Frau Sonne lugte durch den schmalen Spalt direkt in Pünktchens Zimmer. Unter einer dicken Decke schlief der kleine Marienkäferjunge noch tief und fest. Schließlich waren Ferien und er dachte gar nicht daran so früh aufzustehen. „Guten Morgen, Pünktchen, es ist Zeit aufzustehen!“, flüsterte Frau Sonne. Dabei kitzelten ihre Strahlen seine Nase. „Verflixt und zugenäht, nicht mal in den Ferien hat man seine Ruhe!“, fauchte Pünktchen total verschlafen.
Er krabbelte aus dem Bett, sprang zum Fenster und zog mit einem Ruck die Gardinen feste zu. So, nun war kein Spalt mehr zu sehen, wodurch Frau Sonne ihn kitzeln konnte. Schnell zurück ins Bett, die Decke über den Kopf gezogen und….“Guten Morgen, Pünktchen, es ist Zeit aufzustehen!“, schallte es erneut in seinen Ohren. Das gibt’s doch gar nicht. Der kleine Kerl hob die Decke und sah zum Fenster. Nichts, kein einziger Sonnenstrahl war zu sehen. Da wieder die Stimme: „Pünktchen, aufstehen!“ Der kleine Marienkäferjunge rollte sich zur anderen Seite des Bettes und hatte nun die Tür im Auge. Diese war leicht geöffnet und da stand sie, Oma Hilde. Die Hände in die Seiten gestemmt, trampele sie aufgeregt mit ihren tausend Füßen auf und ab. Ja, Oma Hilde war ein Tausendfüßler und sie war mit der Ferienbetreuung für ihren kleinen Enkel beauftragt. Pünktchens Eltern hatten vor einem halben Jahr das Restaurant „Wiesenhof“ gepachtet und waren seitdem rund um die Uhr beschäftigt. Geschwister hatte er auch nicht und so vertrieb er sich meist alleine die Zeit. Seine Freunde Karlchen und Mia verbrachten die Ferien bei ihrer Tante in Blumenhausen. Also blieb nur Oma Hilde.
„Oma, nur noch fünf Minuten! Bitte, es sind Ferien und ich muss nicht so früh aufstehen!“, knurrte Pünktchen in sein Kissen. „Früh aufstehen nennst Du das? Es ist bereits acht Uhr und die Sonne lacht von einem strahlend, blauen Himmel!“, frohlockte Oma Hilde. „Raus aus den Federn, schnell gewaschen und Zähne geputzt und dann wartet auch schon ein leckeres Frühstück auf Dich!“ Mit einem Ruck hatte Oma Hilde die Vorhänge beiseite und ihm die Decke weggezogen. „Menno!“, schrie Pünktchen. Acht Uhr, das konnte doch alles nicht wahr sein. Warum war Oma nur so gemein? Langsam rollte er sich auf die Bettkante, richtete sich auf und rieb sich die Äuglein. Ihm war gar nicht nach aufstehen. Er hopste vom Bett und streckte seine Flügel so weit er konnte. Er fand seine Flügel schön.
Auf jedem hatte er einen schwarzen Punkt. Doch die Punkte waren nicht so groß wie die seiner Klassenkammeraden. Nein, sie waren eher winzig. Bei seiner Geburt waren sie so klein, das man eine Lupe nehmen musste, um diese zu erkennen. So kam der kleine Marienkäferjunge auch zu seinem Namen: Pünktchen.
Mittlerweile war er im Badezimmer verschwunden. Ein kurzer Blick in den Spiegel…huch! Pünktchen war erschrocken. Er sah wirklich fürchterlich aus. Seine schwarzen Locken standen in alle Richtungen, vorne fehlten ihm drei Milchzähne und seine Sommersprossen waren größer als seine Punkte auf den Flügeln. Egal, er nahm seine Zahnbürste und begann mit der Morgentoilette. Nach nicht mal zehn Minuten war die Prozedur beendet und Pünktchen saß am Frühstückstisch. Oma Hilde hatte extra den Tisch auf der Terrasse gedeckt und es gab leckere Honigwaffeln und frischen Tau, um das klebrige Zeug herunter zu spülen. Hm…lecker!
„Oma, was machen wir denn heute?“, fragte Pünktchen und sah sie dabei mit großen Augen an. „Ach, ich bin doch schon viel zu alt für körperliche Aktivitäten. Lass uns Karten spielen oder du hilfst mir beim Hausputz!“, entgegnete sie trocken. Hilfe beim Hausputz, hmm, schon klar. Mit ihren tausend Füßen war das doch flink erledigt. Spülen, saugen, bügeln, Fenster putzen, Wäsche waschen, kochen… Wobei brauchte sie da noch meine Hilfe? Der kleine Marienkäfer konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Oma?“, piepste Pünktchen fast unerträglich. „Darf ich heute ein wenig über Wiesenhausen fliegen? Ich pass auch auf und bin furchtbar artig!“, fügte er schnell hinzu. Seine Großmutter sah ihn skeptisch an. „So, so, fliegen willst du also? Was, wenn du dich verirrst? Was, wenn dir etwas passiert? Nein mein Junge, das will ich nicht verantworten!“ Pünktchen wurde ärgerlich und mit leichtem Zorn in der Stimme fauchte er: „Was soll mir denn schon passieren, vielleicht schnappt ja eine Schwalbe im Flug nach mir!“, sprudelte es aus ihm heraus. Schnell legte er beide Hände über seine Lippen und hielt den Atem an. Was hatte er da gerade gesagt? „Oma, das war nicht so gemeint! Bitte entschuldige!“, stammelte er. Seine Oma wusste, dass in ihm ein kleiner Lausebengel steckte, aber er hat noch nie etwas angestellt und war zu anderen immer freundlich. „Also gut Pünktchen. Nach dem Frühstück darfst du eine Runde über Wiesenhausen drehen. Aber zum Mittagessen bist du wieder da!“, mahnte die Großmutter. Eine Runde, wie das klingt. Schon wieder musste sich Pünktchen das Lachen verkneifen. Er sprang auf und drückte seiner Oma einen fetten Schmatz auf die Wange. „Danke, ich bin zum Mittagessen zurück!“, sagte er freudig. Schnell schlang er die letzte Waffel hinunter, trank seinen Becher leer und wischte sich seine Honigschnute mit dem linken Ärmel ab. „Fertig!“, rief er voller Begeisterung. „Ich geh dann mal…äh…flieg dann mal! Tschüß Oma bis später!“ Dann war Pünktchen schon nicht mehr zu sehen.
Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne lachte von einem wolkenlosen Himmel und der Wind wiegte die Blumen und Blätter der Bäume im Takt. In Wiesenhausen war es ruhig. Kaum jemand war auf der Straße. Viele seiner Freunde waren verreist. So drehte der kleine Marienkäferjunge seine Runden. Er flog vorbei an der Bäckerei Klee, wo draußen die dicke Thekla einen Pfannkuchen in sich hineinstopfte, schmulte ins Fenster von Herrn Käfer und sah Madame Butterfly beim Tanztraining zu. So verging die Zeit und der kleine Marienkäfer musste so langsam seinen Rückflug antreten. Schließlich hatte er Oma Hilde versprochen pünktlich zum Mittagessen zurück zu sein. Noch einen kleinen Salto über seiner Schule und dann….aaaaaaaaahhhhhhhhhhh! Es war gar nicht so einfach in der Luft abrupt abzubremsen. Aber Pünktchen hatte keine andere Wahl. Vor ihm tauchte plötzlich Herr Schwalbe wie aus dem Nichts auf, und sein Schnabel stand weit offen, wie eine riesige Ladeluke. Pünktchen wollte auf keinen Fall als Appetits-Happen im Magen der Schwalbe landen. Schnell flog er eine scharfe Rechtskurve. Geklappt. Der kleine Marienkäfer erhöhte sein Flugtempo um ein Vielfaches. Nur schnell nach Hause, dachte Pünktchen. Er drehte sich um, oh nein, Herr Schwalbe hatte die Verfolgung aufgenommen und war direkt hinter ihm. Pünktchens Herz klopfte bis zum Hals. Er flog Saltos, rechts und links Kurven, doch vergeblich, er konnte seinen Verfolger nicht abschütteln. Der kleine Kerl war schon aus der Puste, als ihm eine Idee kam. Schnell hinüber zum Fluss und dann in den Wald. Dort konnte er sich verstecken.
In diesem Moment dachte der kleine Kerl nicht daran, dass er in diesem Augenblick die Grenzen von Wiesenhausen überflog. Das hatten ihm seine Eltern streng verboten. Denn hinter dem Wald lag die Stadt.
Pünktchen flog und flog. Da der Wald. Geschafft! Im Dickicht der Moose und Farne suchte er Schutz. Vergeblich, Herr Schwalbe war ihm immer noch dicht auf den Fersen. Der kleine Marienkäferjunge düste durch den Wald. Er hatte mittlerweile komplett die Orientierung verloren.
Da ein Lichtblick – die Stadt. Pünktchen wurde es angst und bange. Doch was sollte er tun? Er hatte keine andere Chance. Schnell folg er über die Stadtmauer hinein ins Getümmel. Er sauste durch die Straßen, vorbei an Wolkenkratzern, unter Brücken hindurch und landete schließlich auf einer Autoscheibe. Völlig fertig und kaum noch lebensfähig blickte der kleine Kerl sich um. Von seinem Verfolger war weit und breit nichts mehr zu sehen. Gott sei Dank! Pünktchen ließ sich auf dem rutschigen Untergrund nieder und holte erst einmal tief Luft. Wo bin ich hier eigentlich und wie komme ich zurück nach Wiesenhausen? Dem kleinen Burschen wurde ganz schlecht bei dem Gedanken daran, er würde seine Eltern, seine geliebte Oma und seine Freunde niemals mehr wieder sehen. Dicke Tränen kullerten über sein Gesicht. „Was mach ich jetzt nur?“, murmelte Pünktchen leise vor sich hin.
Plötzlich begann der glatte Untergrund, auf dem er saß, zu zittern an. Nanu, was war denn das? Doch ehe der kleine Marienkäferjunge einen klaren Gedanken fassen konnte, blies ihm ein frischer Wind um die Nase. Ach herrje, was war denn nun los? Ängstlich blickte sich Pünktchen um. Das gelbe Ding unter ihm setzte sich in Bewegung und fuhr die Straße entlang. Die Häuser links und rechts zogen an ihm vorbei und Pünktchen krallte sich so gut er konnte am Scheibenwischer fest. Prima, dachte er, ich bewege mich fort ohne zu fliegen. Pünktchen fand Gefallen daran und stemmte sich dem Fahrtwind entgegen. Wie auf der Titanic dachte er und breitete seine kleinen Flügel aus. Das gelbe Ding bog in eine Seitengasse ein und Pünktchen konnte in der Ferne die Stadtmauer erkennen. Vielleicht bringt mich das Ding ja nach Hause? Voller Freude kletterte er an der rutschigen Scheibe hinauf und wagte einen Blick ins Innere des gelben Dinges. Huch, was war denn das? Ein kleines, nettes Gesicht lächelte ihm entgegen. „Marinchenkäfer! Marinchenkäfer!“, hörte Pünktchen das Gesicht rufen. „Er bringt Glück!“, fügte die Stimme aus dem Inneren des gelben Dinges hinzu. „Ich bringe Glück?“, wunderte sich Pünktchen. Was sich die Menschenkinder so alles einbilden…
Nach einer längeren Fahrt stieg dem kleinen Marienkäfer plötzlich ein vertrauter Geruch in die Nase. Es roch nach, nach Wiesenhausen! „Juhu!“, rief Pünktchen. Er stand auf und dann konnte er sie sehen, die große, bunte Blumenwiese. Pünktchen drehte sich noch einmal zu dem netten Gesicht um und dann nahm er Schwung und hopste von dem großen, gelben Ding.
Nun aber schnell nach Hause. Oma Hilde macht sich bestimmt schon Sorgen. Schnell flog Pünktchen zurück in die Kornblumengasse 7. Seine Großmutter stand schon am Gartentor und blickte mit böser Miene auf ihre Taschenuhr.
„Entschuldigung Oma Hilde, dass ich zu spät komme, aber ich habe mich etwas verquatscht!“, sprudelte es aus ihm heraus. „So, so!“ sagte seine Großmutter, dann schnell Hände waschen, dass Essen wird sonst kalt. Die köstliche Brennesselsuppe schlürfte Pünktchen hinunter, als hätte er tagelang nichts mehr gegessen. „Fliegen Oma, macht ja so hungrig!“, schmatzte er. „Jetzt bin ich müde und ein kleines Nickerchen wird mir bestimmt gut tun!“
Oma Hilde staunte nicht schlecht. Pünktchen und Mittagsschlaf? Indessen hatte sich der kleine Marienkäferjunge schon in seine Decke gerollt und träumte sich noch einmal zurück - zurück in die große, fremde Stadt!

