Array
Geschichten kostenlos

Klimawandel… - alles nur ein Märchen!?

Zukunftsvision
Klimawandel im Jahr 2038

Von Axel Lechtenbörger (Alex ten Berger)

Nackte Angst lag in Roberts Augen, als er aus seinem behelfsmäßigen Unterstand in den beginnenden Tag blickte, der wieder von Zyklopen, Erdbeben und Eisregen bestimmt werden würde.
Der Tauschplatz, zu dem er unterwegs war, war noch ein Stück weit entfernt. Er hatte einige verrostete Messer und andere vielleicht wichtige und für einen Tauschhandel geeignete Gegenstände von den hier überall verstreut liegenden Leichen eingesammelt. Er würde vielleicht einige Konserven dafür erhalten, denn die Larven, die er hinter der abgesplitterten Rinde von umgestürzten Bäumen hervorpulte, waren im Moment seine einzige Nahrungsgrundlage.
Es gab einmal eine Zeit, da sprach man über eine Klimakatastrophe oder von einem Klimawandel.
Die Orkane Lothar, Franz, Rita oder der heftigste, der Orkan Kyrill, die mit Geschwindigkeiten von über zweihundert Stundenkilometern hier tobten, hinterließen eine Spur der Verwüstung. Doch niemand kümmerte sich darum. Die Schäden wurden behelfsmäßig behoben und an der Politik zum Thema Klima wurde nichts geändert.
Nun war die Tragödie da. Der Planet Erde mutierte zu einer lebensfeindlichen Schattenwelt. Orkane, Erdbeben und beißende Kälte bestimmten den Lebenszyklus dieser jetzt unrettbaren Welt.
Robert wusste nicht, wie viele Überlebende es noch gab, oder wann er das letzte Mal eine lieblich zwitschernde Meise oder ein anderes Getier zu Gesicht bekommen hatte.
Jeder Überlebende war auf sich allein gestellt und jeder kämpfte gegen jeden. Messer oder Speere waren die einzigen Waffen um sich gegen hinterhältige Angriffe schützen zu können. Schussgeräte gab es schon lange nicht mehr, die Patronen waren ausgegangen und es gab niemanden mehr, der neue produzieren würde.
Die Eltern und seine Schwester kamen vor einigen Jahren bei einem Unfall in der Magnetbahnröhre ums Leben. Es war damals das einzige Transportmittel, das noch sicher war, um die nächsten Dörfer erreichen zu können.
Ein katastrophaler Hurrikan zerstörte dann das Plexiglas dieser sicher geglaubten Transportbahn und saugte alles Leben aus ihr, nur um es aus einer Höhe von 6000 Metern irgendwo wieder herabstürzen zu lassen. Das war jetzt vielleicht zehn Jahre her. Genaue Daten hatte Robert nicht, denn Kalender benötigte man heutzutage nicht mehr.
Der Unterstand an der Hausruine hatte ihm bisher nur einen kärglichen Schutz geboten, aber er musste nun bald wieder etwas zu essen bekommen.
Er hatte sich einen mächtigen umgefallenen Baum als nächsten Zufluchtsort ausgesucht, der vielleicht hundert Meter von ihm entfernt lag, vielleicht würde er diese Strecke schaffen, um den nächsten Tornado dort abwarten zu können.
Ein greller Blitz zuckte ganz in der Nähe in den Boden und ließ loses Erdreich explosionsartig in die Höhe spritzen. Ein gewaltiger Donner folgte einen Augenblick später, um als rollendes Echo, immer leiser werdend, nachzuhallen.
Robert schauderte. Die Kälte kroch unter seine zerrissene Kleidung. Fröstelnd klappte er den Kragen seiner Lederjacke hoch.
Obwohl es Sommer war, lag die Temperatur unter dem Gefrierpunkt. Wenn jedoch die Blizzards von einem Moment auf den anderen unvermittelt einsetzten, dann konnte der Frost mit minus fünfzig Grad Celsius heftig zubeißen. Die Kälte kam dann so plötzlich, dass die vom Regen durchnässte Kleidung sogleich am Körper festfror.
Robert hatte oft genug erfolglos versucht, brauchbare Kleidungsstücke von den vom Frost zerfressenen Leichen zu schälen.
Er musste weiter, denn er würde Stunden, vielleicht sogar Tage benötigen, um zum Tauschplatz zu kommen. Dieser Platz war der einzige Ort auf dieser verdammten Welt, der einigermaßen sicher war und an dem sich die Überlebenden treffen und Tauschgeschäfte machen konnten.
Er vermochte gegen den stürmischen Wind kaum zu atmen, seine Brust hob und senkte sich schwer, um die verbrauchte Atemluft aus der Lunge pressen zu können.
Seit dem die Pole geschmolzen waren und die Erde sich in Schieflage befand, herrschte hier das Chaos. Irgendwann würde sich diese Welt nicht mehr weiterdrehen.
Sie hatte sich geneigt und kreiste unkontrolliert torkelnd, in einem weiten Bogen um die Sonne.
Manchmal bebte der Boden unter seinen Füßen und Robert hatte dann das Gefühl, auf einem dicken Wackelpudding zu stehen.
Der eiskalte Wind strich hart durch das ausgezehrte, von vielen Runzeln und Narben entstellte Gesicht. Obwohl er noch nicht älter als dreißig Jahre war, wirkte Robert wie ein Greis.
Gierig sog er die feuchte Luft durch seine faulen Zähne. Der Regen lief ihm in Bächen an seinem mageren Körper herab. Das ungepflegte, strähnige Haar wirbelte nass und klebrig im eiskalten Wind. Er verschloss den oberen Knopf seiner alten und völlig verschmutzten Lederjacke. Die armselige Kreatur, die diese vorher getragen hatte, brauchte sie nicht mehr, und die daran haftenden Blutflecken störten Robert überhaupt nicht.
Der Orkan trieb Steine und Unterholz durch das zerfurchte Gelände, bis alles zu einem feinen Brei zermahlen war.
Robert klopfte mit der Faust auf seine Brust. Es schepperte dumpf. Das Blech, das er einer Leiche abgenommen hatte und darunter trug, würde ihm etwas mehr Schutz gegen die umher fliegenden Gegenstände bieten. Ohne sie würde er dem Chaos schutzlos ausgeliefert sein, so stiegen seine Überlebenschancen.
Er musste sehr vorsichtig sein, denn immer wieder wollten sich vom Sturm aufgewirbelte Gegenstände in seinen Körper bohren.
Ganz in seiner Nähe knallte etwas dumpf zu Boden und brach splitternd entzwei. Das Geräusch, ähnlich einer zu Boden fallenden, aufplatzenden Melone, wurde ihm vom pfeifenden Wind zugetragen. Er kannte das Geräusch. Zu oft hatte er in der letzten Zeit vom Himmel regnende Menschen gesehen und ihren Aufschlag gehört, die zuvor irgendwo in weiter Ferne von tosenden Tornados aufgesogen wurden und hierher getragen worden waren.
Ihre Kleidungsstücke waren oft nicht mehr zu verwenden. Sie waren zerfetzt und gespickt mit Ästen und anderen spitzen Gegenständen, man bekam die Kleidung gar nicht von den starren und verrenkt daliegenden Körpern.
Manchmal aber fand er auch bereits entkleidete und halb verspeiste Leichen, die vermutlich als Nahrung ihrer Artgenossen dienten.
Robert fand es widerlich, das Fleisch von Toten zu essen, nie würde es ihm in den Sinn kommen, sich an ihnen zu vergehen.
Es wurde etwas ruhiger. Der Tornado schien vorüber zu sein, aber es pfiff noch ein heftiger Sturm. Robert atmete durch.
Vorsichtig blinzelte er wieder hinaus. Einige Gegenstände wirbelten in der Nähe noch scheppernd zu Boden. Ein Ast pfiff haarscharf an seinem Kopf vorbei und blieb hinter ihm in der Wand der Hausruine stecken.
Er wusste, dass er sich nun mitten im Auge eines gigantischen Orkans befand und hier, im Zentrum, musste er höllisch aufpassen, denn es könnten sich unvermittelt unzählige kleine Tornados bilden. Sie hatten am Boden zwar nur den Durchmesser eines mächtigen Baumstammes, aber wenn sie sich jäh aus heiterem Himmel in das Erdreich bohrten, mit Geschwindigkeiten von über fünfhundert Stundenkilometern, dann hatte man keine Chance mehr zu entkommen. Sie zerrten dann alles unrettbar mit sich fort.
Draußen war es unvermutet geisterhaft still geworden.
Die Wolkendecke zerriss und selten gewordene Sonnenstrahlen zuckten für einen Augenblick bis hinunter auf den Boden, bis dass unvermittelt riesenhafte Wolkenberge aus dem Nirgendwo auftauchten und dickflüssig wie zäher Brei über den verwüsteten Boden walzten.
Wieder vernahm Robert ganz in der Nähe den Aufprall eines menschlichen Körpers. Aber auch diesem bedauernswerten Menschen würde nicht mehr geholfen werden können. Mit seltsam verrenkten Gliedern lag er über einem entwurzelten Baum.
Der Sturm verstärkte sich plötzlich wieder.
Robert holte tief Luft, bevor er sich den antiquarischen Motorradhelm mit dem zerkratzten Visier über den Kopf streifte.
Er atmete noch einmal tief durch und trat hinaus, stemmte sich gegen den Sturm, der ihn plötzlich angriff und zu Boden schleuderte.
Ächzend kämpfte er sich wieder hoch. Wacklig und mit einem geprellten Ellenbogen und geschundenen Knien kämpfte er sich vor. Er musste zusehen, dass er von hier fort kam. Vielleicht würde schon bald der nächste Tornado das Erdreich neben ihm zerpflügen. Er hatte das Gefühl, dass die Todsauger seine Körperwärme und seine noch spärlich vorhandene Energie auf magische Weise spürten.
Robert hastete weiter.
Er war mitten im Lauf, als ihn das stumpfe Ende eines zerborstenen Astes durchbohrte und zu Boden warf. Er röchelte und blickte auf seine herausragenden Eingeweide, die wurmartig, blutrot und seltsam verteilt an dem Zweig klebten. Seine Augen wurden mit einem Mal glasig. Er spürte nicht mehr, wie sich neben ihm ein tosender Tornado in den Boden fraß, ihn erfasste und in den Himmel schleuderte, um ihn an einem anderen Ort, mit dem Geräusch einer zerschmetternden Melone auf eine sterbende Welt klatschen zu lassen.

Und die Erde stürzte taumelnd in die Sonne…….!

Fortsetzung folgt?

 

2.5
Durchschnitt: 2.5 (4 Bewertungen)
Eigene Bewertung: Keine