Es war wie jeden Abend. Immer wenn sich die Dunkelheit draußen wie eine Decke über das Land legte, freute Georg sich auf die kommende Nacht. Seitdem er diese liebenswerte Person kennen gelernt und sie später auch geheiratet hatte, konnte er es kaum erwarten, gemeinsam mit Sylvia im Bett zu liegen und sich an sie zu kuscheln. Es war einfach herrlich, mit ihr zu schmusen und auch andere Dinge zu tun. Sie hatten immer einen ungeheuren Spaß dabei.
Georg überlegte kurz. Wie war das damals noch? War es wirklich schon
lange her, oder war es doch erst gestern, als sie beim Liebesakt, direkt während ihres gemeinsamen Höhepunkts, aus dem Bett fielen? Georg grinste in sich hinein. Nein, was hatten sie gelacht. Er hatte den störenden Verhüterli, den er sich kurz zuvor abgestreift hatte, achtlos auf den Boden geworfen und Sylvia hatte ihn, nachdem sie voller Leidenschaft aus dem Bett gefallen waren, am Finger kleben. Jetzt musste Georg doch lauthals lachen. Sie hatten sich darüber köstlich amüsiert und er erinnerte sich immer wieder gern an diese Geschichte. Nun waren seitdem schon einige Jahre vergangen. Wie viele könnten es sein? Zehn, zwanzig oder
doch erst fünf Jahre? Wie doch die Zeit verging! Wie im Fluge!
Georg freute sich auf die Nacht wie ein kleines Kind, das Heiligabend den Weihnachtsmann erwartet. Unter die Dusche, Zähne putzen und ab zu Sylvia ins Bett. Genau wie gestern. Es war doch gestern, oder war es doch schon einige Tage her? Egal, Georg folgte der gleichen
Prozedur wie jeden Abend. Nach dem Duschen warf er sich den Bademantel über. Dann nahm er die Zahnbürste und putzte sich die Zähne. Er war immer noch sehr verliebt in seine Sylvia, genau so wie an dem Tag , an dem er sie kennen lernte. Wieder legte sich das Schmunzeln in seine Mundwinkel. Georg war noch gar nicht so alt - erst fünfundsechzig Jahre - und es funktionierte noch alles an ihm. Seine langen grauen Haare und der Schnurrbart verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen.
Damals, in der Bibliothek, hatte er Sylvia das erste Mal gesehen. Sie standen sich genau gegenüber, nur das Bücherregal, in dem sie beide herumsuchten, befand sich zwischen ihnen. Zufällig berührten sich ihre Hände. Erschrocken zogen sie sie rasch zurück und Sylvia fiel dabei ein Buch herunter, dass es nur so polterte. Georg ging rasch auf die andere Seite hinüber, um sich bei ihr wegen seiner Ungeschicklichkeit zu entschuldigen und um ihr zu sagen, dass das keine plumpe Anmache gewesen sei. Sie sahen sich in die Augen, und plötzlich war es um sie beide geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Obwohl Georg sehr schüchtern war, lud er sie doch für den nächsten Abend in ein Restaurant ein. Sylvia sagte zu, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Er wusste noch genau, was sie damals bestellt hatten: Sylvia aß einen Salatteller mit Putenstreifen und er eine Grillhaxe mit Sauerkraut. Sie trank ein Mineralwasser und er eine Apfelschorle. Ja, obwohl es schon so lange her war, konnte er sich an jede Kleinigkeit erinnern.
Nur, verflixt - was war denn gestern alles geschehen ? So langsam schien sein Gedächtnis ihn im Stich zu lassen. Aber das passiert ja schon mal: den Schlüssel im Haus vergessen oder den Einkaufszettel auf dem Tisch liegen lassen. Das war doch normal. „ Gott sei Dank, dass ich noch fit bin“ , dachte Georg und machte sich daran, seine Bartstoppeln zu rasieren. Sylvia mochte es nicht, wenn er unrasiert ins Bett kam. Er hatte es sehr, sehr gern, ihren Körper zu liebkosen, wenn sie bereits neben ihm eingeschlafen war. Sobald er sich zurechtgemacht hatte, würde er wieder leise hinübergehen, zu ihr, in das Zimmer, in dem sie beide schon so lange schliefen.
Angestrengt überlegte er, was er denn heute eigentlich alles gemacht hatte. Ach, das war doch nicht so wichtig. Wichtig war jetzt nur Sylvia. Sie würde ihn - wie immer - voller Sehnsucht erwarten. “Die Vorfreude“ , dachte Georg, „ist die schönste Freude.“ Er ging hinüber zur Tür, öffnete sie und huschte leise über den Flur, bis er sich vor ihrer Zimmertür befand. Vorsichtig öffnete er sie einen Spalt breit und schlüpfte hinein. Vorsichtig verschloss er sie wieder hinter sich und ging auf Zehenspitzen hinüber zum Bett. Sie hatte das Licht bereits ausgeschaltet und regelmäßige Atemzüge sagten ihm, dass sie schon eingeschlafen war. Er entledigte sich seines Bademantels und hob die Bettdecke etwas an, um sich zu ihr zu legen. Wie schön es doch war, wenn er ihre Wärme spürte, sie berührte und streichelte. Er konnte sich einfach nichts Schöneres vorstellen als neben seiner geliebten Frau zu liegen und sich an sie zu schmiegen. Langsam suchten seine Hände nun auch die Stellen auf, an denen sie es so gerne hatte, und er bemerkte , wie sein Blut langsam in Wallung geriet und eine heiße Leidenschaft in ihm entfachte. „Sylvia wird sich bestimmt über meine kleine Massage freuen“, dachte er. Vielleicht würde sie ja doch noch aufwachen und sie könnten sich - wie so oft in all den vergangenen Jahren - der Liebe hingeben. Er streichelte sie immer intensiver und seine Hände glitten jetzt immer lüsterner über ihren Körper.
Plötzlich hörte er ein kratzendes Geräusch an der Tür. “Wer steht hier in meinem Haus vor der Zimmertür? Ist dort vielleicht ein Einbrecher?“ fragte sich Georg starr vor Schreck. Voller Angst blickte er auf die Tür, die nun langsam aufging.
„Herr Görtz, was machen Sie denn wieder im Zimmer von Herrn Biermann? Man kann Sie nicht eine Minute allein lassen.“
Die Frau in dem weißen Kittel schaltete die Deckenleuchte ein und Georg musste geblendet die Augen schließen.
„Aber – ich bin doch nur bei meiner Frau“, sagte er nun ganz erstaunt.
Die Schwester schaute ihn mitleidig an. Sie wusste, warum Georg Görtz hier bei ihr in der Geronto-Psychiatrie auf der geschlossenen Station der Demenzkranken war.
„Herr Görtz, Sie haben sich wieder im Zimmer geirrt“, sagte sie besänftigend und half ihm beim Aufstehen.
Der Zimmernachbar, der sich ebenfalls seit einiger Zeit auf der geschlossenen Station der Demenzkranken befand, wachte durch die Geräuschkulisse auf und schaute verschlafen aus seinem Bett. Aber ihm war die Situation wohl völlig egal und er drehte sich gleichgültig auf die Seite. Bald darauf war er wieder eingeschlafen.
„Wer schläft denn dort in unserem Bett?“ Georg geriet nun völlig aus der Fassung. „Wo ist Sylvia?“
„Aber Herr Görtz, Ihre Frau ist doch bereits seit mehr als zehn Jahren tot!“
„Meine Frau ist tot?“ Georg war von einem Moment auf den anderen zu Tode betrübt. Er konnte das nicht begreifen, er war völlig erschüttert.
„Sie ist tot?“ Er schluchzte und konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er weinte nun herzzerreißend.
Die Schwester streifte ihm den Bademantel über und nahm ihn tröstend in die Arme. Sanft führte sie ihn zu seinem Zimmer auf der Station zurück.
Es brach ihr jedes Mal das Herz, wenn sie Georg wieder aus dem Bett des Nachbarzimmers holen musste. Jeden Abend schaute sie nach ihm und dennoch entwich er aus seinem Zimmer und lebte in seinen alten Träumen. Er war doch so ein netter Mensch, aber diese scheußliche Krankheit fraß ihn ganz langsam auf.
Sie legte ihn vorsichtig auf das Bett. Er weinte nicht mehr. Im Gegenteil, er war plötzlich äußerst aufgedreht und fröhlich. Er richtete sich im Bett noch einmal auf. „Morgen werde ich meine liebe Frau wiedersehen. Ich freue mich schon so auf morgen Abend, wenn ich wieder mit ihr zusammen sein kann.“
„Ja, Herr Görtz, aber Sie sollten sich das nächste Mal doch ganz rasieren, nicht nur zur Hälfte, und“ – sie roch ganz kurz an ihm - „auch duschen könnten Sie wieder einmal.“
Urplötzlich sagte er in einer ganz anderen, einer sehr aggressiven Stimmung: „Gnädige Frau! Wer sind Sie, und was machen Sie hier in meinem Haus? Verlassen Sie bitte sofort meine Wohnung, sonst rufe ich die Polizei!“
Sie wusste , dass Georg für diesen Ausbruch nichts konnte. Ohne eine Erwiderung ging sie hinüber zur Tür.
Resignierend blickte sie noch einmal zurück auf den im Bett liegenden Patienten, der sich nun völlig teilnahmslos auf die Seite legte. Seufzend schloss sie ganz leise die Zimmertür hinter sich.

