"Verdammte Scheiße, schon wieder tot..." brummelte eine aufgebrachte, weibliche Stimme unüberhörbar genervt.
Man hörte ein leichtes Krachen, als Sina ihre Mouse vor lauter unterdrückter Wut auf den Schreibtisch aufsetzte und danach ein tiefes Seufzen.
"Sinchen, was is denn heute los mit Dir, du scheinst mir genervter zu sein als üblich." erwiderte eine ruhige, amüsiert klingende Stimme, für uns unhörbar, da Sina ein Headset auf dem Kopf hatte. Die Stimme gehörte zu einem Freund aus dem Internet, mit welchem zusammen Sina ein Online-spiel spielte, "League of Legends" genannt, kurz LoL.
"Jaja, ich weiss, dass ich ein Noob bin, shut up!" grummelte Sina weiter, als die anderen Mitspieler in dem zufällig zusammengewürfelten Team sich darüber aufregten, wie doof sie sich doch anstellte.
Während die genervte, junge Frau darauf wartete, dass ihre "Todeszeit" ablief, starrte sie auf den Bildschirm, lehnte sich zurück und erwiderte zu Andrè, der Stimme im Ohr: "Ich weiss nicht, was zur Zeit los ist mit mir. Mich nervt, wenn ich sterbe, mich nerven die Anderen, mich nervt einfach alles. Ich geh dann Pokemons trainieren...!"
Letzteres sollte natürlich ein Scherz sein.
"Woohoo, i´m back to life..." nuschelte sie wenig motiviert und stürzte sich mit ihrem Champion wieder ins Getümmel. Ein paar wenige Mausklicks später war sie wieder tot. Sie seufzte und sparte sich aber diesmal jedwedes Gemecker. Erstens brachte es sowieso nichts und zweitens musste sie aufpassen wegen der Lautstärke, weil nebenan ihr kleiner Sohn schlief. Beim Gedanken an Flori erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie rief sich wiederholt ins Gedächtnis, dass das hier nur ein Spiel war und die wirkliche Priorität ein Zimmer weiter lag, sieben Jahre alt war und gerade schlief.
Irgendwie überstand ihre Mannschaft das Spiel dann noch, gewannen sogar, was aber definitiv nicht Sina´s Verdienst war.
Ihr Freund versuchte sie dann noch etwas auf andere Gedanken zu bringen, indem er ein paar witzige Links schickte, aber Sina war so rein gar nicht nach Lachen gerade zumute. Andrè seufzte leicht und fragte dann vorsichtig: "Hat das zur Zeit wieder mit deinem... erm, du weisst schon, zu tun?"
Sina, gerade zurückgelehnt im Bürostuhl hockend, dachte kurz über die Frage nach. Sie wusste, was er meinte und war leicht verwundert, dass gerade er, der logischste Mensch, den sie kannte, davon anfing. Als Sina ihm damals davon erzählt hatte, bereute sie es kurz darauf. Man kann einem Logiker und Mathematiker nunmal nicht mit derart Dingen kommen.
"Ich weiss nicht", erwiderte sie leise, "Ich weiss zur Zeit wirklich nicht, was los ist. Ich bin seit Tagen genervt ohne Grund. Aufgeregt innerlich, als wenn... " ... Sie schüttelte langsam den Kopf.
"Ich hab nur eine schlechte Phase derzeit, das wird es sein." Sie lächelte ins Mikrofon hinein, um sich und Andrè zu überzeugen und nickte entschlossen.
"Nur eine schlechte Phase, ist bald wieder vorbei." Sina rappelte sich in ihrem Bürostuhl auf und zündete sich eine letzte Zigarette an, während sie in derselben Bewegung das Fenster öffnete, um zu lüften. "So, ich rauch noch eine und dann werd ich ins Bett huschen, is schon spät."
Andrè stimmte zu und sie lauschten gemeinsam noch einem Lied und verabschiedeten sich dann. Sina rauchte gemütlich zu Ende, während ihr PC runterfuhr, drückte dann ihre Kippe im Aschenbecher aus und knippste das Licht aus. Das Fenster blieb daweile weit geöffnet, so dass frische Luft herein konnte. Sie blieb noch ein paar Sekunden sitzen und lauschte dem typischen Geräusch, wenn man einen PC herunterfuhr und dachte nach. Andrè war schon jemand sehr Besonderes für sie. Sie kannten sich seit vier Jahren nun, kennengelernt hatten sie sich per Zufall in einem Chatprogramm. Sie selbst wohnte in Deutschland, Andrè um die 900 Kilometer weit entfernt und dennoch hatten sie beide jeden Tag Kontakt. Sie lächelte kurz und stand dann auf, um ins Bad zu gehen und sich für die Nacht fertig zu machen.
Es war kurz vor 12 Uhr, als sie in ihrer Pyjamahose und einem kurzen Shirt steckte, noch einmal kurz in das Zimmer ihres Sohnes linste und dann in die Stube ging. Sie wohnte mit ihrem Sohn in einer kleinen Zweizimmerwohnung, Flori hatte sein eigenes Zimmer, während Sina auf der Couch in der Stube schlief. Das war in Ordnung für die 29-jährige, sie war es nicht anders gewohnt und soviel Comfort brauchte sie nicht.
Sina kuschelte sich in ihre Decke ein und rollte sich wie ein Embryo zusammen. Ein kleines Nachtlicht leuchtete in der Schrankwand und während sie auf das Spiegeln des Lichtes in der Schrankwandverglasung starrte, dachte sie noch einmal über Andrè´s Frage nach, woran es lag, dass sie derzeit so mies gelaunt war.
Eigentlich war es nicht mal miese Laune, nur so eine Art Gereiztheit, bei jeder Kleinigkeit könnte sie aus der Haut fahren. Wenn Sina in den Spiegel schaute, war sie durchaus zufrieden mit dem, was sie sah. Ihrem Sohn ging es auch gut, derzeit sowieso, es waren nämlich Ferien. Er besuchte die zweite Klasse in der Grundschule in ihrer Stadt, und nachdem er die erste Klasse sehr oft krank gewesen war, holte er nun langsam wieder alles auf, was eine Zeit lang gefehlt hatte. Im Großen und Ganzen könnte sie also meinen, dass es keinen Grund für diese Stimmungsschwankungen geben dürfte. Und auch nicht für die innere Unruhe, die Aufgeregtheit und den Puls, der derzeit wirklich stark erhöht war. Vielleicht wurde sie krank...
Tja, "vielleicht" ... Über diesen Gedanken fielen ihr dann auch so langsam die Augen zu.
...
Schatten, Gestalten, ... Bäume..... Zwerge, ... Yordles .... Dunkelheit, .... "Mama....."
Magier.... Krieg, Feuer.... soviel Feuer.... Licht.... "Mama.... wach auf....."
Unendlich langsam wurde Sina von einem leichten Rütteln an ihrer Schulter wach ... "Mama.... wach bitte auf... da is was..."
Schlagartig war Sina wach, als durch die wirren Träume die leise, ängstliche Stimme ihres Sohnes endlich in ihr Bewusstsein drang... sie setzte sich auf und schaute in das verschreckte Gesicht von Flori. Der Siebenjährige krabbelte unter ihre Decke und flüsterte leise "Mama, da is Jemand, ich hab was gehört...."
Sina seufzte leise und streichelte den Kopf von Flo, das hatten sie schon öfters, wer kennt das nicht. Monster unterm Bett, Feinde, Einbrecher, Ninjas, welche durch das Fenster einsteigen wollen. Sie wollte gerade ansetzen zum üblichen Beruhigen, dass da nichts wäre, er aber gerne bei ihr mit schlafen könne, wenn ihn das beruhigt, als sie ein Geräusch hörte. Sie verstummte augenblicklich und lauschte.
Kennt ihr das, wenn man nachts auf einmal ein Gehör hat, womit man sogar eine Laus husten hören könnte, wenn man aufmerksam lauscht? Jedes Knacken, jedes Knistern erscheint einem dann so unglaublich laut. So erging es Sina auch gerade. Sie hielt den Atem an und starrte Flo an. Er öffnete den Mund und wollte was sagen aber Sina machte nur: "Psst" und hielt den Finger vor den Mund.
Beide lauschten weiter.... da war es wieder. Mehr ein Erahnen einer Bewegung, aber doch hörbar. Ein leises Rascheln, ein Schritt, Flüstern.
Ihre Augen weiteten sich. Einbrecher? Unmöglich, die Tür war abgeschlossen. Oder hatte sie es vergessen? Sie durchsuchte den Raum kurz nach etwas, was man als Waffe benutzen könnte, fand aber nur die Fernbedienung für den Fernseher, unzählige Bücher (Sina war eine Leseratte), und die Sessel und Schränke erschienen ihr doch zu schwer zum durch die Gegend werfen. Sie überlegte gerade, die Einbrecher mit Dostojewski oder Schätzing zu erschlagen, so schwere Kost ist nicht für jeden etwas, verwarf die Idee dann aber.
Sie erhob sich leise und bedeutete Flori, auf dem Sofa zu bleiben. Jedes Geräusch vermeidend bewegte sie sich langsam auf die nur einen kleinen Spalt geöffnete Tür in den Flur und linste durch. Sie sah niemanden, aber die fremden und definitiv mal nicht in diese Wohnung gehörenden Geräusche waren nun unüberhörbar. Sehr leise, aber eben vorhanden. Sie schaute zurück zu Flori und deutete ihm, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und sich zu verstecken. Er schaute nur ängstlich zurück, Sina hatte nun Angst. Fremde Leute in ihrer Wohnung, sie allein mit einem Siebenjährigen und keine Knarre im Haus, verdammt.
Gleich nebenan war ihre Küche, sie überlegte gerade wie sie an die Bratpfanne heran kommen sollte, als die Geräusche auf einmal verstummten. Das Flüstern hörte auf, das leise Trappsen war wie vom Erdboden verschwunden. Es war wie, als wäre die Zeit stehengeblieben und hätte sämtliche, für die Nacht so typischen Geräusche mit sich genommen.
Ihre Angst wuchs nun ins langsam Unerträgliche... da hörte sie ein leises Zischen, wie ein unmerkliches Knistern von Elektrizität. Sie überlegte nicht lange und tappste durch den Spalt in Richtung Küche. Sina war froh, dass sie es heute nicht so mit der Ordnung gehabt hatte, denn die Bratpfanne stand noch auf der Ablage neben der Spüle, wo sie sie zum Trocknen angelehnt hatte.
Sie ergriff sie und überlegte mit leise stoßweisem Atmen, wie sie nun weiterverfuhr. Sie schaute zurück zum Kücheneingang. Wenn das Mehrere waren, hatten sie sowieso keine Chance, ihr einziger Gedanke war, dass sie ihren Sohn irgendwie aus der Wohnung rausbringen musste. Aber der Wohnungseingang lag genau in der Richtung aus der die Geräusche drangen. Sie fluchte innerlich und tappte leise auf Socken zurück zur Küchentür. Mit der Pfanne in der Hand und angehaltenem Atem schaute sie in den Flur hinein, ganz langsam um ja keine Schatten zu verursachen.
Das Knistern hatte mittlerweile aufgehört, dafür hörte sie nun, wie zwei Personen miteinander leise diskutierten.
"Wir sind hier nicht richtig... ich spüre gar nichts..." wisperte leise eine ärgerlich klingende, weibliche Gestalt. Sina blieb der Mund offen stehen, noch nie hatte sie bei einer bloßen Stimme derart Gänsehaut bekommen vor Unbehagen. Eine männliche Stimme, überraschenderweise sehr wohlklingend, antwortete ihr nur: "Vertrau mir."
Sina riss die Augen auf. Eine Dritte, ebenfalls männlich und sehr belustigt wirkend, mischte sich ein: "Wenn Ryze das sagt, sind wir richtig. Abgesehen davon spürst du doch sowieso nie was." Es klang fast wie Hohn, ein Auslachen, nur eben mit Worten. Ein Fauchen antwortete ihm. Die angenehme Stimme mahnte beide zur Vorsicht.
Sina stand immernoch im Flur, umklammerte mit beiden Händen die Bratpfanne und überlegte, was die Einbrecher ausgerechnet in ihrem Bad wollten, als die eine Person, die sie zuletzt vernommen hatte, anscheinend etwas heruntergeschmissen hatte, worauf ein verärgertes "Shhhht" folgte. "Yi, pass doch auf. Du weckst sie uns noch" krächzte die weibliche Stimme grantig.
"Entschuldigung." grinste Yi vor sich hin und versuchte so leise als möglich, die kleine Dose mit Sinas Gesichtscreme wieder aufzuheben, mit dem Ergebnis, dass nun etwas Anderes, etwas was eh nur halb auf dem Spiegelschrank gelegen hatte, der Schwerkraft Richtung Fussboden folgte. Sina konnte förmlich sehen, wie alle drei zusammenzuckten und hatte das Augenrollen vor Augen und ein weiteres, lauteres "Shhhhhhht" im Ohr. Sie verzog ihr Gesicht und überlegte grad noch, mit welchen Trotteln sie es hier zu tun hatte, als einer der Drei die angelehnte Tür zu öffnen begann.
"Leise jetzt... " flüsterte die Person namens Ryze, "abgesehen davon ist sie schon lange wach."
Sina´s Augen wurden noch größer vor Angst, sofern das noch möglich war, sie stand wie angewurzelt da. Nun schwanden ihre Möglichkeiten, sie hatte viel zu lange Zeit damit verbracht zu lauschen, anstatt zu handeln. Wieder verfluchte sie sich für ihr ständiges Nachdenken anstatt etwas zu unternehmen.
Die Tür öffnete sich, Sina lehnte sich hastig zurück um wenigstens noch die Ecke des Flurs zwischen sich und den Badeingang zu bringen, was ihr zwar nicht merklich viel Abstand einbrachte, aber Einbildung war bekanntlich auch eine Bildung.
Eine Gestalt huschte in geduckter Haltung aus dem Bad heraus und auf leisen Sohlen folgte Diese dem Weg des kleinen Flurs entlang, um die Ecke herum und... direkt mit dem Kopf gegen die mit voller Wucht geschleuderte Bratpfanne.
Es machte "klonnnng" und Sina blinzelte verwirrt, als sie da auf die am Boden liegende Person starrte. Der Kerl, der da lag, war nicht bewusstlos, aber doch sehr überrascht, rappelte sich in Nanosekundenschnelle jedoch wieder auf.
Sina machte mit weit von sich gestreckter Bratpfanne ein paar Schritte rückwärts... ihre Stimme gehorchte ihr nicht, dazu hatte sie zuviel Angst aber ihr Blick sagte deutlich: Wagt es nicht, näher zu kommen.
Der Mann, der als Yi betitelt wurde, rieb sich immernoch überrascht den Kopf, aber wahrscheinlich mehr vor Überraschung immernoch als vor wirklich vorhandenem Schmerz, denn ein maskenähnliches "Ding" zierte seinen Kopf. Sina dachte gerade, dass das das "Klong" erklären würde, als die zwei anderen Personen um die Ecke traten, was verhinderte, dass sie sich den Typen noch näher betrachten konnte, was ja in der Dunkelheit eh nicht möglich war.
Sina sah nun in der nächtlichen Finsternis drei Gestalten vor sich, wo zwei davon sehr viel größer als sie selbst waren, und selbst bei der dritten Gestalt lag es nur an der beständig hin-und herschwingenden geduckten Haltung, dass er den Eindruck machte, er sei kleiner.
Nachdem sie sich alle Vier eine Weile angestarrt hatten schweigend, räusperte sich die Person namens Ryze und fing an zu reden: "Verzeihung Lady, wir wurden zu Euch gesandt, weil wir Euere Hilfe benötigen."
Sina starrte weiterhin, keinen Ton rausbringend und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Durch das Küchenfenster drang etwas Licht einer Strassenlaterne bis in den Flur und sie konnte sehen, dass der große, dunkel aussehende Typ sie anschaute. Seine Haut war eigentlich nicht richtig dunkel, eher gefleckt... es sah so aus, als ob merkwürdige Zeichen drauf gemalt seien.
Auf einmal spürte sie eine Berührung an ihrer Hüfte. Sie hatte in ihrer Angst völlig vergessen, dass Flori, der wohl neugierig geworden war, auch noch da war. Er suchte mit seiner kleinen Hand Halt an ihrer Seite und starrte ebenfalls auf die Drei. Das weibliche Etwas schaute auf das Kind, dann wieder auf Sina zurück. Sie schüttelte den Kopf und sagte zu Ryze: "Und ich sage dir, sie ist es nicht."
Sina stellte sich nun vor ihren Sohn und hielt wieder die Bratpfanne vor sich hin. "Ich hab keine Ahnung, für wen ihr mich oder euch haltet, aber geht. Jetzt sofort."
Ihre Worte klangen selbst in ihren eigenen Ohren lächerlich, aber etwas Besseres fiel ihr weissgott nicht ein. Ryze schaute sie nachdenklich an, wandte sich dann an Yi und nickte ihm zu.
Das Letzte, was sie mitbekam, waren eine sachte Handbewegung der mit Ryze angesprochenen Person, leise geflüsterte Worte in einer ihr unbekannten Sprache und sie sah gerade noch, wie der Kleinere, Yi, auf sie zuhuschte, danach wurde es dunkel. Ihr letzter Gedanke, bevor sie das Bewusstsein verlor, galt ihrem Sohn. Und der Zweitletzte der Überlegung, warum alle drei aussahen, als wären sie dem Computerspiel entsprungen.
To be continued.

