Fantasiegeschichte oder eine wahre Geschichte?!
Spidergirl
Das Unheil begann an einem kalten Winterabend, in einer Wohnung im beschaulichen Hettenhain, einem reizenden Ortsteil von Bad Schwalbach, als wir uns, meine Lebensgefährtin und ich, zum Abendessen an den reich gedeckten Tisch setzten. Ich hatte an dem Tag so etwas Ähnliches wie Flurwoche, nur in der gesamten Wohnung, die eine Fläche von ca. 83 m² aufwies, als mein prüfender und geschulter Blick unter den Tisch fiel, wo es sich ganz dreist eine Spinne gemütlich gemacht hatte.
Aber mein gestrenger Blick wurde direkt von Spidergirl (meiner Lebensgefährtin) registriert, und sie entdeckte ebenfalls zu unseren Füßen das haarige Monster-Geschöpf .
Ich war im Begriff meinen pantoffelten Fuß da niedersausen zu lassen, als mich von Spidergirl ein Netz-Blick traf, der mein angehobenes Bein auf der Stelle erstarren ließ.
„Oh wie süß, was für ein niedliches Tierchen. Guck doch mal, ist es nicht putzig? Du willst es doch nicht töten!“
„Aber nein, das würde ich doch niemals tun!“, versuchte ich im letzten Moment noch alles zum Guten zu wenden, „ich wollte nur nicht aus Versehen drauf treten“, und machte mein unschuldigstes Gesicht, dass ich in diesem Moment dabei hatte.
Spidergirl stand auf und schaute sich das süße Tierlein aus der Nähe an.
„Kannst Du es nicht auf den Balkon setzen, dort wird es sicherer vor Dir sein, bevor Du es vielleicht noch zu Tode trittst!“ Spidergirl schaute mich an, als ob sie mir im nächsten Moment einige Fäden verpassen wollte.
Ehrlich gesagt gefiel mir das auch besser, und so nahm ich ein Wasserglas und setzte die Spinne in einer Ecke auf dem Balkon aus.
Am nächsten Morgen hatte ich natürlich den Frühstücksdienst und deckte den Tisch mit allerlei Leckereien. Da Spidergirl mit ihrer Morgentoilette noch nicht geendet hatte, nahm ich die neueste Zeitung zur Hand, bis mein Blick unter den Tisch fiel, wobei mich plötzlich ein dèjà-vu befiel. Wieder hockte eine Spinne unter dem Tisch. Ich schaute mich nach Spidergirl um, aber sie war noch nicht in der Nähe und so entschied ich mich kurz entschlossen dazu, die Zeitung als Werkzeug des Grauens zu missbrauchen.
Ein kurzer Schlag auf den Hinterkopf, ein Blick zur Tür, ob Spidergirl dort schon auftauchte, ein Griff an die langen Beine und dann ein meisterlicher Wurf in den Beutel der fast alles verschlingenden Biotonne, ja, ich war eben ein Meister im Sortieren!
Ich vergaß die Großwildjagd so schnell wieder, wie sie begonnen hatte und las die neuesten Nachrichten, bis Spidergirl mich aus meinen Gedanken riss.
„Kannst Du dich an die Spinne von gestern Abend erinnern, die Du so lieb auf den Balkon gesetzt hast?“
„Ja, natürlich kann ich das. Wieso?“ (Verdammt, hatte sie vielleicht etwas bemerkt?)
„Sie tat mir so leid, es war doch so kalt da draußen und so habe ich sie wieder reingeholt und unter den Tisch gelegt. Sie war schon ganz steif gefroren und hat sich kaum noch geregt. Armes Tierlein!“
Oh Gott, was sollte ich denn nun machen?!
„Du müsstest sie doch eigentlich gesehen haben?“ Spidergirl sah mich fragend aus ihren Spideraugen an.
Ich schluckte. „Eine Spinne unter dem Tisch? Hab ich nicht gesehen!“ Bamm!
Das war eine Notlüge, das war eine wirkliche Notlüge! Ich konnte Spidergirl doch jetzt nicht offenbaren, dass ich das Tier, das auf dem Balkon so fürchterlich gefroren hatte, mit einer Zeitungskopfnuss ins Jenseits befördert habe!
„Die wird sich wohl wieder aufgewärmt haben und irgendwo feine Fäden spinnen“, meinte ich mit Unschuldsmine. Spidergirl warf mir noch einmal einen misstrauischen Blick zu, aber sie glaubte mir wohl.
Leider bekam ich durch diese hässliche Lüge solche Gewissensbisse - ich konnte kaum noch schlafen, abgesehen davon konnte ich ihr auch nicht mehr in die Augen schauen - und beichtete Spidergirl meinen unverzeihlichen Fehler drei Tage später.
Tja, das ist eben Liebe!
Axel Lechtenbörger
- Axel's blog
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- Link to this blog

