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ann-sophie

Dass Ann-Sophie einfach nur zu uns gehören wollte, war von Anfang an klar, genauso wie die Tatsache, dass sie es niemals schaffen würde. Es lag ja nicht mal an ihr, sie war nur einfach so furchtbar… so Ann-Sophie. Es gab einfach noch nie so etwas wie eine coole Ann-Sophie.

Es liegt auch nicht an ihr, dass es nun einmal einfach keinen Spaß macht, Zeit mit ihr zu verbringen, sie kann ja auch nichts dafür, dass sie so unglaublich doof ist und einfach immer ein bisschen hinterherhinkt in allem, was sie tut. Sie ist anstrengend und ich glaube, dass sie das auch weiß und am Anfang hat mir das auch leidgetan, nur deshalb habe ich sie ja eigentlich ursprünglich eingeladen.

Und es war ja auch niedlich, wie ernst sie das immer genommen hat mit unseren Konferenzen, was eigentlich nur ein Codewort für einen Abend unter dem Einfluss mehr oder weniger legaler Substanzen war, aber sie ist immer angekommen und war bereit, alles mitzumachen, was wir machen, und ich habe die Panik in ihren Augen gesehen, als Nick ihr den ersten Joint ihres Lebens gereicht hat, aber gesagt hat sie nichts, weil sie sich nicht getraut hat. Und wenn wir über sie gelacht haben, weil sie eine Anspielung nicht verstanden hat, dann hat sie einfach mitgelacht, obwohl ihr das wehgetan haben musste, aber es war ihr egal, alles für unsere Aufmerksamkeit. Und sie hat uns immer die wunderbarsten Sachen geschenkt, so wie diese umwerfende Zeichnung für Lila, das Antike Feuerzeug für Johnny oder der kleine, flache Stein für mich, der, wenn man ihn gegen das Licht hält, gleich einem Kaleidoskop die Farben in seinem inneren zu einem Tanz aufruft und einen zum Lächeln bringt, egal, ob er will oder nicht. Das war die schöne Zeit, als wir dachten, wir wären wohl so etwas wie barmherzig, wenn wir sie in unserer Mitte aufnahmen und ihren mäßig spannenden Geschichten lauschten, wenn wir ihr die einfachsten Dinge, so etwas wie Steuern oder Elektrizität immer und immer wieder erklärten, weil sie sie nicht verstand und wenn wir sie in den Arm nahmen. Wir fühlten uns wie gute Menschen, die gutes taten.

Dann kam die schwierige Zeit. Ann-Sophie wurde immer aufdringlicher, wollte immer mehr und manchmal stand sie nachts um halb vier auf meiner Fußmatte und wollte spazieren gehen, oder sie rief während der Schulzeit bei Lila an, um ihr von der neuen Jacke zu erzählen, die sie sich am Tag davor gekauft hatte, und als sie Nicks Wohnung auseinandernahm bei dem Versuch, eine sich in ihrer Hosentasche befindliche Haarspange zu suchen, war das wohl der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat, und es war ein großes Fass gewesen, fast so dick und schwer wie die idealen Nerven eines jeden, der Zeit mit ihr verbrachte.

Jedenfalls bin ich jetzt wieder die doofe. Einer der Gründe, aus denen ich Ann-Sophie am längsten still ausgehalten habe ist der, dass, wenn sie weg ist, ich die Ann-Sophie bin. Weniger schlimm und weniger doof, aber ich bin nun einmal der Fußabtreter und deshalb muss ich das heute auch durchziehen, deshalb und weil Lila mich freundlich darauf hingewiesen hat, dass ich ja eigentlich an allem schuld bin, weil ich Ann-Sophie überhaupt erst angeschleppt habe.

Und jetzt muss ich eben auf ihrer Türmatte stehen und mit starrem Blick ihre Wohnungstüre anstarren, als würde sie dadurch bemerken, dass ich da bin. Aber ich kann mich nicht dazu aufraffen, zu klingeln und ich bin mir auch gar nicht sicher, ob sie eigentlich da ist. Wie in Zeitlupe bewegt mein rechter Arm sich vorwärts und mein Knöchel trifft das kalte Holz der Wohnungstür. Ich kann ihren fetten, alten Hund hören, der ein Geräusch macht, das wie sein letzter Atemzug klingt, aber das macht er immer. Binnen Sekunden reißt sie die Tür auf und strahlt mich an. Dieses dämliche, leere Grinsen, das verrät, wie wenig im Gehirn dahinter steckt, so grenzdebil und ermüdend. Sie ist eigentlich nicht mal hässlich, es ist nur das, was sie aus sich macht. Ich bin keine Designerin, werde nie eine sein, aber dass ihr Auftreten wohl nie als modisch gelten wird, steht außer Frage. Ihre splissigen, blonden Haare liegen in faserigen Strähnen auf ihren Schultern, während sie am Ansatz von einem pinken Haarreif im Zaum gehalten werden. Sie trägt ein schmerzhaft grelles T-Shirt, dessen peinliche „Lächle und die Welt lächelt zurück!“-Aufschrift mehr als gegensätzlich zur aktuellen Situation ist, denn ich erwidere ihr blödes Grinsen nicht. Ich trete einfach ein in die Wohnung, in der es immer zu warm ist, weil ihre Mutter immer friert. Sie schlurft mir hinterher in ihren grünen Crocs, die sie Gott sei Dank nur im Haus benutzt und bietet mir an, mich auf ihre Couch zu setzen, die in einem Zimmer voller Pferdeposter steht. Ich weiß, dass es diese Leute gibt, die eine unglaublich enge Verbindung zu diesen Tieren haben, aber Ann-Sophie ist in der Ausbildung zur Metzgereifachverkäuferin und außerdem irgendwie einfach zu alt für sowas. Ich seufze, als ich mich daran erinnere, dass ich eigentlich weniger über die Interessen anderer urteilen wollte, und Ann-Sophie bietet mir einen Kaffee an. Ich lehne ab, also macht sie mir trotzdem einen, denn sie ist ein bisschen wie eine zurückgebliebene Großmutter, die ihre Kinder verhätschelt. Das Problem ist ja, dass sie nur ein bisschen zurückgeblieben ist. Sie ist nicht geistig behindert oder so etwas, sie ist wirklich einfach nur dumm und vielleicht ist es genau das, was es so schwer macht, denn, so hart es klingt, wäre sie behindert, wären wir viel netter zu ihr. Sie ist ja auch eigentlich harmlos, denn alles, was sie tut, ist träge in einer bunten Realität voller Schmetterlinge herumzudümpeln und nicht zu verstehen, was sie eigentlich genau macht. Man kann ihr nicht übel nehmen, dass manches über ihren Verstand hinausgeht und ich glaube, dass sie sich dessen auch bewusst ist, denn manchmal sieht sie ganz traurig aus, wenn sie wieder einmal fragt, was genau einen Atomkern von einem Kirschkern unterscheidet, so, als wüsste sie, wie blödsinnig die Frage ist, aber eine Antwort braucht sie trotzdem, obwohl sie sich schämt. Jetzt gerade stellt sie mir einen Kaffee, in dem so viel Zucker versenkt ist, dass mir schlecht wird, vor die Nase und setzt sich.

„Warum genau bist du jetzt eigentlich hier?“

„Also“, sage ich, „Du kannst dich doch bestimmt erinnern, dass wir im Sommer alle zusammen nach Italien fahren wollten.“

Sie nickt, und ich merke, dass sie eine grobe Vorahnung hat, in welche Richtung das Gespräch gehen soll.

„Nur leider ist es so, dass…“ Ich sehe sie an, mit ihren großen, traurigen Augen, die sie ein bisschen wie eine Kuh aussehen lassen, die den Schlachter anstarrt, und ich beschließe, dass ich eine andere Lösung finde. „Wir können uns das ganze leider doch nicht leisten.“, erkläre ich.

„Wir haben uns total überschätzt, alleine das Hotel kostet uns einen Haufen und dann die Fahrt mit dem ganzen Benzin und dem Essen und so. Das ist zu viel.“

Einen Moment schweigt sie. Dann leuchtet ihr Gesicht auf, als wäre ihr die rettende Idee gekommen. „Ich habe ein bisschen Geld gespart! Das kannst du Lila geben. Dann bucht sie uns ein ganz schönes Hotel!“

„Das ist lieb von dir.“, sage ich und blicke in ihr Gesicht, das so sorgenfrei und unbeschwert aussieht, so fröhlich, weil sie glaubt, ihre Reise gerettet zu haben.

„Aber leider wird das nicht reichen. Und das wollen wir auch gar nicht. Wir haben beschlossen, dass wir nicht fahren. Stattdessen fährt jeder alleine in den Urlaub.“

„Oh.“

Ann-Sophie schweigt. Sie ist wirklich enttäuscht und es tut mir ein bisschen weh, ihr ins Gesicht zu lügen, aber mit ihr gemeinsam auf diesen Roadtrip zu gehen, wäre schlimmer.

„Und…können wir beide dann gemeinsam weg fahren? Du und ich?“, fragt sie leise.

Ich schüttle den Kopf. „Ich… Ich fahre mit meinen Eltern ans Meer.“

„Welches Meer?“, will sie wissen.

„Äh…Nordsee.“, meine ich.

„Das ist schön.“, sagt Ann-Sophie.

„Will ich hoffen.“

„Nein, dass du mit deinen Eltern verreist. Wegen der Trennung.“

Die Trennung. Wieso vergesse ich so etwas andauernd. Wieso vergesse ich dauernd über kleine Notlügen die wichtigen Ereignisse meines eigenen Lebens?

„Ja, das… Mal sehen, wie das wird.“

„Vielleicht wird es ja wieder.“, sagt sie und rückt ein Stück näher, während mein schlechtes Gewissen von innen versucht, mich aufzufressen.

Ich kann nicht reden, weil mir das Gefühl, ein Arschloch zu sein, die Luft abschnürt, also nicke ich nur.

„Vielleicht wird es ja nächstes Jahr was mit unserer Reise.“, ergänzt Ann-Sophie und ich nicke einfach weiter wie ein idiotischer Wackeldackel.

„Ich habe mich schon so darauf gefreut. Wir hätten ganz viel Pizza essen können. Und schwimmen gehen. Und Lila hätte sich ein paar Italiener aufgerissen und Nick und Johnny hätten dich ins Meer geschubst, weil du wieder alles besser weißt und ich hätte mich gefreut, weil ich so tolle Freunde wie euch habe.“

Ich lächle nur, und vor meinem Inneren Auge sehe ich Lila, wie sie auf mich zu kommt mit diesem Gesicht, das sie immer zieht, wenn sie etwas vorhat. Ich halte die echt oft genug aus, hat sie gesagt. Im Urlaub kann ich die nicht auch noch ertragen. Sie ist ja ganz bezaubernd, und dann hat sie auf die Lila-Art mit den Augen gerollt, Aber stell dir vor, acht Stunden mit der Auto zu fahren. Sorry, aber sie ist raus. Und weil du sie angeschleppt hast, darfst du ihr das beibringen.

Es ist nicht fair. Ann-Sophie versucht nur, dazuzugehören, irgendwo hineinzupassen, und wir tun so, als hätte sie es geschafft, aber hinterrücks lästern wir. Das macht man nicht und es tut mir leid, es tut mir leid, dass ich die schlechteste Freundin der Welt bin und es tut mir leid, dass ich das alles nur für Lila tue und es tut mir leid, dass ich Menschen schlecht behandle, aber wenn ich Ann-Sophie die Wahrheit sage, macht es das auch nicht besser.

Ann-Sophie hat die kleinen Tränchen in meinen Augen bemerkt und will wissen, ob alles okay ist, und ich nicke nur, wische mir über das Gesicht und stehe auf, um zu gehen, und beinahe hätte ich meine offene Tasche auf ihrem Sofa liegen lassen. Ich greife danach, und plötzlich fällt mir der Inhalt auf und ich bete, dass sie den Reiseführer über Italien nicht gesehen hat oder nicht zuordnen kann oder sonst etwa- „Ihr könnt es euch doch leisten, oder?“

In ihrer Stimme schwingt Schmerz mit, tiefer Schmerz, diese Art von Es ist genau das eingetreten, was ich immer am meisten gefürchtet habe-Schmerz.

Ich antworte nicht, weil ich nicht kann, und weil ich nicht weiß, wie, und weil ich sowieso nur weinen würde.

„Ihr wollt mich einfach nur nicht dabeihaben und du hattest Angst, mir das zu sagen.“

Ich sehe ihr nicht in die Augen. Ich kann es nicht.

Unter anderen Umständen hätte ich eine Bemerkung gemacht, etwas provokatives wie wow, so schnell denkst du normal nie, aber das tue ich nicht.

„Weißt du, dass ich genau das immer befürchtet habe?“, flüstert sie, und ihre Stimme zittert. „Dass ihr mich nicht dabeihaben wollt? Dass ich euch zu doof bin und zu kindisch, und dass ich nie verstehe, was ihr sagt, dachtet ihr, ich weiß das nicht?“

Ich schüttle den Kopf.

„Dann hoffe ich, dass du auch weißt, was Lila über dich sagt. Weil es ist immer nur Lila. Ihr betet sie an. Ich weiß, dass du sie liebst. Aber weißt du, was du für sie bist? Ein Hobby. Sie mag dich, weil du so anders bist, als wärst du eine Studie oder so. Sie findet es lustig, dass du nicht mit Menschen umgehen kannst. Und über Johnny redet sie auch. Weil sie ihn hässlich findet. Und weil sie sagt, dass jeder weiß, dass Johnny auf sie steht, aber sie mag keine Junkies, oder zumindest nicht die, die hässlich sind. Sie erzählt mir das alles, weil ich ja sowieso nichts kapiere. Und weißt du, was sie über Nick sagt?“

„Nein.“, sage ich.

„Sie sagt-“ „Nein!“, rufe ich.

„Es ist mir egal.“

„Natürlich ist es dir egal. Lila kann das ja machen, weil du sie sowieso anbetest, egal was sie tut.“

„Und wenn schon.“, sage ich, und ich bin so wütend, wütend und verletzt, und ich will sie auch verletzen, einfach, weil sie gerade da ist, also murmle ich: „Und trotzdem kann dich keiner leiden.“, bevor ich die Tür hinter mir zuziehe und Ann-Sophie mit sich und ihrer Blödheit allein lasse.

 

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