Array
Geschichten kostenlos

Mein Leben als Seeräuber

Als Seeräuber wandelte ich durch die Weltgeschichte und fuhr auf den grossen Meeren von Malaga bis nach Singapur und von Kaap Horn bis nach Australien. Wer denkt, dass ich auszog, um mir den Reichtum anderer anzueignen, der irrt. Unsere Gesinnung war eine andere. Unsere Beute waren die Worte. Wir waren Gaukler und Poeten, Hochstapler und Redner, Schauspieler und Berater und Stumme, die sich ihre Worte sparten. Unser Schatz waren die Worte und seine Kammer die Herzen der guten Leute, die sich sehnten nach den Geschichten von unseren Poeten von fernen Ländern, in denen kaum glaubhaftes, doch in ihrer Phantasie vorstellbares geschah. Von Prinzessinnen, die durch die Berührungen ihrer Prinzen unsterblich waren. Von einem Land, in dem die Bauern der Adel war und der König ein armer Bettler, der den reichsten Manne des Landes um Almosen bat. Wo die Frauen die Äcker pflügten und die Männer sich beim Stricken vergnügten. Wo die Kinder erwachsen waren. Dort gab es ein junges Paar, dass sich jeden morgen neu verliebte und vor Schreck ganz erschrak, wenn ihre Kinder sie begrüßten und ihnen erzählten, wie viele sie schon von ihnen hatten. Ganz entzückt waren die Leute von unseren Gauklern, von denen sie sich gerne betrügen liessen, um ihren Spaß davon zu haben, wenn sich der Ring ihres Gatten am Finger eines anderen wiederfand und sich ihre Börse erschwerte, während der Nachbar seine leichter fand.

Der Hochstapler, der Wasser als das kostbarste verkaufte und hinterher immer alles bereute. Der Redner, der die Menge zu tosendem Beifall bewegte und ihnen Versprechungen gab. Der Schauspieler, den die Leute verehrten und der Berater, den sie anerkannten. Doch vom Stummen, der sich seine Worte sparte, dachten die Leute, dass er einen Schatz horte.

3
Durchschnitt: 3 (1 Bewertung)
Eigene Bewertung: Keine