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Der Unvollendete. Schubert und die Beatles (1)

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Bernhard Legrand                
         Der Unvollendete.
Erzählungen einer Jugend

29. / 30. Juni 1967

 Die Beatles und Schubert

Und wieder hat er feuchte Augen. Bruno sitzt in der letzten Stuhlreihe, vor ihm zwei leere Reihen und davor die Klassenkameraden. Sie sollen es nicht merken. Wenn Symphonien vom Musiklehrer vorgespielt werden, setzt er sich im Musiksaal gerne nach hinten, ungestört vom Getuschel der anderen: "Was ist besser, die 'Revolver' von den Beatles oder die 'Beggar's Banquet' von den Stones?" „Hast Du schon mal Pink Floyd gehört? Total abgefahrener Underground.“ - „Wie heißt die Platte von denen?“ „A Saucerful of Secrets.“

Da gibt es Brahms, der Anfang der C-Moll Symphonie; der ostinate Basston und die wechselnden Akkorde darüber, mächtige Streicherklänge. Oder die kontrastreiche und "wilde" Programmmusik der "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgskij.  Und vor allem Schubert, das düstere Moll-Thema  am Beginn und dann das bitter-süße, elegische und irgendwie versöhnliche Hauptthema der „Unvollendeten“. Das saugt er in sich hinein. Hier im Saal umfängt es ihn, klingt machtvoll aus der Hifi-Anlage, so ganz anders als auf dem kleinen Dual-Plattenspieler daheim, und lässt diesen süßen Schmerz in ihm hochkommen.

Bruno empfindet keinen Gegensatz darin, zugleich die alten Klassiker und die neue Rockmusik zu mögen. Sie wecken starke Gefühle von Kraft und Sehnsucht und Befreiung; auf verschiedene Weise, aber dafür ist seine Brust weit genug. Fürs Klassikspielen muss man ja viel wissen und können, jahrelang hingebungsvoll üben. Aber vor allem muss man diese Anzüge und Krawatten tragen und still  sein während der Aufführung. Und das geht gar nicht. Wie so ein Spießer auszusehen, so ein Pinguin! Und auch noch still sein, wo man doch schreien, jubeln, weinen möchte.
Es war die Schwester, für die der Klavierunterricht bezahlt wurde, eigentlich ohne großen Erfolg. Ein Rest 19. Jahrhundert - die „höheren Töchter“ des gehobenen Bürgertums hatten den Honoratioren etwas vorzuklimpern nach dem Diner, zur allgemeinen Erbauung und Verdauung. Und bei den de Barys war die Zeit etwas stehengeblieben, auch Oma Agathe hatte ja etwas geklimpert. Der Bub hat ja gezeichnet und gemalt. Was sollte er also mit einem Instrument? Hatten die Eltern ihm doch eine Staffelei und eine Palette mit Temperafarben gekauft. Zwei Bilder hatte sich Pap schon stolz in sein Büro gehängt.

Bruno, der die ganze Zeit schon die Augen zu hat, nickt ein. Es ist die erste Doppelstunde - für den Langschläfer Bruno und seinen Biorhythmus eigentlich zu früh, sich den Anforderungen der Außenwelt zu stellen. Während die Klänge von Schuberts Symphonie ihn einlullen, fällt sein Kopf leicht nach hinten. Durch die halbgeöffneten Augen nimmt er das Standklavier wahr, in die linke hintere Ecke des Raums geschoben wegen der Theateraufführung letzten Freitag. Eine Gestalt sitzt daran und spielt, aber unhörbar. Wahrscheinlich ein jüngerer Mann, ein Twen oder Dreißiger.
Während er noch überlegt, wer das sein könnte, öffnet sich die Tür an der Rückwand des Saales, ganz langsam, einen Spalt breit und ein Mann, vielleicht dreißig, schleicht auf Zehenspitzen hinüber zu dem Klavierspieler. Der be- merkt ihn erst nicht, er hat die Augen mit der Krankenkassenbrille fest auf die Tasten gerichtet. Als der Andere fast neben ihm steht auf seiner linken Seite, blickt er auf, nicht erschrocken, nur etwas verwundert. Der unerwartete Besucher ist merkwürdig angezogen:
Ein grauer langer Gehrock, so nennt man das wohl, mit schwarzem Samtrevers, dazu ebenfalls graue aber großkarierte weite Hosen, flache Schuhe und  unter dem Rock eine geblümte rosa Weste, schief geknöpft, die über dem Bauch, der ein nicht mehr ganz weißes Hemd blicken lässt, spannt. Insgesamt ein leidlich schlanker, etwas untersetzter Mann. Sein Gesicht ist von kräftigen schwarzen Locken umrahmt, der Haaransatz schon sichtbar zurückgewichen. Kleine lebhafte Augen funkeln hinter dicken Gläsern einer randlosen Brille. Von leicht geröteten Wangen eingefaßt, hat er eine Stupsnase und einen fein geschwungenen fast femininen Mund. Ein- bis zwei-Tage-Bartstoppeln zusammen mit der fleckigen Weste, dem leicht vergilbten Hemd und den staubigen Schuhen machen den Eindruck eines vernachlässigten Junggesellen. Ist dieser kleine Mann mit seinen wirren Locken und dem runden Gesicht – Bruno wusste, das muss auch ein Musiker sein – ein Mitglied von Jethro Tull, die man ja auch nur so biedermeierlich verkleidet kannte? Wahrscheinlich.  - Nun spricht er den ebenfalls seltsam altmodisch, doch bunter gekleideten Klavierspieler in seiner Operetternuniform an, und das klingt gar nicht Englisch.
Bruno steht leise auf, hebt seinen Stuhl  vorsichtig wie ein Mikadostäbchen zeit- lupenartig etwas nach hinten und schleicht die holzgetäfelte Wand des Saales entlang. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen, um nicht in das Blickfeld der Zwei, die ihm halb den Rücken zuwenden, zu geraten. Die seltsamen Männer sind jetzt in Hörweite.

„Entschuldigen's bitte, Herr Kollege, ich wollt net stör'n, aber ihr Spiel find ich recht
bemerkenswert, und da wollt ich a bisserl lauschen.“ „Oh hello, Mister, I guess you want to listen a bit. You're welcome, of course.“ „Thank you Mister Englishman, you must know, I am an musical äh  also … and many interest on ...“ „I see, I see.“ „Ach hören's, könnten wir net auf Deutsch reden? My English is doch very … a bisserl … a little ...“ „In German? Well, I used to speak, ik kann some Deutsch spreken, wenn ich war in Hamburg mit mein Band, aber long time ago, lang Zeit gegangen. Okay, I'll try.“
„Ja da schau her, in Hamburg! Sind's dann etwa der Johann Lennon von dieser famosen, you know famous, beliebten Tanzkapelle von England, wo die jungen Leut so …?
„Yes, sure, of the Beatles.“ „Genau, genau. Was eine Koinzidenz! Sie spiel'n jetzt auch ein wenig Piano, ich hab's gehört auf Ihrer letzten elektro … elektro- magnetischen Aufzeichnung auf diesen runden Scheiben. Sehr originell, Respekt, Herr Kollege.“
„Right. Ik komponieren jetz mehr auf de Piano, zusammen mit mein Freund Paul.
Für unser next Album ik jetz will maken ein Song mit de Titel 'I am the Walrus'.“
„Sie sind a Walross?! - Köstlich, sehr charmant, sehr lustig! Und wie weit sind's gekommen mit die Strophen und dem Kehrreim? - Oh, ich hab mich noch gar net vorgestellt: Franz Schubert mein Name, gebürtig aus Wien, anno 1797.“ „Wow! You're not kidding? Die große deutsche Komponist! Ik habe gehört die Symphonien, fantastik!“ „Aber ich bin Österreicher ...“ „Oh Austrian, sorry.“ „... und mein großes Werk, die Nr. 7 hab ich zeitlebens net fertigstellen können, leidergottes. Deswegen haben's die Leut später 'Die Unvollendete' genannt, wissen's. Tja, der Herrgott hat mich früh abberufen. Was hätt ich noch alles zuwege bringen können, aber – es hat halt net sollen sein.“ „What a pity. Viel von mein Kollege sind so früh gestorben auch: Buddy Holly und Otis Redding. - Anyway -  wie soll ik weitergehen mit mein Song?“ „Bittschön Herr Lennon, spieln's ihr Walrosslied noch amal vom Anfang.“  Lennon rückt sich die Klavierbank zurecht und beginnt zögernd  mit den ersten Takten, summt ein wenig dazu.
„Ja was spieln's denn da? D, C, B, As und G7, und das alles in Dur! Meiner Treu,
habt's ihr denn keine Harmonielehre mehr heutzutag?“ Lennon ist verlegen, zugleich auch ein wenig gereizt. „Ik, ik spiel nak meine Gefühl und diese Song speziell soll sein very very weird, bizarre … verruckt!“ „Naja, wenn's meinen … Ich hab auch allweil nach Gefühl gespielt. Und diese Ouvertüre da, werden's die wieder mit ihre Strom-Gitarren ...? „Well, vielleischt Organ oder Mellotron.“ „Warten's, warten's … Wie wär's wenn's des mit a'm anständigen Streichquartett spielen lassen? So a bisserl wie ihr Freund Paul bei dem Nostalgieliedl.“ „You mean Yesterday?- Hey, das ist ein Superidee, ik werde das George Martin sagen.
By the way, wollen sie gern haben ein Drink mit mir nachher?“
„Sehr freundlich, aber leider geht’s net. Ich existiere nicht materiell, schon seit 1828 net mehr, nur mehr geistig.“ „Well, ik denke, ich werde älter denn du und nach de Rock'n Roll ik schreib mein first Symphonie, kann sein, haha.“ „Ja des is freilich exorbitant. Ich werd' dir helfen, ich kenn mich aus, hab's von klein auf gelernt und du bist halt ein Autodidakt, nix für ungut, aber so a'n wie mich kannst gut brauchen.“ Lennon schüttelt seinen Kopf ganz sachte und lächelt Schubert an: „Man, you're fucking awesome, so amazing.“  „Weißt, mir san Romantiker und Romantiker wird’s immer geben. Mir versteh'n uns international und intertemporal.“ Während dieser Worte hat sich Schubert umgedreht und geht ein paar Schritte zur Tür, dabei verschwimmt seine Gestalt in einer Art Nebel und löst sich in Nichts auf.

Nun schleicht Bruno bis an Lennons Schulter heran und schaut auf seine rechte Hand: Aha. A-Dur  C-Dur D-Dur E7 Fis7. Lennon unterbricht, überlegt kurz.
Sieh an: – C-Dur in der zweiten Umkehrung, die Töne von oben nach unten gespielt. Wie langweilig! Das ist doch gar kein Klavier, das klingt wie – der Pausengong. Andreas steht neben ihm und kneift ihn in den Arm. „Na du Murmeltier. Willste die ganze Pause verpennen? Komm wir gehen eine rauchen, da wirste wach!“

 "Nächsten Dienstag ist unser Auftritt" fällt es Bruno ein. "Heute abend unbe- dingt nochmal üben." Für Faschingsdienstag hat der Stadtjugendring wieder ein großes Fest organisiert. Bruno und seine „Crash“ dürfen jetzt auch dabei sein. Der Auftritt liegt für die Newcomer zwischen 19 Uhr und 20.30. Die richtig guten Bands spielen anschließend, bis in den späten Abend. Und die kommen auch mit Foto und Bericht in die nächste Ausgabe der Schülerzeitung "Durchblick" sowie den Rodheimer Anzeiger. Gemein - dabei sehen Brunos Leute doch viel lässiger aus, bei der Haarlänge und den hippen Klamotten, so wie im Fernsehen, im Beat-Club!

Portrait of the artist as a young man

Bruno betrachtet sich in einem körperlangen Spiegel im Garderobenraum der Stadthalle. Da unten scheint im Moment niemand zu sein, die Leute behalten ihre Parkas und Dufflecoats an. Eine Freundin hat mal gesagt: Du bist zu eitel, Bruno. Kann sein, denkt er, aber er muss heute cool aussehen. Immerhin ist er der Frontmann.
Er zieht sich die Bürste durchs Haar und mustert sein Spiegelbild.
Mit 1,78 hat er genau die richtige Größe, viel länger als Mick Jagger, kleiner als Eric Clapton. Das schulterlange dunkelblonde Haar bedeckt in Wellen seine Stirn und Ohren und Hals. Die Wangenknochen hoch angesetzt (das sei irgendwie slawisch, hat mal jemand gesagt), die ziemlich großen mandel- förmigen Augen grün. Immer ein bisschen Schlafzimmerblick, durch die schweren Lider. Du hast immer noch diese traurigen Augen wie damals in der Schule, hat ihm mal ein Mädchen in der Disko gesagt.
Aber trotzdem, oder deswegen? sind manche Mädchen angetan von seinen pfefferminzgrünen Seelenfenstern.
Sein Mund hat volle, aber nicht dicke Lippen, ziemlich breit, einen Hauch geöffnet. Sein bester Freund und Sologitarrist hat ihn mal mit Dave Davies von den Kinks verglichen. Vom Aussehen ganz gut, aber Jim Morrison fände er noch besser. Aber soo schön ist er nun auch nicht. Wenn schon nicht der Look, dann sollte es wenigstens die Stimme sein, jetzt nach dem Stimmbruch ein passabler Bariton, in den höheren Lagen leicht rauh. Ein orangefarbenes Hemd, halboffen. Wo andere  einen Bauch haben, ist bei ihm alles flach.  Unter dem breiten Ledergürtel die türkisblaue Breitcordhose und die modischen Boots mit den hohen Blockabsätzen.
Beide Hände sind leicht gepreizt auf die Hüften gelegt, die Beine leicht ausein- ander und der Kopf nach hinten geneigt; diese herausfordernde, leicht arro- gante Haltung. Am linken Unterarm statt der Uhr ein pseudosilbernes Armkettchen.

Nett will er nicht sein, das ist was für Schlagerfuzzis.  Nein, Rock ist kein Jux, sondern ernsthafte Kunst, und muss auch, bei aller Ekstase, ernsthaft vertreten werden. Nun gut, wenn es aber doch Unterhaltung ist, dann ist das halt ein Nebeneffekt.
Es ist kein Macho, der ihm entgegenblickt. Er hat in seinen Zügen etwas Weiches, Zartes, Melancholisches. Nichts von auftrumpfend, beherrschend. Dieser Zug ins Weibliche entspricht dem Zeitgeist. Eine Mitschülerin sagte einmal: Du bist ein richtiger Natursofti; das war sehr nett, klang aber irgend- wie nach Margarine.
Der Auftritt

„Auf, Bruno, Du bist schön genug, der Mats braucht Dich!“
„OK, ich wollt sowieso gleich...“ Er nimmt die 3 Stufen zur Garderobe mit einem Sprung. „Mensch, Bruno, dein Bass geht net!“ „Wart mal … Mist, das ist das Kabel mit dem Wackelkontakt. Pit, kannste schnell mal mit'm Lötkolben …?“ „Der is net im Koffer. Ich frag mal die Jungs von Soul Company.“ „Also, das Sennheiser Mikro nehm ich, du und Gerd die SM 85.“„Kann ich eigentlich den Marshal-Turm von denen …?“ „Ja, der Harry hat's erlaubt. Hat sich na- türlich ein bisschen geziert.“
„Sag mal Gerd, hast du jetzt dein Standtom? „Ja, war noch hinten im Bus.“ „Gottseidank! Ohne hätten wir echt auf dem Schlauch gestanden.“„Wann macht Pit jetzt eigentlich den Hendrix?“ „Beim Solo von Purple Haze. Da zieht er sich die Pfeilgitarre hinten übern Kopp. Da kommts net so drauf an, bei dem Gezerre.“ Wegen seines ausgiebigen Gebrauchs von Effektgeräten, vor allem Flanger, Phaser, Verzerrer, hat Pit den Ehrentitel „Der Fetzer“.
„Ist das net schon die 3. Nummer?“ „Nee, die 5. Und ich mach den Gag mit dem Mikroständer, so echt Jagger-mäßig. Ach ja, und dann schmeiß ich die Weste weg, bei „Get off of my cloud.“
„Hehe, Mikro-Ständer, das lässt ja tief blicken!“ Mats feixte quer über seinen Rundschädel.
„Ja hallo, unser Tom!! Wo kommst du denn jetzt her? Aus'm Bett? Und wie siehst du denn aufm Kopp aus, die ganze Matte weggeschnippelt?? „Naja, die Bine hat mir … hat gemeint, es wär irgendwie cooler.“
„Mannmannmann, die Alte hat echt 'n Schuß, komm setz wenigstens die Batschkapp vom Mats auf.“ „Wenn du meinst ...“ . „Ja, mein ich. Auf hopp!“ „Der hat doch eh schon die Kapp uff!“ frotzelt Pit, der alte Scherzkeks.
He Tom, Mats hat schon deine Gibson gestimmt. Gib sie ihm!“
„Also Jungs: Der Einstieg, das muss knacken, dann läuft der Rest wie geschmiert!“
„Ay,ay Captain. Vergiss du mal deinen Text net!“
„Hörmal, ich hab den ganzen Erlkönig drauf, und den Hamlet-Monolog. Da werd ich doch wohl so'n bisschen ...“
(„Er hat ja recht, bei dem neuen Song; den kenn ich erst seit gestern. Naja, die Folks würden's wohl nicht merken.“)
„Übrigens, in 5 Minuten geht’s los.“
„Ey Mats, das A ist ja total schräg.“
„Warte mal, is net einfach bei dem Lärm. - Ok, jetzt geht’s.“
„Bruno, sag mal was. Der Saal-Mixer muss noch auspegeln.“
„Test, test, testoseron!“
„Unser Leithammel, höhö. Echt cool.“ Mats lacht jetzt total kehlig.
„Also, zum letzten Mal, denkt dran: Bei Back in the USSR leise 4 vorzählen und dann die 8el brettern exakt, gnadenlos, das fetzt, und beim 4. Takt leg ich direkt los!“
„Moment, war das jetzt A – C?“  „Mann, natürlich A -D . Und dann das C!!“
„Sorry. Hab's geschnallt jetzt.“
„Wie sieht's aus, Männer? Alles paletti?“ „Ja. -“ „Halt, wo is mein Plektrum? Ah hier.“ Tom ist noch nervöser als Bruno, und ihm sieht man's an.
„Hey Mats, du stehst auf dem Kabel.“ „Ohgott, mein Zerrer, ich krieg die Krise! Das Ding rauscht wie blöd.“
„Jaja, Effektgerät, Defektgerät. Dreh halt den Gain bis zum Anschlag auf und mach das Teil leiser.“
„He, der Vorhang geht auf!“
„Ich glaub's net. Der Nobbi macht die Ansage!“
„Und jetz, ihr Leut, komme die Newcomer The Crash, ihr habt se bestimmt schon auf'm letzte Sommerfest gehört.  Die habbe feste geübt und bringe den brandneue Beatles-Hit … (Wie heißt des? Kann ich net lesen!) … Black, äh Back – in - the – U – S – S – AARR!“

Die Scheinwerfer knallen voll ins Gesicht, sie sind tierisch heiß. Ein paar Haarsträhnen beginnen an der Stirn zu kleben. Erstmal ist im Saal vor ihm alles dunkel. Wo ist denn Corinna, ist sie da links vorne? - Der Einstieg ist gut, die Jungs sind die reinste Rockmaschine, so fühlen sie sich. Der Hall seiner Lautsprecher-Stimme erschreckt ihn, die Silben verschwimmen. Aber eigentlich ist's scharf. Seine Stimme übertönt die 300-400 lärmenden Leute im Saal. Obacht, jetzt kommt gleich das hohe E. Scheiß-Raucherei. Geschafft, wie geht die 2. Strophe? „Show me round your slopy mountains way down south, take me to your daddy's farm ...“
Beim 3. Song, während des Solos von „Sympathy for the Devil“ hat Bruno eigentlich nichts zu tun - Tom hat netterweise den Bass übernommen. Er schnappt sich ein Tambourin und dreht sich mit dem Rücken zum Publikum. Nun sieht er sie vor sich, seine Truppe!
Links Tom. Schlaksig, 1,85 weißer Rollkragenpulli und blaue Feincordjeans, viel zu warm angezogen, aber stilvoll. Die dicken schwarzen Locken im Nacken und über den Ohren geschoren. Wenigstens die Koteletten sind noch dran. Und wenigstens die flache Kappe. Er guckt meistens auf das Griffbrett, über das seine Finger sausen. Das Gerät ist eine echte Gibson ES35, die Alvin-Lee-Gitarre!! In diesem Wahnsinns-Rot. Hat ihm sein Vati geschenkt, weil er dauernd Einser schreibt, der Streber. Jedenfalls, das Ding ist sowas von edel, es wertet die Band total auf, in Richtung professionell.
Dann Mats, das Kontrastprogramm zu Tom, seinem Kumpel vom Ex-Folk- Duo: Ein Überschuss männlicher Hormone hat ihm schon im Alter von 18 das Haupthaar schütter werden lassen, dafür sprießt ein dichter Haarteppich auf Brust und Bauch, was er großzügig durch seine offene Lederweste blicken lässt. Und er hat einen Bart, ähnlich wie Pit, aber nicht so gepflegt. Die abgewetzten Jeans, die schon ein kleines Loch aufweisen. Auch er hat die obligatorischen Boots mit den Absätzen, die seinen 1,70 m noch ein bisschen Höhe dazugeben.
Er spielt Bass oder manchmal, wenn Bruno selbst spielt, macht er Percussion, vor allem aber Stimmung. Er ist ein Urviech, die pure Rockpower. Niemand, auch nicht Bruno konnte die Musik so leben, so herzzerreißend schreien und dabei so umwerfend ins Publikum grinsen. Auch wenn er gar nichts machen würde, nur rumstehen, dieser Typ war eine Zierde für jede Rockband.
Dann kommt Gerd, stark kurzsichtig, was seinem Blick etwas Abwesendes gibt. Er haut in sein Drum-Set kraftvoll und routiniert, zwar sind die Tempo-Schwankungen ein kleines Manko, aber für live geht es. Er ist eher zu schick angezogen, hat gottseidank aber eine schöne blonde Mähne und diesen Schnauzer, was ihn irgendwie älter macht. Dank seines solventen Vaters kauft er sogar bei der Boutique Annas in Frankfurt.
Pit hingegen, das ist eine Nummer für sich: Der lange schlaksige, fast so groß wie Tom Gewachsene überlässt die Bewegung seiner Gitarre, also er hat keinen Drang „herumzumoven“. Aber die Klamotten sind  immer ein Hingucker. Ein knallpinkes Satinhemd, mit diesem übergroßen abgerun- deten Kragen, eine dicke Goldkette um den Hals, schwarze enge Stoffhosen, ebensolche Boots, mit dem Gummizug wie bei den Beatles. Ringe an der Rech- ten. Heute hatte er den schwarz-gelben Kimono seiner Mutter angezogen. Das gibt seiner großen Gestalt etwas Edles, Geheimnisvolles. Außer Fetzer lässt er sich auch gern Graf Posa nennen.

Inzwischen laufen die Schweißbäche vereint das Rückgrat hinunter in Brunos Pofalte. Nun gut, jetzt der letzte Song vor der ersten Zugabe. Seine Augen haben sich inzwischen auf das Dämmerlicht des Saals eingestellt. Wenn er sich ein bisschen vorbeugt, kann er Helen sehen. Sie steht rechts direkt vor der Rampe. Gut, dass Corinna, er hat sie inzwischen entdeckt, auf der anderen Seite ist. Obwohl – Helen, das war doch fast platonisch geblieben. Damals nachts vor dem JuZ, hatten sie richtig schön geknutscht, er und Helen. Aber weiter ging's dann nicht. Bruno war angetan von ihrem Engelsgesicht mit den rotblonden Locken, ihrer zarten Figur und ihrer unverklemmten Art. Heut geht sie mit einem Lehrerreferendar, natürlich einem Roten, so wie sie. Nun, mit einem Vater als Ingenieur in der Rüstungsindustrie kann man ja nur links sein. Bruno schätzt sie sehr, ihre direkte, offene Art und immer das Herz auf dem richtigen „linken“ Fleck.

Bei der Zugabe – es bleibt bei einer, denn die nachfolgende Band will bald drankommen – wartet Bruno auf den Schlussakkord: Wie lang zieht Gerd jetzt seinen Drumwirbel, noch einen Takt …? Da, Bruno haut einen Hauch zu spät in die Saite, aber er wirft den Oberkörper nach hinten, spreizt die Beine und bleibt so, leicht wackelnd im Spagat stehen, bis der Applaus und das Gejohle verebben.
Der Vorhang ruckelt zu, sofort ist die Magie erloschen, stattdessen nüchterne Geschäftigkeit beim Abbauen ihres Equipments. Puh – als hätten sie nicht schon genug geschwitzt! Als er seine Bassbox durch die schmale Garderobe bugsiert, bleibt sein Blick am kleinen Wandspiegel hängen. Auwei, die Frisur ist jetzt total im Eimer. Nasse Strähnen kleben ihm über der Stirn, mit seiner Taschenbürste kämmt er sie nach hinten und schaut dabei auf seine roterhitzten Wangenknochen. Ein Schluck aus einer angetrunkenen Flasche Bier, da sieht er Corinna um die Ecke schauen mit einem spöttischen Grinsen: „Bruno, Bruno, Du bist einfach zu eitel!“ Er schluckt, Ärger steigt hoch: „Okay, okay, aber der Jim Morrison ist auch total eitel!“  „Und größenwahnsinnig bist Du auch.“ „Ausgerechnet jetzt, wo wir unsern Gig hinter uns haben, musst Du mich nerven.“ „Komm beruhig Dich, Du weißt doch, dass ich Dich trotzdem gern hab. - Also zwischen halb und elf bei mir auf der Party. Zieh Dir was Frisches an! Du bist total durchgeschwitzt.“
Dreimal noch schleppt Bruno ihre Ausrüstung zum Bandbus, er denkt: „Intel- lektuelle Weiber, jetzt müssen die schon alles hinterfragen, alles anzweifeln, was wir machen. Es reicht doch, wenn ich kritisch bin. - Wenn mein Publikum auch so wäre, könnten wir einpacken.“ Auf der kurzen Fahrt zum Übungsraum spinnt Bruno den inneren Dialog weiter: „Ja was glaubst du denn, warum ich Rockmusik mache? Warum ich nicht mehr stundenlang allein an einem Bild herummale wie früher? Der olle Freud spricht von Realitätsprinzip versus Lustprinzip. Das letztere ist klar interessanter, jedenfalls für mich. - Naja, uneitel war ich nie gewesen. Aber am gemeinsten sind doch immer die Unterstellungen, die stimmen!“

Auf der Party wird es dann noch richtig schön, im Kreis der eingeschworenen Fans, der bewährten Freunden und Freundinnen.
Corinnas Eltern sind netterweise über das Wochenende fort, sodass sie und ihre jüngere Schwester voll über den Bungalow mit seinem Riesen- wohnzimmer verfügen können.
Bruno lässt Lob und Bewunderung an sich herunterlaufen wie eine warme Dusche. „Bruno, ihr habt's voll drauf, ehrlich!“ „Bruno, bleib so, wie Du bist!“ Um Gotteswillen, heißt es nicht: Werde der, der Du bist? Gehaltvolle Getränke, Edleres als das Bier vom Auftritt, lässt er auch herunterlaufen, bis er diese herrliche Müdigkeit spürt und Corinna und die anderen wie durch einen dichten rosa Schleier sieht, im ohnehin schummrigen Raum, von süßlich- duftenden Rauchschwaden durchzogen. Er lässt sich neben sie auf die Coach fallen, vergräbt seinen Kopf in Corinnas Halsbeuge, schnuppert ihr Patschuli-Parfüm und schläft kurz darauf an ihrem großzügigen Busen ein. „Mein Riesenbaby“, flüstert Corinna und streckt sich rücklings auf der Coach aus.

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