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Wo warst Du?

Die Bushaltestelle lag ein wenig aus dem Ort heraus. Sechs lakierte Eisenpfähle hielten ein winziges, leicht zerrissenes, Kunststoffdach.Am linken Pfahl war eine Bodenplatte aus dem Beton gerissen. Dort lugte ein Löwenzahn hervor und steckte seine gelbe Blüte in die Sonne.

Das Mädchen steuerte, wie immer in den letzten Tagen,auf die Bank zu um auf den Bus zu warten. Das kleine Wildkaninchen, welches gerne den Löwenzahn vertilgt hätte, machte sich schnell auf die Flucht in den Sanddornstrauch, der hinter der Bank wuchs.Menschen können gefährlich sein.

Der Bus kam und nahm das Mädchen mit. So vergingen die Wochen und auch der Sommer. Der Löwenzahn war längst verblüht, das Mädchen fuhr immer zur gleichen Zeit um zur Arbeit zu kommen. Manchmal fuhren auch andere Fahrgäste mit die in die nahegelegene Stadt wollten.

Das Mädchen wartete wieder.Ein junger Mann kam zur Haltestelle, lächelte das Mädchen an und setzte sich auf die Bank. Auch am nächsten Tag kam er und so ging es eine ganze Weile. Irgendwann wurde aus dem Lächeln ein " Hallo" und man kam ins Gespeäch.Nun wurde das Warten auf den Bus richtig nett und das Herz fing an zu klopfen wenn er kam. Sie erzählten von sich und er schwärmte von seinem Karatekurs.Eines Tages kam er nicht und erzählte am nächsten Tag von einem Arztbesuch, da er sich unwohl fühlte. Die nächsten Tage waren wie immer lustig im Bus und die Schmerzen in der Brust waren schnell vergessen.Doch dann kam er nicht mehr, auch an den folgenden Tagen blieb der Platz an der Haltestelle leer. Sie hatte keinerlei Angeben über ihn und so vergingen die Jahre, der Löwenzahn blieb sich treu ,säte sich aus und spielte mit der Sonne. Im Kopf des Mädchens verblaste das Bild des jungen Mannes imer mehr.

Sie hatte in der Zeit eine Stelle bei der Polizei angenommen und ordnete Akten mit ungekärten Fällen.Manchmal langweilig , manchmal auch spannend. Sie sah sich selbst Fälle lösen, in ihrer Fantasie, stich durch die Wälder und fand die Täter. Nur heute nicht, da hatte sie einen Arzttermin und rief ein Taxi.

Auf der Rückbank sitzend sah sie in den Spiegel des Wagens. Diese Augen- nochmal genau hinsehen und sie zuckte zusammen. Das war er, der junge Mann von der Bushaltestelle. Wieso als Taxifahrer, er wollte doch Ingeneur werden? Das Herz fing wieder an zu rasen. Nach einiger Zeit sprach sie ihn an und aus dem Arztbesuch wurde nichts.

Sie setzten sich in ein Cafe und die Vergangenheit wurde aufgerollt. Er erzählte:Ich bekam Schmerzen in der Brust und wollte zum Arzt. Auf dem Weg dorthin hörte ich ein Mädchem um Hilfe schreien und eilte dorthin.Ich sah einen Mann über ein Mädchen gebeugt, er hatte den Arm zum Schlag erhoben.Ich setzte einen Karateschlag auf den Hals des Mannes, der taumelte zurück und hielt sich an der Hauswand fest. Das Mädchen rannte weg und rief im Laufen " Danke".Ich hätte gerne noch mit ihr geredet, aber sie hatte wohl zu viel Angst. Der Angreifer lehnte immer noch an der Wand, sah aber nicht mehr gefährlich aus und so setzte ich meinen Weg fort. Beim Arzt erfuhr ich, daß  die Schmerzen vom Herzen kamen und ich sofort ins Krankenhaus mußte. Eine Operation war unumgänglich, aber hier in Deutschland war das unmöglich. Also kam ich auf dem schnellsten Weg in die USA.Dort lag ich dann im Krankenhaus, wochenlang liefen Untersuchngen und dann kam der Eingriff. Nach der Heilung dann Reha und ein erneuter Rückfall. Wieder ein Eingriff, Reha und dann die Erlösung, es wude besser. Außer einer großen Narbe ist nichts mehr zurück geblieben.

Über die Kosten für die OP und Flug und Anschlußbehandlung geb es einen langen Streit. Meine Eltern mußten einen Kredit aufnehmen und so konnten wir unseren Anteil bezahlen.

Das hat mich total aus meiner beruflichen Bahn geworfen und nun versuche ich durch Taxifahren  meine Abendschule zu finanzieren und einen guten Abschluß zu erzielen.Aber ich erzähle nur von mir. Wie ist es dir ergangen. Ich hatte ja keinerlei Adresse oder Tel Nr. und konnte dich nicht erreichen. Wenn ich an der Haltestelle gewesen bin , um dich zu treffen warst du nicht da und so verging die Zeit.

Nun, du warst weg und zur gleichen Zeit stand in der Zeitung von einem Überfall mit Todesfolge. Der Täter hatte einen blauen Fleck am Hals, ist aber an Hirnbluten gestorben. Ein Mädchen hat bei der Polizei ausgesagt und von einem Helfer erzählt, der aber spurlos verschwunden war.

Ich habe eine Ausbildung gemacht und arbeite bei der Polizeibehörde. Ich werde versuchen nocheinmal die Akte der damaligen Tat zu bekommen. Ich bin verunsichert, du wolltest helfen und der Täter ist gestorben.Vielleicht sollten wir die alten Zeiten ruhen lassen, schlafende Tiger soll man nicht wecken!

Das habe ich alles nicht gewußt. Da ich in Amerika war und auch keine Zeitung gelesen habe. Aber ich bin der Meinung, wir sollten der Sache nachgehen, sonst läßt mich mein Gewissen nicht mehr schlafen.

Zwei Tage später meldete sich der junge Mann bei der Polizei und die Akte wurde angefordert. Das Verfahren wurde eingeleitet und der Fall wurde neu verhandelt.

Im Karateklub wurden Nachforschungen gemacht, doch es kam nichts Negatives über den jungen Mann zu Tage. Das Gutachten besagte, das der Schlag auf den Hals nicht die Ursache war, die zum Tod des Täters geführt hat. Der Schlag führt  zu einer kurzzeitigen Lähmung, aber nicht zum Tode. Man ging davon aus, das der Täter eine Vorerkrankung gehabt hatte. Dem Helfer ist keine Schuld zuzuweisen. Im Gegentil. Ihm ging es selbst schlecht und er hat einem bedrohten Mädchen geholfen.  Die Akte wurde wieder geschlossen.

Man versprach sich, die verlohrene Zeit nachzuholen. Sie trafen sich wieder in dem kleinen Cafe, wo alles für sie wieder wunderbar began.

Über die Verhandlung wurde noch lange geredet und nach und nach wurden auch Zukunftspläne geschmiedet. Sie wollten es zusammen versuchen, denn sie kamen zu dem Schluß, daß sie nicht ohne den Anderen weiterleben wollten.

 

Kettberti

 

 

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