?“

Nachdem er mir einen erschrockenen Blick zugeworfen hat, entgleitet der Mann meinem Würgegriff und rennt fluchend weg, wobei er umständlich versucht seinen zerrissenen Kragen zu ordnen.

Ich habe ihn gehen lassen. Nicht nur, weil er mir leid tat, wie er so verzweifelt in meiner gnadenlosen Hand zappelte, sondern vor allem, weil er offenbar nur englisch verstand. Obwohl er eine Brille trug. Aber: Er hatte eine Glatze! Das hatte ich übersehen. Ich muß unbedingt besser aufpassen.

Das nächste Opfer wird anvisiert. Unverdrossen starre ich jedwedem Menschen mit Sehhilfe ins Gesicht, ein Verleger muß doch dabei sein! Schließlich befinden wir uns hier auf einer Buchmesse. Oder?

   Gegenüber am Stand des Taschenbuchverlages liest gerade ein berühmter Autor seine Werke vor. Es muß Walser sein. Oder Grass. Oder beide. Sensationslüstern drängt sich der Mob davor in Position, in mehreren dichten Reihen stehen sie. Wie ein Slalomfahrer husche ich hinüber. Frech meine Ellenbogen einsetzend, drängle ich mich hindurch, und als ich endlich vorne lande, verstehe ich kein Wort. Es handelt sich nämlich um eine junge Dame, und die liest aus ihrem isländischen Bestseller vor. Nun zählt Isländisch nicht gerade zu meinen bevorzugten Fremdsprachen. Aber es klingt schön, und ich lausche der Erzählung ein Weilchen. Sehr dezidiert spricht sie die Worte, die fast alle Umlaute enthalten, Ä’s und Ö’s, und die haben eine magische Anziehungskraft auf mich. Zweifelsfrei erzählt sie von ihrer Insel im ewigen Eis. Ich schließe die Augen. Genieße.

Ja. In der stickigen Luft dieser Messehalle genieße ich die Kälte der Insel im Polarmeer. Vor meinem geistigen Auge kann ich regelrecht erkennen, wie Geysire explodieren und ihre kochende Flut respektlos gen Himmel speien, den Sternen entgegen. Obwohl ich quasi kein Isländisch verstehe. Allein die Laute der Autorin sind es, die mich schaudern machen, die mich in ihren Bann ziehen. Ich kann die Gletscher schmecken, die sich talwärts auf mich zuwälzen, mich verschlucken, begraben, wie sie Mengen von Gestein vor sich herschieben, spüre die emsigen Schlittenhunde über den glitzernden Schnee hecheln, fühle die nie untergehende Sonne auf meiner Haut brennen. Ich muß neidvoll eingestehen: Die kann schreiben! Per aspera ad astra. Soviel steht fest. Was immer das bedeuten mag. 

Voll der Ehrfurcht ziehe ich mich dezent aus der kalten isländischen Atmosphäre in den überfüllten Messegang zurück, lasse mich wieder mitreißen von diesen gefühllosen Massen, die gar nicht wissen, was ihnen soeben hier entgeht. So müßte man schreiben können; wie ein eisbedeckter Vulkan. Ich bin den Tränen nahe, Ergriffenheit hat mich übermannt. Beinahe rutscht mir mein eigenes Buch aus der Hand; das ich mittlerweile für ziemlich bedeutungslos erachte, nach diesem Vortrag eben. Man bedenke, diese Frau hat mir ihr Buch näher gebracht in einer fremden Sprache, die ich nie zuvor gehört habe, und dennoch habe ich jedes Wort verstanden und in mich aufgesogen. Phänomenal. Phantastisch. Ich bin auf der Suche nach dem passenden Superlativ, vermag ihn natürlich nicht zu finden.  

Letztendlich schiebt man mich vorbei am Stand der eisigen Insel im nördlichen Atlantik, dabei erhasche ich einen Blick auf die deutsche Übersetzung dieses isländischen Dramas, sie lautet überaus treffend: Unter der Sonne Mexikos.

Auch gut. Heimlich aber geschwind wische ich mir die Tränen aus dem verheulten Gesicht. Wenn ich eines nicht mag, dann sind es Irreführungen, Vorspiegelungen falscher Tatsachen. Schon beginne ich diese Frau innig zu hassen. Beinahe ergeht es mir wie neulich, als ich einer schlanken Blondine hinterherschauen mußte, weil sie mich mit ihrer aufreizenden Figur derart gefangengenommen hatte, daß mir heiß und kalt wurde. Bis sie sich umgedreht hat.

Da mußte ich erkennen: Sie war erstens keine echte Blondine und zweitens nur unwesentlich jünger als meine Großmutter väterlicherseits. Aber so spielt das Leben.

Rückblickend betrachtet habe ich bei dem Vortrag der isländischen Dame ohnehin eher an - Grönland denken müssen.

   Meine Suche nach dem geeigneten Verleger geht weiter. Am mit Abstand größten Stand in dieser Halle, den zudem in Riesenlettern ein berühmter Name ziert, mache ich halt. Hier werde ich finden, was ich brauche. Hier muß es jede Menge Verleger geben.

Beherzt quetsche ich mich zwischen den schwitzenden Leibern hindurch, einen Menschen mit Brille und Krawatte zu erhaschen. Schwups, schon habe ich ihn am Ärmel. Er steht gerade so rum. Hätte er etwas gearbeitet, wäre ihm das erspart geblieben. Herrlich wallt sein schlohweißes Haar. Ich bin richtig stolz auf mich.

„Hören Sie“, beginne ich in wilder Hast, „ich habe einen Roman geschrieben, und damit er endlich mal…“

Weiter komme ich nicht. Empört reißt er sich los, gibt sich als Besucher zu erkennen, der lediglich auf seine Frau wartet.

Ich habe vollstes Verständnis für diesen Menschen und kann ihn unmöglich weiter zu einem Gespräch zwingen. Schließlich kenne ich die Konventionen und weiß, was sich gehört. Meine leise Entschuldigung geht im Getümmel unter, der Mann enteilt, trifft eine Dame, und wild zuckend und gestikulierend und in meine Richtung deutend trabt er mit ihr von dannen. Oder von hinnen. So genau kann ich das von hier aus nicht erkennen. Dabei schielt er noch mehrere Male verstohlen nach mir. Betreten wende ich mich ab.

In diesem Moment tritt sie in mein Blickfeld! Groß, elegante Figur, Brille. Obwohl ihre Haare noch nicht ergraut sind, stehe ich sofort neben ihr. Sie erweckt den Eindruck, als wäre sie sehr beschäftigt, denn sie hat die Absicht, den Stand zu verlassen. Das kommt mir gelegen, dann sind wir schneller fertig.

Sanft streiche ich ihren grünen Kittel glatt, befreie ihn von ein paar vorwitzigen Fusseln, die ich achtlos auf den Boden plumpsen lasse. Der erste Eindruck ist so wichtig! Daran wird sie sich noch in fünfzig Jahren erinnern. Ihren Enkelkindern kann sie davon berichten, in kalten Winternächten, an deren warmen Bettchen sitzend ...

„Ja, Sie vermuten ganz richtig“, beginne ich mein Entree, „ich gehöre der schreibenden Zunft an und habe etwas Umwerfendes in meiner Hand, das ich Ihnen nicht vorenthalten darf.“

Mit ihren braunen Augen schaut sie mich an, lächelt, da spüre ich: Das Eis ist gebrochen. Sie wird mich jetzt zu sich ins provisorische Büro mitnehmen, um die Modalitäten auszuhandeln. Kleinlich sollte sie jedoch nicht sein mit den Tantiemen, es gibt schließlich noch mehr Verlage, die nur darauf warten, mich unter Vertrag zu nehmen.

„Pochodze z polski. Jak Leci?“

Schön hat sie das gesagt. Und wie sie sich jetzt elegant umdreht und weggeht. Daß sie in der linken Hand einen Eimer hält, sehe ich jetzt erst. Auf ihrem Rücken kann ich noch  ‚Putzkolonne IV’ entziffern. 

Also laß ich sie ziehen. Warum auch nicht? Sie hat so hübsche Augen.

   Aber ich bin hartnäckig. Dort drüben steht die Kaffeemaschine, dort ist der Treffpunkt der ‚Literarischen Hochfinanz’. Ich brauche nur zu warten, bis ein bebrilltes, dem Verlagswesen durch und durch verhaftetes Individuum seinen Koffein-Spiegel wieder erhöhen muß, und schon schnappt die Falle zu. Meine Falle. Aus der es kein Entrinnen geben wird.

Überaus umsichtig und mit winzigen schnellen Schritten tripple ich hinüber. Selbstredend muß ich vor Ort sein, bevor mein Opfer eintrifft. Eine geraume Weile stehe ich alleine am Kaffeeautomaten und warte. Und warte ...

Mehrere Male bin ich versucht mich selbst zu bedienen, bemerke meinen Irrtum jedoch rechtzeitig und stelle die Plastikbecher beschämt wieder ab. Jedesmal. Darauf habe ich kein Anrecht! Als Besucher nicht und schon gar nicht als Autor. Nach wenigen Minuten stehen fünf oder sechs volle verwaiste Kaffeebecher etwas verloren um die Maschine herum. Jeder einzelne mit extra viel Milch und Zucker.        

Endlich erscheint der Richtige! Einen Kugelschreiber hinterm Ohr, die Brille leger an einer Kette um den Hals, Herr Bertelsmann persönlich muß Kaffee tanken.

„Auf Sie warte ich“, spreche ich ihn leise und mit zusammengebissenen Zähnen an, „nein, nein, trinken Sie ruhig Ihren Kaffee, Sie werden ihn brauchen. Nehmen Sie diesen Becher hier, da ist nicht ganz so viel Zucker drin“, schlage ich vor. Ganz vertraulich, versteht sich.

Er stiert mich etwas unbehaglich an, ahnt vermutlich meine Intensionen.

„Herr Bertelsmann“, gehe ich in medias res, „wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten, würde ich Ihnen gerne meinen Bestseller vorstellen. Ein Werk, worauf nicht nur die Fachwelt seit langem gewartet hat. Doch vorweg eine Frage: Welches Genre ist wohl im Augenblick in, wie man so schön neudeutsch sagt?“

Diese offengestanden etwas gemeine Frage mußte ich stellen, damit er sich nicht herauswinden kann, von wegen: Paßt leider nicht in unser Programm oder Ist gerade nicht gefragt und so. Denn mein Buch paßt zu allem.

„Mein Name ist nicht … Bertelsmann, ich heiße Schreier. Und ich betreue nur diesen Stand auf der Messe.“

„Sie brauchen sich doch nicht dafür zu entschuldigen, daß Sie nicht Herr Bertelsmann sind“, sage ich und klopfe ihm jovial auf die Schulter. „Und? Der Chef ? Ist er …nicht da?“ 

„Hören Sie“, knurrt er ausweichend, „der Verlag wird längst nicht mehr von ihm geleitet. Herr Bertelsmann ist tot!“

Meinen ersten Gedanken, mir ruckartig eine schwarze Armbinde überzustreifen, verwerfe ich sofort wieder. Man will sich ja nicht einschleimen.

„So? Gestorben ist er. Ich habe gar nichts darüber gelesen.“

„Das war vor über hundert Jahren, Mann.“

Wieso setzt er voraus, daß ich das wissen müßte? Man kann nicht alles wissen. Ich bin Autor, nicht Albert Einstein. Der ist, glaube ich, auch schon tot. Beide sind sie still von uns gegangen. Es sind immer die Besten, die uns verlassen. Nur deshalb bin ich noch hier.

Weil ich diesen Menschen nun mal in ein Gespräch verwickelt habe, halte ich ihm sofort mein Werk unter die Nase.

„Da!“ strahle ich ihn an, „lesen Sie! Lassen Sie sich entführen. Seien Sie begeistert!“

Widerwillig greift er sich das Exemplar, weil es sich direkt vor seinen Augen befindet, und liest den Titel. Das ist ein Erfolg ohnegleichen. Er hat schon mal den Titel gelesen. So weit kommt nicht jeder in meinem Metier.

„Das Buch?“ schaut er mich fragend an.

„Das Buch!“ erwidere ich stolz. „Gibt es einen besseren, einen eingängigeren Titel als diesen? Nein“, beantworte ich mir selbst meine Frage. „Eines der berühmtesten Bücher, was rede ich, das berühmteste Buch überhaupt heißt im Englischen nur: Das Buch.“

Damit meine ich die Bibel, das kann er natürlich nicht wissen. Deswegen stiert er mich so indifferent an. Ich senke mein Haupt, schiebe meine Augenbrauen ein wenig vor und starre ihm mitten ins Gesicht. Das muß irgendwie bedrohlich auf ihn gewirkt haben.

Nicht etwa der Umstand, daß ich ihn am Arm festhalte und ihm mit meinem ganzen Körpergewicht auf die Zehen trete. Denn plötzlich schlägt er schwitzend die erste Seite auf und liest:

„Das Buch.“

„Das hatten wir schon“, beeile ich mich fortzufahren, denn ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch unter Kontrolle halten kann. Er beginnt bereits zu schnaufen.

„Lesen Sie es“, flüstere ich ihm ins Verlegerohr, „Sie werden keinen Fehler entdecken. Ich war fleißig. Nicht einen einzigen. Weder einen Widerspruch noch diesen nervtötenden Anachronismus, nicht eine Diskriminierung von Minderheiten oder Schwachen, keinen Sexismus, keine Frauenfeindlichkeit. Ich habe an alles gedacht. Keine religiösen Streitgespräche und vor allen Dingen nicht jene end – und vor allem fruchtlosen Dialoge spätpubertierender Protagonisten, die sich verlieren im Selbstverliebtsein und jegliche Beziehung zu ihrer Umgebung vermissen lassen.“

Auf der zweiten Seite liest er:

„Gewidmet Hubsi, Pubsi und Tubsi,

die in langen Nächten kritisch in meinem Werk geblättert haben.

Ihnen gilt mein ganz besonderer Dank.“

Für einen kurzen Moment schließe ich das Buch, in dem noch sein Daumen klemmt.

„Hubsi, Tubsi und Pubsi“, versuche ich ihm die Situation zu erläutern, „waren die ersten, denen ich gestattet habe, ein Auge auf dieses literarische Meisterwerk zu werfen. Und ich habe es bis heute nicht bereut. Die drei waren es - und auch Sie werden begeistert sein.“

Er blättert hastig weiter, öffnet seine Augen weit, schaut mich unsicher an, blättert noch ein paar Seiten und sagt mit merkwürdig hohler Stimme:

„Da steht ja gar nichts drin!“

Wie Recht er hat. Ein Buch vollschreiben kann schließlich jeder. Ich dagegen muß mir nicht vorwerfen lassen, den Leser mit Phrasen zu langweilen.

„Sehen Sie mal da“, deute ich auf die leere Seite 72, „da steht auch nichts! Aber dafür finden Sie auf Seite 109 exakt dasselbe. Und so geht es fürderhin weiter! Nur die Seitenzahlen sind schwach zu erkennen. Da … und … da.“

Er schluckt schwer. Ich jedoch lasse nicht locker.

„Bedenken Sie doch: Keine Druckfehler mehr. Sie sparen jede Menge Arbeit. Die können Sie in die Werbung investieren. So ein Buch sollte jeder haben. Und es mindestens dreimal pro Jahr lesen.“

Weil er noch immer transpiriert, fächere ich ihm Luft zu, indem ich das Buch vor seiner Nase schnell vor und zurück blättere. Das hilft augenblicklich.

„Darüber hinaus besteht es aus recyceltem Papier. Wie Sie sehen, ist es als Fächer ebenso gut zu verwenden wie als Fliegenklatsche.“

Mit diesen Worten schmettere ich den Band auf die Kaffeetheke, daß sämtliche Becher aus dem Gleichgewicht geraten und überschwappen. Unbeteiligt betrachte ich mir die Bücherreihen in meinem Rücken. Was gehen mich die Kaffeeflecken auf dem teueren Teppichboden am Messestand von Bertelsmann an?

„Hören Sie“, beginnt er sich aus meiner verbalen Umklammerung zu winden, „ein leeres Buch zu verkaufen dürfte nicht einfach sein.“

„Auf die gezielte Werbung kommt es an! Darauf ganz alleine. Als wenn Sie das nicht wüßten, Herr Schreier. Ein Freund von mir hat auf dem Markt Telefonschnüre für Handys verkauft und einen Bombenumsatz damit erzielt. Die Leute haben sich beinahe geprügelt um diese Rarität. Vor allem Blondinen. Es braucht nur etwas Mut.“

„Aber wie sollen wir ein leeres Buch anpreisen? Was ist mit der Inhaltsangabe. Ein Buch benötigt eine Inhaltsangabe.“

Nichts leichter als das.

„Sie schreiben einfach: Äußerst seltenes Exemplar, Literatur zum Anfassen, lassen Sie sich gefangen nehmen vom einzigartigen Werk eines Idealisten. Punkt!“

„Punkt?“

„Punkt.“

Mein Gegenüber mit Namen Schreier schielt mir über die Schulter und gibt geheime Zeichen. Ich beachte das nicht. Ich bin nämlich noch nicht fertig.

„Auf alle Fälle muß der Preis stimmen, es darf kein billiges Buch sein. Wir brauchen große bunte Plakate, hängen sie in alle Schaufenster Ihrer zahllosen Buchhandlungen. Vielleicht noch ein stattliches Bild von mir daneben. Und ein kleineres von Ihnen. Etwas weiter hinten, versteht sich.“

Inzwischen kann ich nicht umhin, mir doch einen jener Kaffeebecher zu schnappen und trinke mit abgespreiztem Finger das mittlerweile kalte Getränk, bevor ich fortfahre.

„Selbstredend verraten wir vom Inhalt rein gar nichts. Das merken die Leser früh genug. Stellen Sie sich nur die Begeisterung der Massen vor, wenn sie erkennen, daß nicht ein Moment der Langeweile eintritt. Wenn keiner sagen kann: Das habe ich doch schon mal anderswo gelesen, oder gar Das versteh ich nicht! Und denken Sie nur an Reich-Radetzky!

Wo, glauben Sie, könnte der seine blutrünstige, zerreißende, seine alles vernichtende Kritik ansetzen? Bei der Einleitung, im Mittelteil? Ha! Das hätten Sie nicht erwartet, was?“

Mit einemmal werde ich von hinten gepackt, an den Ellenbogen hochgehoben und von zwei kräftigen Wachmännern fortgetragen. Das Buch und den leeren Kaffeebecher noch in Händen.

„Man kann es als Notizbuch verwenden“, rufe ich dem Verleger zu, den Hals grotesk nach hinten verdreht. „Die Leute können ihre eigenen Gedanken eintragen. Jeder sein eigener Autor, Herr Schreier. Herr Schreier !!!“

Er hört mich nicht mehr. Die beiden Kerle schleppen mich die Rolltreppe hinunter, zerren mich zum Ausgang hin und setzen mich unsanft vor die Tür. Ohne mir die Kaution, die ich beim Betreten der Messehallen hinterlegen mußte, zurückzugeben. Einer tritt sogar nach mir.

 

   Seit einer geraumen Weile sitze ich nun am Boden vor dem Haupteingang, habe den weißen Becher achtlos neben mich gestellt, und hänge meinen übersprühenden Gedanken nach. Immer wieder schließe ich minutenlang die Augen.

Nach meinem Hinauswurf war mir etwas schwindlig. Mein Magen ist sich nicht ganz schlüssig, ob er gleich rebellieren oder das ganze noch einmal überdenken soll. Das wird wohl am kalten Kaffee gelegen haben. Es ist unentschuldbar und geradezu unverantwortlich, daß einem an so berühmter Stätte derart kalter Kaffee aufgedrängt wird.

Die Minuten verrinnen, Menschen strömen dicht an mir vorüber, manche bücken sich kurz, schenken mir mitleidvolle Blicke. Die meisten jedoch schauen nur indigniert in die andere Richtung. Wieder schließe ich die Augen. Sicher denken sie: ‚Das Schlimmste, was einem über den Weg laufen kann, ist ein erfolgloser Autor’.

Gott sei Dank regnet es nur schwach, und ich sitze - zur Hälfte - unter dem gläsernen Vordach. Was fange ich nun an?

Wie unter Zwang beginne ich in meinem Werk zu blättern. Es fasziniert mich immer wieder, immerhin umfaßt es über vierhundert Seiten. Und ich habe es mir nicht leicht gemacht. Im Leben wird einem nichts geschenkt. Diese Weisheit habe ich von meinem Großvater mütterlicherseits. Aber geschenkt haben will ich auch nichts. Verdienen will ich mir mein Geld. Ich bin kräftig, gesund und nicht auf den Kopf gefallen. Jedenfalls nicht übermäßig oft.

   Denselben zurückgelegt, döse ich ein wenig. Ich habe Glück, ich sitze beinahe im Trockenen. Mit erhobenem Haupt betrachte ich jetzt die Regentropfen, die am Dach entlang rinnen, bevor sie sich über mein Gesicht und den Bürgersteig ergießen. Ein winziges Rinnsal erdreistet sich und wagt es, sich meinen Hosenbeinen zu nähern. Ich ziehe sie an, aber das genügt nicht. Gleich wird mein Platz feucht werden, ich muß umziehen.

   Schweren Herzens erhebe ich mich. Den Becher, der neben mir steht, werde ich als Andenken mitnehmen. Er ist hübsch. Einfach konstruiert, aber hübsch.

Was ist das? Mein Blick fällt ins Innere des Bechers und entdeckt jede Menge Kleingeld. Wie kommt das da hinein? Ich kann es mir nur so erklären, daß ich auf manch einen der Besucher einen derart desolaten Eindruck gemacht habe, daß der sich erbarmte und sich genötigt sah, mir etwas in den Becher zu werfen. Das akribische Nachzählen ergibt einen Betrag von knapp € 20.-  Das ist mehr, als ich an der Kasse hinterlegen durfte!

   Ganz neue Perspektiven tun sich da auf. In weniger als einer halben Stunde habe ich € 20.- verdient. Nie zuvor war ich als Schriftsteller so erfolgreich. Mit meinen weniger erfolgreichen vierhundert Seiten unter dem Arm begebe ich mich auf den Heimweg und sinniere, ob ich meine Zukunft tatsächlich aufs Schreiben konzentrieren oder nicht ein klein wenig anders gestalten sollte ...

 

 

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