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Der Unvollendete. Der Befund (2)

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27. Dezember 2015

Endlich Weihnachtspause. Zeit für den Lehrer, wieder in seinen Papierwust auf dem Schreibtisch und in den Regalen Ordnung zu bringen. Sein Blick streift die untere Reihe. Neben dem Ordner mit seinen alten Bewerbungsunterlagen steckt ein schmaler blauer Hefter. Der kommt ihm bekannt vor, er zieht ihn heraus und sieht einen Lebenslauf, abgefasst vor drei  Jahren in der psychiatrischen Klinik; er war dort im Frühjahr für sechs Wochen gewesen und sollte wie alle Patienten einen ausführlichen Lebenslauf verfassen. Bruno hatte aber keine Lust zu einer reinen Faktenaufzählung gehabt und wollte lieber so etwas wie eine zusammenhängende Geschichte schreiben. Aber das war dem Therapeuten dann zu weitschweifig  gewesen.

Herr Grünfeld schrieb also im Abschlussbericht:

Diagnosen: Bipolare Störung, gegenwärtig schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome; narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Natürlich – eine narzisstische Störung. Bruno wusste ja, dass er irgendwie narzisstisch war, aber gestört hat sich daran nur der Therapeut.

Psychischer Befund

Bewusstseinsklarer, allseits orientierter Patient, leicht nachlässig gekleidet ...

Bruno hatte von Clara mehrere Garnituren Wäsche, natürlich Freizeitkleidung, mitbekommen, extra für den Klinikaufenthalt gekauft. Das schreibt ausgerechnet der Mann, der sich in knallfroschgrünen Jeans blicken ließ und beige Sandalen mit weißen Socken trug.

im Kontakt sehr misstrauisch, kontraphobisch aggressiv, schwer greifbar teilweise weitschweifig und kontrollierend. Im weiteren Verlauf zeigen sich agitierte Zustände mit aggressiven Durchbrüchen... Die Exploration genauer Daten ist erschwert, lenkt oft vom Thema ab, …

„Wenn einer weiß, was zum Thema gehört, dann bin ich das: all die Verletzungen, die mir in meinem Leben zugefügt wurden. Die genauen Daten habe ich geliefert im Lebenslauf, aber das war ihm ja zu weitschweifig.“

Aufgrund der schweren strukturellen Störung und des massiven Autono- mie -Abhängigkeits-Konfliktes sowie schwerer Selbstwert-Problematik fiel es dem Patienten schwer, sich auf die therapeutische Beziehung, ins- bes. die Annahme der Patientenrolle einzulassen.

Wegen der Osterfeiertage und krankheitsbedingt fingen die Einzelgespräche mit dem Therapeuten erst nach drei Wochen an. Bruno hatte in der örtlichen Bücherei   sozusagen in Selbsthilfe  psychoanalytische Bücher ausgeliehen. Als er Herrn Grünfeld bat, ihm den Unterschied zwischen Affekt und Emotion zu erklären, sagte dieser: „Sie wissen doch, dass Fachliteratur während der Behandlung nicht erlaubt ist.“ Bruno wusste das nicht, aber dass so einiges verboten ist, war ihm bekannt. Alkohol zum Beispiel; die Angehörigen während der ersten drei Wochen anzurufen, pikanterweise „Kontaktsperre“ genannt; während der Gruppensitzungen verstohlen
Zeitung zu lesen, wenn man die Selbstbeweihräucherung des Oberpsychologen
Herrn Kühnel nicht mehr hören konnte; ein ausgesprochenes Alpha-Männchen, das sich mit seinen engen Bluejeans immer breitbeinig vor sein Publikum setzte – Mitpatienten nannten ihn den „Eierschaukler“. Auch war es streng!!! verboten, Geschirr aus der Kantine mit aufs Zimmer zu nehmen, laut Schildern im Treppen- haus. Bruno fühlte sich davon förmlich angeschrieen.  Zweimal hatte er einen Ter- min für eine Gruppentherapie im Wortsinn verpennt, was ihm später von Grünfeld die Beurteilung einbrachte, das seien „aggressive“ Akte gewesen. Als langjähriger Hobbypsychologe empfand Bruno genau diese Zuschreibung als aggressiv ihm gegenüber.

 … Es zeigte sich eine massive Auslieferungsangst, die ihn daran hinder- te, Nähe zuzulassen und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen …

narzisstische Störung? Und doch, und doch … Es sind ja die wahren Unterstellungen, die am meisten wehtun.

„Ohne Psychogedöns könnte man auch sagen, dass die Chemie zwischen uns nicht gestimmt hat, dass ich den Typ, mindestens 20 Jahre jünger als ich, nicht leiden konnte und demgemäß als Autorität nicht akzeptieren konnte.“
Nähe hatte er gesucht und auch gefunden, aber nicht bei den Therapeuten, sondern bei Mitpatienten, etwa in seinem Alter. Zu dritt hatten sie, ein Sozialpädagoge und ein Kinderklinik-Assistenzarzt,  eine wundervolle „vertrauensvolle Beziehung“.  So fuhren sie zum Beispiel zweimal abends zu einer nahegelegenen Burgruine und ge- nossen den Rundblick mit zwei Flaschen badischen Spätburgunder. Zu der Zeit waren die Tage schon spürbar länger als im April, als Bruno zur Klinik kam. Noch rechtzeitig zum Zapfenstreich, 10 Uhr, langten sie wieder an der Klinik an, in der Dämmerung. Es waren diese prächtigen langen Maitage. An den Abenden ging Bruno gern zur Kunsttherapie in ein kleines Häuschen am Rande des Parks. Er malte und zeichnete – am liebsten Tiercomics, denen er markante Sprüche der Therapeu- ten in den Mund legte. Er war stolz, einer jungen Mitpatientin – 18, mit mädchen- haftem Charme und Gestalt - zum Abschied eine kolorierte Zeichnung eines Ele- fanten mit Kind schenken zu können.

Im Affekt niedergedrückt, resigniert bis verzweifelt, psychomotorisch sehr angespannt und unruhig.

Warum auch immer Selbst- und Fremdwahrnehmung so auseinanderklaff- ten, eines war eindeutig: Sobald sein Entschluss feststand, den Klinikaufenthalt zu beenden, fühlte er sich federleicht und munter, die Anspannung war fort. Jedesmal wenn ihm Herr Grünfeld über den Weg lief, grinste er ihn freund- lich an. Zwei Wochen früher als geplant wieder in die Schules zu gehen war das kleinere Übel.

Muss denn alles, was von der gesellschaftlichen Norm abweicht, gleich Krankheit sein? Bruno ärgert sich über die Anmaßung der Psychofuzzis. Seine zwei Klinikfreunde und er gehörten nämlich eindeutig zur Gruppe der „Unterangepassten“, wie es Dr. Kühnel bezeichnete hatte; für diese Men- schen sind die herrschenden gesellschaftlichen Normen eben nicht ohne weiteres maßgebend für sie selbst.

Narzisstische Störung! - Obwohl … Hatte er sich nicht jahrelang gewünscht, in Soziologie zu promovieren und Vorlesungen zu halten?
Oder träumte er nicht davon, Songs zu schreiben für Pe Werner oder Xavier Naidoo?  Wollte er nicht schon immer alle Hamlet-Monologe auswendig lernen, auf deutsch und englisch? Stellte er sich nicht manchmal vor, einen jungen hoffnungsvollen englischen Romancier ins Deutsche zu übersetzen?
Schwebte es ihm nicht vor, einmal eine neuartige Harmonielehre, inspiriert von Bela Bartok zu schreiben? Erwärmte er sich nicht an der Vorstellung, mit seinen unheimlich witzigen Bärencomics sich als Cartoonist einen Namen zu machen? Oder sehnte er sich nicht danach, endlich einmal I Got Rhythm von Gershwin anständig auf dem Klavier zu spielen, nach vierzig Jahren? Und konnte er sich nicht auch gut vorstellen, ein Kabarettensemble  zu gründen?
Zu allem hatte er Talent, das wusste er und das hatte er sich bewiesen. Doch
um das wirklich zu können und zu tun, so wie er es sich erträumte, dafür war es nicht genug, dafür fehlte immer noch etwas. Er war eben unvollendet -   ein Versprechen, das nie eingelöst werden kann.
Musste er am Ende sogar dem jungen Psychoschnösel dankbar sein für die zutreffende Diagnose seiner Macken? Jedenfalls war es jetzt amtlich: Er litt
unter Bipolarer Störung Typ II, so wie Hundertausende in diesem Land; aber das war nun auch kein Trost.

Warum war bei ihm, ausgerechnet bei ihm so vieles gescheitert in seinem Leben? Woher kam die seelische Achterbahn, die extreme Verwundbarkeit?
Er steht vom Schreibtisch auf und dreht sich um. Da steht das Klavier, mit einem Songtext auf der Notenablage. Der neueste von seinen vielen melan- cholischen Einfällen. Er will ihn noch vertonen, mit einem Rumba-Rhythmus und leicht jazzigen Harmonien. Bruno taucht ein. Es geht so leicht, ein Akkord ergibt den nächsten. Sein Ärger ist weggeflogen wie ein schwarzer Rabe.
 

Ich hätt' so gern in Malaga studiert,

ich hätt' so gerne viel mehr ausprobiert,

doch nun bin ich ein altgeword'nes Kinder
und frage mich, wo all die Jahre sind.

Ich wär' so gerne ganz bei mir zuhaus,
doch kenn' ich mich bald nicht mehr bei mir aus.
Die Jahre zieh'n vorbei und ich werd' alt.
In diesem Lande wird es für mich kalt.

Ich wär' so gerne zeitig emigriert
in warme Länder, wo man nicht so friert
und würd' so gern spazierengeh'n am Meer,
und hätt' dann keine Depressionen mehr.

Der Süden ist das Sehnsuchtsziel für mich,
dort fänd' ich neue Heimat sicherlich,
dort könnt' ich in die Abendsonne seh'n
und mit dem lauen Abendwind vergeh'n.

Ich hätt' so gern mein Leben selbst gelebt.
In meinen Träumen hab' ich oft geschwebt.
Ich glitt ganz lange über Meer und Land,
bis ich dann ausruh'n konnt' im warmen Sand.

Ich bin ein hoffnungsloser Idealist,
träum' mir die Welt viel schöner, als sie ist.
Ach lieber Gott, ach bitte lass es zu,
dann hätt' ich endlich meine Seelenruh.

Fast alle seine Songs sind von Melancholie durchtränkt: Es gibt so bange Zeiten, nach Novalis… Winterabend, nach Georg Trakl, Auguries of Innocence, nach William Blake ...

Samira schaut ins Arbeitszimmer. „ Denkst du noch ans Gassigehen mit Kira?“
Samira ist halb deutsch, halb persisch. Die Mandelaugen und die feinen Gesichtszüge, jetzt mit Fältchen umrahmt. Die Haare nicht mehr dunkelbraun, sondern kupferblond gefärbt. Ihre gemütlichen weiblichen Rundungen. Bei kritischen Nachfragen: Findest Du mich eigentlich zu dick?, sagt Bruno: Ich liebe jedes Gramm an Dir. Und das ist noch nicht mal gelogen. Richtig dünne Freundinnen hat er nie gehabt. Natürlich liebt er ihr wunderschönes Gesicht mit den unglaublich lebendigen braunen Augen. Oft hat er bei sich gedacht: wie die pummelige Ausgabe von Sarah Wagenknecht.
Die war auch halb persisch. Samira war zum Glück nicht so intellektuell. Das wäre niemals gut gegangen. Solche Gedanken behielt Bruno lieber für sich, seine Frau war sehr empfindlich. Samira war halt die Prinzessin auf der Erbse.
„Was schreibst Du gerade?“ „Erinnerungen an meine Jugendzeit. Sag mal,
wie lange sind wir jetzt zusammen,  30 Jahre? „Falsch. 30 verheiratet, aber kennen tun wir uns schon uns seit 81. Du weißt doch noch, die Weinstube in Rodheim.“ „Was hatten wir eigentlich getrunken? „Du Riesling, ich Silvaner. Und heute bist du ein Grauer Burgunder.“ Bruno streicht sich durchs Haar.
„Ja - und du eine Domina.“  „Ach komm!“ „Doch, doch - aber mild im Abgang.“ Ssamira lachte auf, dieses wunderbar helle Lachen. Wenn sie telefonierte, lauschte Bruno oft, um es zu hören. Egal, wie ernsthaft das Gespräch auch sein mochte, irgendwann kam es garantiert, dieses Lachen. Deswegen ist er bei ihr geblieben; trotz all ihrer albernen Eifersüchteleien, gerade am Anfang. Aber nein: SIE ist bei ihm geblieben, hatte ihn ausgehalten mit all seinen Launen, ach was, seinen Krankheiten.  Eine „Lebensleistung“, die gar nicht genug bewundert werden kann.

Nach einem kurzen Gassigang mit dem alten Retriever und dem Abendessen geht Bruno wieder hoch in sein Arbeitszimmer, setzt sich an den Schreibtisch, nimmt sich nochmal den Lebenslauf vor, den er in der Klinik angefertigt hatte. Er schaut auf, durch das große Fenster und bleibt bei dem Anblick des Städtchens und seiner Lichter im Tal hängen.
Es ist der 27. Dezember. Das „Jingle Bells“ und „White Christmas“-Gesumse
ist gottseidank jetzt vorbei. Die Wirklichkeit hat sich den Klischees verweigert
und bei frühlingshaften Temperaturen von bis zu 15° und einem grauen hart- näckigen Atlantiktief jede wohlige Weihnachtsstimmung im Keim erstickt.
Fast das gleich Wetter wie vor 30 Jahren, dachte Bruno, als er und Clara ihre Hochzeitsreise in den Schwarzwald unternahmen. Nein, das stimmt nicht ganz: Wir hatten schöne Sonnentage mit blauem Himmel, zum Beispiel bei unserem Ausflug nach Freiburg, auf den Fotos kann man es sehen.
Früher, als sie wohlhabender waren und Brunos Eltern noch lebten, sind sie öfter ausgewichen nach Spanien, auf die Inseln Lanzarote und Teneriffa.
Natürlich stand auch dort der obligatorische Christbaum im Hotelfoyer, aber
diese spezielle deutsche Stimmung fehlte, nicht nur wegen des ganz anderen Ambientes, sondern wegen der Hotelgäste, die sich offenbar Schöneres vor-stellen konnten, als das angeblich „merry (fröhlich!) Christmas“ Fest im „Kreis ihrer Lieben“ zu verbringen – und dann noch gleich Sylvester hinterher mit der hirnlosen Knallerei! Und doch, und doch … Bruno hatte auch Weinachts- zeiten und Winter erlebt, die wirklich diese Magie hatten, wie sie immer von den Dichtern beschworen wurden. Er hat das einmal in einem Gedicht festge- halten:
An einem klirrend-blauen Sonntag im Winter
trank ich der Schöpfung Schönheit aus dem vollen Krug,
wie linder Balsam füllt's die Furchen meiner Seele
und sagt dem Nageschmerz: Nun ist's genug!
Und staunend-dankbar fühl mein Antlitz ich geglättet
und wieder bin fürs erste ich gerettet,
vermag ich Tag für Tag dem stillen schönen Zauber zu erliegen,
gibt’s meinem Seelenvogel Kraft zum Fliegen.
Nun schneit es tagelang so zärtlich-leise
und Häuser, Hügel, Wald sind schneeweiß eingestreut,
vom Widerschein des Mondlichts zart berührt.
Von drinnen schau ich wunschlos-weitäugig ins Weiße
Wie ist das schön! Mir ist, als hätte ich den Atem Gottes sanft gespürt.
Bruno nimmt den blauen Ordner vom Schreibtisch und stößt ihn heftig ins Regal zurück. Den Lebenslauf legt er beiseite.
'Mögen die Psychofuzzis sagen, was sie wollen und jedem ihre Etiketten
aufkleben, ich habe es keinen Moment bereut, nicht so tüchtig, normal und zielstrebig und angepasst zu sein wie die meisten um mich herum!
'Ach lasst mich doch in Ruhe. Ihr behandelt sowieso die Falschen!'
Zum Beispiel meine Schulleiterin Frau Knacknagel.'
„Komm Bruno, Tatort fängt an!“

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