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Gib dem Ding einen Namen...

... und es lebt.

 

Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, sehe ich Heu, Katzen, Dachböden mit viel interessantem Krimskrams, Haselnüsse und... Spiegel.

Mag daher kommen, dass ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Es war wundervoll dort, ganz viel Platz zum Spielen, Bäume auf denen man herumklettern und runterfallen konnte. Es gab quasi nicht einen Nachmittag, an dem ich keine aufgeschürften Knie hatte. C´est la vie. Kindheit im Dorf eben.

Unser Haus, welches wir bewohnten, war sehr alt. Wenn man durch die Eingangstür hineintrat, war einem, als würde man eine andere Welt betreten. Die sommerliche Wärme stoppte anscheinend auf der Türschwelle und traute sich nicht hinein. Ebenso das Licht.

Der Hausflur war kühl, fast schon kalt, und sehr dunkel. Als Kind hatte ich große Angst in dunklen Häusern, dieses ist leider bis heute geblieben. Es macht mir nichts aus, draussen im Dunkeln herumzulaufen, aber wehe ich muss den Wohnungsflur durchqueren und die Flurlampe ist defekt... ein Ding der Unmöglichkeit für mich.

Wenn man es geschafft hatte, den steinernen Flur zu durchlaufen, bog man unten nach links in die Wohnung meiner Großeltern ein. Dort war es gemütlich, hell und warm. Ich verbrachte als Kind sehr viel Zeit bei meiner Oma, weil sie mir ein Gefühl von Geborgenheit gab, was ich nichtmal oben in unserer eigenen Wohnung fand.

Wenn man anstatt nach links nach rechts abbog am Ende des Flures und nach einer 90°-Drehung die Treppen nach oben stieg, stand man oben im ersten Stockwerk in einem weiteren Flur, heller und etwas weiter als der Untere. Links befand sich die Tür zum Schlafzimmer meiner Großeltern und auf der rechten Seite, an einem alten Spiegel vorbei, weiter hinten fand man den Eingang zu unserer Wohnung, welche ich mit meinen Eltern und meiner Schwester bewohnte.

Der Spiegel... ja der Spiegel ist es, um den es mir geht.

Das Haus steht schon lange leer... ich frage mich, ob er noch hängt.

In meiner kindlichen Vorstellung lebten in dem Spiegel alle möglich Wesen, bösartige, dunkle Gestalten, welche mich hineinziehen wollen.

Der Spiegel sah damals schon alt und vergilbt aus, die Silberbeschichtung auf der Innenseite hatte Risse und blätterte ab. Wenn man hineinblickte, sah man verzerrte Fratzen und Bewegungen... wenn ich nachts auf Toilette musste... es war furchtbar, an dem Spiegel vorbei zu müssen. Im Dunklen. Ohne Licht.

 

Ich stehe vor dem Haus, die Sonne scheint und die Wärme will mir wohl sagen, ich soll umdrehen und wieder nach Hause fahren.

Doch ich kann nicht. Seit Monaten träume ich von diesem Spiegel.

Ich öffne die Tür und trete ein. Kälte fährt mir durch meine Glieder und lässt mich kurz stocken, raubt mir den Atem.

Es ist gewohnt dunkel, kalt... langsam setze ich einen Schritt vor den Nächsten.

Ich gehe durch den Flur, der kalte Steinboden hat sich nicht verändert, kaum etwas hat sich verändert, wie mir nach einer halben Ewigkeit auffällt.

Ich gehe die Treppen nach oben und sehe den Rand des Spiegels, der an seinem gewohnten Platz hängt.

Wo ist das Licht hin, der obere Flur war immer heller als der Untere. Warum ist es so dunkel hier, warum so lautlos...

Die letzte Stufe der Treppe knarrt... ich stehe oben. Vor dem Spiegel, drehe mich zu ihm...

 

Ich erblicke verzerrte Fratzen, Bewegungen wo keine sein dürften, da ich mich nicht traue, auch nur Luft zu holen, geschweige denn den kleinen Finger zu rühren...

Risse....    Augen die mich anstarren.... dunkle Augen...   lange, gelockte Haare, ...

Dunkelheit... wo ist das Licht hin....  der obere Flur war immer heller...

 

Ich starre den Spiegel an... und hole tief Luft.

"Gib dem Ding einen Namen... und es lebt."

 

Der Spiegel starrt zurück, unentschlossen, was er tun soll. Er greift nach mir, will mich hineinziehen in seine Tiefe der dunklen Angst. Ich sehe die Krallen, lange, spitze Krallen.

 

Aber er hat seine Macht verloren.

"Gib dem Ding einen Namen, und es lebt!"

 

Ich lege leicht grübelnd den Kopf schief und während der Spiegel vor Wut und Enttäuschung aufschreit und kreischt, drehe ich mich zur Treppe, gehe die Stufen hinab...

den Flur entlang, es ist kühl, angenehm kühl. Und die Dunkelheit schützt auf angenehme Art vor der gleißenden Sonne, welche mich draussen erwarten wird.

Ich trete hinaus in das Licht, welches mich umfängt, und zum ersten Mal seit langer Zeit ist ein Lächeln auf meinem Gesicht.

Ich schließe die Tür ab und fahre nach Hause. Zu meiner eignen kleinen Familie.

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